Bibel für Flaneure
Nein, die Sprache, die Wien spricht, ist eine ganz eigene. Sie kommt einem in jedem Bezirk unter, in jeder Straße, in jeder noch so kleinen Gasse. Sie ist alt, blättert ab, beginnt zu verschwinden. Sie verliert einzelne Buchstaben, lässt sie lose herab hängen, so dass Zahnlücken entstehen. Die Rede ist vom Wiener Stadtalphabet, gesammelt und dokumentiert, aufgehoben und entdeckt von dem Fotografen Martin Ullrich Kehrer.
Sammlerleidenschaft
Martin Kehrer ist ein Sammler. Seine Leidenschaft sind nicht Zuckerpackerln, die er aus allen Herren Ländern anschleppt. Oder Blechdose, die er über Grenzen schmuggelt. Und schon gar keine Kaffeehäferln, die aus Bars wie von selber mitgehen. Er sammelt Buchstaben. Beschriftungen, die von alten Schildern und Blechtafeln herunter schauen, den Namen des Geschäftes und seine Bestimmung verraten und so gut wie immer eine Geschichte erzählen. Er schaut auf das Material, aus dem die Buchstaben geformt sind. Er liebt das Grafische. Er achtet auf die Formensprache einer Stadt.
Ein idealer Ort, um seiner Leidenschaft nachzugehen ist Wien. Über zwei Jahre lang war Martin Kehrer auf Spurensuche. Hat jeden Bezirk Wiens abgegrast und musste sich bei jeder Straßenkreuzung die alles entscheidende Frage stellen: Gehe ich links, rechts oder gerade aus? Am liebsten hätte er alle Möglichkeiten abgeklappert. Denn kaum hatte er sich für einen Weg entschieden, blieb im Hinterkopf immer die Vorahnung: Was habe ich jetzt gerade versäumt? „Zum Schluss war es schon fast manisch,” so Kehrer über seine Sucht, noch ein schönes Stück zu finden und noch eines und noch eines.
Besondere Ästhetik
Auf einem seiner Lieblingsbilder steht das Wort „Ästhetik“. Darunter als kleines Detail am Rande: Fußpflege. Aber auch das Schild eines Blumenladens im 7. Bezirk mag er sehr. Das hat die neue Besitzerin getreu der alten Vorlage herstellen lassen. Und zwar so, wie man es vor Jahrzehnten produziert hätte: Aufwendige Hinterglasmalerei nach alter Technik. Ein besonderes Stück. Genauso besonders wie der Blumenladen. Oder die Beschriftung des Konzeptstores PARK in der Mondscheingasse. Es ist für Martin Kehrer ein kleines Stück Architektur, an dem alles stimmt: Die Formensprache gibt die Idee des Geschäftes wieder.
Martin Kehrer kam es in seiner Suche nach alten Beschriftungen immer wieder auf die Materialien an, aus denen die Buchstaben gegossen, geformt, gemalt waren. An ihnen konnte man den Grad der Zersetzung erkennen. Den Zahn der Zeit ablesen. Das langsame Verschwinden wahrnehmen. Das Abblättern von Glanz und Glorie. Dazu kam auch die Form der Buchstaben. Im Buch finden sich nicht nur die klassischen verschnörkselten Schriften wieder, die vielleicht eigens für das eine Geschäft entworfen wurden. Sondern auch jene „Fertigware“, also Standardschriften, die an verschiedensten Ecken von Wien auftauchten. Auch die wie von Hand ausgeschnitten Buchstaben haben fanden ihren Platz in seinem Buch.
Schwierige Wahl
Martin Kehrer musste aus 3.000 Bildern eine Auswahl treffen. Nur 220 Bilder hatten im Buch Platz. Das war keine leichte Aufgabe. Seine Wohnung war überseht mit Ausdrucken, immer wieder wurde welche weggerückt, dazugeschoben, umgedreht und durchgestrichen. Freunde von ihm gaben ihren Senf dazu. Und der Verlag vergrößerte die Seitenanzahl, damit die Auswahl nicht ganz so schwer fiel. „Es ist jetzt noch so, wenn ich durch Wien gehe, fallen mir Beschriftungen auf, die ich übersehen habe. Und das tut mir dann leid.”
Das Archiv des Wiener Stadtalphabets wächst auch nach der Fertigstellung des Buches weiter. Martin Kehrer hält die Zeitzeugen fest. Und das ist gut so. Denn wer weiß denn heute noch, was in einer Plissieranstalt gemacht wurde? Oder, dass es einmal eine Autowerkstatt gab, die Havarie hieß. Oder eine Pelzhandlung mit dem Namen „Urschl“. Einem echten Wiener Ausdruck für eine etwas einfältige Frau. Am Cover des Buches befindet sich die Beschriftung des Ladens „Wiener Schick“. Wahrscheinlich war er einmal ein Modeausstatter. Dann stand es lange leer. Bis eine Gruppe junger Menschen ihn entdeckte, original getreu restaurierte, ihren Kostümfundus darin einrichteten und den alten Schriftzug zu ihrem Logo machten. Schön, wenn manche Dinge weiter leben. Schön, wenn es Sammler wie Martin Kehrer gibt, die ein Stück von Wien bewahren.
Wer sich also ein Stück vergängliches Wien im Wohnzimmer aufhängen möchte, der kann das: es gibt Prints aus dem Buch. Man kann sich natürlich auch das Buch kaufen. Oder alte Beschriftungen auf eigene Faust entdecken. Auch wenn sie täglich weniger werden: Es sind noch genügend da.
Martin Ulrich Kehrer
Bis 13. Juni 2010 gibt es im Wien Museum auch noch die Ausstellung zu sehen.
Oh! Sowas lieb ich ja! Ich fotografiere in Frankreich immer die abblätternde Werbung an Hauswänden. Auch sehr schön! Danke für den schönen Beitrag.
Herzlich
Christiane
Kommentiert von:Christiane | Mittwoch, 27. Januar 2010, 17:36 Uhr
Das ist ja toll! Vielen Dank für die gute Vorstellung dieses tollen Buches.
Hab mich sehr gefreut.
Während des Studiums wurden wir Studenten im Übrigen losgeschickt Dinge zu fotografieren, die wie Buchstaben ausschauen. Das war auch spannend Der Brunnen vor der Alten Oper in Frankfurt, der ausschaut wie ein T oder die Ohrmuschel meiner Schwester, einem G gleich.
Liebe Grüße aus Frankfurt,
Tiny
Kommentiert von:Tiny | Mittwoch, 27. Januar 2010, 19:00 Uhr