Wien - Ansichten einer Stadt

Alle schwärmen von Wien - nur sie nicht! Das hat Gabi Weiss (45) neugierig gemacht, die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, neu zu entdecken.

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Vorher - Nachher

Es gibt Ereignisse, die eine Geschichte in ein Vorher und ein Nachher teilen. So ist das auch beim Café Drechsler: Es gibt das Café Drechsler mit dem Herrn Drechsler. Und es gibt das Café ohne ihn. Dazwischen liegen Welten. Und jede hat etwas für sich. ....

Mit dem Herrn Drechsler war es eines der typischen Wiener Kaffeehäuser: alles ein bisschen abgewetzt und gemütlich. Man traf sich nach einem ausgiebigen Einkaufsbummel am Naschmarkt auf einen ausführlichen Tratsch beim Drechsler, lugte dabei in die Einkaufstaschen der anderen und überlegte, was die wohl am Wochenende kochen werden. Man nickte sich zu, denn man kannte sich bereits vom letzten Samstag, vom Samstag davor und von all den anderen Samstagen, die man dort verbracht hatte. Das normale Verhalten von Stammgästen eben.

Eine besondere Erscheinung war Herr Drechsler. Er war immer anwesend, immer flitze er durchs Lokal, immer hinter seinen Kellner her, damit der Gast nur ja nicht warten musste. Es schien, als könnte er zur gleichen Zeit überall sein. Und dabei blieb er ruhig, lächelte, glitt wie ein Schatten zwischen den Tischen durch und nahm alles wahr. Ab und zu sah ich ihn mit roten Backen. Da war er dann wahrscheinlich doch ärgerlich geworden – doch davon bekam man als Gast nichts mit.

Er gehörte nicht zu denn redefreudigsten Cafébesitzern, aber sicher zu den mutigsten. Schließlich überquerte er mehrmals am Tag mit einem vollen Tablett bis an den Rand geschlichtet mit dem drechslerschen Häferlcafé die linke Wienzeile. Dazu muss man wissen: da ist echt viel Verkehr. Ein Wunder, dass nie etwas passierte. Ein Wunder, dass es Herr Drechsler nicht zu einem eigenen Warnschild geschafft hat: Schritttempo für älteren Herrn mit vollem Tablett. Aber ein Wiener Original wird wohl von besonderen Kräften beschützt. Herr Drechsler machte sich mit dem Tablett voll Kaffees zu den ”Standlern” am Naschmarkt auf, in aller Herrgottsfrüh, um ihnen den morgendlichen Koffeinschub zu verabreichen. Das war Tradition. Keiner konnte sich ein Erwachen ohne Drechsler vorstellen. Ich war ja nie dabei, gerne hätte ich ihm aber über die Schulter geschaut, um seine Interaktion mit den Menschen beobachtet. In meiner Erinnerung bleibt er immer sprachlos. Er lächelte, das war alles. Ich glaub, er war zufrieden.

Das Drechsler war ein Ort, an dem die Zeit stehen geblieben ist. Exakt um sieben Minuten nach drei Uhr, am Nachmittag. Da hörte die alte Wanduhr zum Ticken auf. Ich glaube, seither hat sich nichts verändert. Seither ist das Drechsler seinem Ruf treu geblieben. Dem Ruf eines Kaffeehauses, wo sich in den Morgenstunden eine Mischung aus Frühaufstehern und Übergebliebenen trifft. Die einen mit Sonnenbrille und Fahne, die anderen mit der mürrischen Laune des Unausgeschlafenen.

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Im Hinterzimmer standen die meist zugedeckten Billardtische, dahinter befand sich die unvergessliche Ausschank: unvergesslich, weil sie einem vollen Einblick in die Küche gewährte, und ich vermute, nicht jeder wollte dem Koch beim Eierspeismachen zusehen. ”Grindig” ist der Ausdruck, der einem trotz Nostalgie in den Sinn kam. Robert, der über 11 Jahre dort Oberkellner war, ging, weil es ihm irgendwann dann doch zu schmuddelig wurde.

Die Zeit nach Drechsler.
Dann kam der Moment, wo das Drechsler zusperrte. Gelinde gesagt: eine Katastrophe. Am Naschmarkt waren in den letzten Jahren zwar unzählige andere Lokale aus dem Boden geschossen, wie das Naschmarkt Deli (www.naschmarkt-deli.at), aber nichts war mit dem Drechsler vergleichbar. Ich weiß nicht mehr wie lange es dauerte, aber exakt am Tag des Opernballes 2007 sperrte das Drechsler wieder auf. Das war nicht zu übersehen, denn alle waren gekommen, um das NEUE Drechsler ohne den alten Drechsler zu sehen. Die Schlange vor dem Lokal wurde immer länger, nach einer halben Stunde war das Lokal voll. Bis um 2.00 in der Früh. Dann musste es zusperren und durfte eine Stunde später wieder aufsperren - nichts gegen die gesetzlichen Bestimmungen und Kaffeehauskonzessionen! Diesmal bildete sich wieder eine Schlange, aber aus Taxis, die Besucher vom Opernball warteten auf Einlass.

Die alte Uhr zeigt immer noch sieben Minuten nach drei Uhr. Die Kaffeehaustische sind geblieben, eine alte Kasse zur Dekoration, die alten Stühle, die Lamperie (=Holzverkleidung) wurde restauriert, der Spiegel ist auch noch aus alten Tagen. Wo früher die Küche war ist jetzt das Hinterzimmer, Billardtische gibt es keine mehr. Den Architekten von Conran & Partners muss man ein Lob aussprechen. Sie haben mit viel Feingefühl das Herz des Cafes erhalten und es mit Bedachtsamkeit modernisiert. Auch wenn dann das Design, wie das der Lampen, nicht immer praktisch ausfällt. Dafür sind sie modern und haben doch die alte Form behalten. Noch etwas ist verändert unverändert: die Küche. Die typischen Kaffeehausgerichte sind geblieben: es gibt immer noch Sacherwürstel mit Senf und Kren dazu 1 Semmel, Cremespinat mit Spiegelei & Rösti, Krautfleckerl mit grünem Salat, Specklinsen mit Serviettenknödel, Eiernockerln, Schinkenfleckerl, Paprikahendl mit Nockerln, Wiener Gulasch mit Salzerdäpfeln, Gebackenes Schweinsschnitzel – frisch aus der Pfanne sagt Robert, ja genau der Robert von früher, der jetzt Geschäftsführer ist. Freitag ist Fischtag. Essen gibt es rund um die Uhr (bis auf die eine Stunde, wo geschlossen ist).

Jetzt ist auch am Sonntag geöffnet, und da legt DJ John Megill sein ”SUNNY SIDE UP” ab. Von 14.00 bis 18.00 entspannte Musik. Das Drechsler ist nicht mehr das Drechsler. Aber etwas davon ist geblieben, etwas Gutes, Altes, Romantisches, wie der Kern einer Sache und viel neues Gutes ist dazugekommen. Es ist die Verfeinerung des alten, ja so könnte man es sagen.

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Dem alten Herrn Drechsler gefällt das Neue anscheinend nicht so gut. Ist eben Geschmackssache. Oder Gewöhnung. Er lässt sich nur selten blicken. „Dafür geht er zehnmal am Tag am Fenster vorbei und schau, ob alles in Ordnung ist”, verrät mir eine Kellnerin. Na gut, er wohnt ja auch im gleichen Haus – könnte man dem entgegenhalten. „Was soll er denn hier sitzen wie eine Puppe im Central”, spielt Robert auf die Pappmache-Figur von Schriftsteller Peter Altenberg im Café Central an.

Auch ich hab mich langsam an das neue Drechsler angenähert. Am Anfang wollte ich gar nicht hinein gehen. Jetzt, gefällt es mir. Ich habe einen guten Platz zum Schreiben gefunden. Mit WLan und Steckdose wird es für mich zum zweiten Büro. Und wenn ich Herrn Drechsler an mir vorbei gehen sehe, freut es mich. Er sieht unverändert aus. Und ist anscheinend unverändert ein Hallodri – zumindest was sein Faible für junge, schlanke Frauen angeht.

Cafe Drechsler
1060 Wien, Linke Wienzeile 22/Girardigasse 1
+ 43 -1- 581 20 44
>> www.cafedrechsler.at

Fotos Copyrights: Cafe Drechsler

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Kommentare

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Sehr nostalgisch, das Ganze. Habe einige Jahre im Drechsler-Haus gewohnt und war letzten sommer zum ersten Mal im "neuen" Drechsler. Wirkt recht nackig und aufgeräumt, Zeitgeist frisch. Aber immer noch besser als Running Sushi oder was halt gerade in ist. Ein Wunsch: Die Kärtnerstrasse wieder mit Strassenkünstlern beleben und nicht nur mit billigen Moderamschläden zu füllen. Das wäre schööön.

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