Ich flog auf die Andaman Islands. Erwartet hatte ich das Paradies. Doch es kam anders... Die Andamans waren schwierig zu erreichen. Sie lagen zwischen Indien, Thailand und Burma. Sie konnten nur von Indien aus angeflogen werden. Und dort wiederum boten nur zwei Städte, nämlich Chennai und Kalkutta, Flüge nach Port Blair an. Die Andamans gehörten daher nicht zum beliebtesten Kurzurlaubsziel dieser drei Länder, sondern waren eher frequentiert von westlichen Nichtpauschalurlaubern mit Abenteuerdrang. Die Andamans waren herrlich. Weite, ursprüngliche Strände übersät mit riesigen martialischen Baumstämmen,
wie zufällig auf dem Sand gestreute Muscheln und - Krokodilen! Ja, es gab Salzwasserkrokodile.
Diese hielten sich angeblich nur in den seichten Mangrovengewässern und nicht am Strand auf, das behaupteten zumindest die Betreiber der am Strand gelegenen Gästehäuser. Doch nicht jedes Krokodil schien das zu wissen und so war vor einigen Monaten, ein unwissendes Krokodil zu weit gepaddelt und neben einer schnorchelnden Touristin gelandet. Das Ganze nahm, wie könnte es anders sein, ein dramatisches Ende. Es kursieren hierzu die wildesten Stories auf der Insel. Die Amerikanerin habe mit ihrer Unterwasserkamera Fotos von dem Krokodil gemacht, statt direkt die Flucht zu ergreifen. Ihr Mann beobachtete das Massaker vom Strand aus. Vielleicht waren sie aus Hollywood und er hat ihr noch Regieanweisungen gegeben. Doch das ist nur eine Spekulation meinerseits und tut nichts zur Sache. Jedenfalls meldete er den Krokodilunfall der Polizei. Diese fand die Geschichte unglaubwürdig, denn Krokodile kommen ja nicht an den Strand. Sie verdächtigten stattdessen den Ehemann, seine Frau beseitigt zu haben. Denn es fehlte der Körper, aber der war ja im Krokodil. Doch das Glück, soweit man bei dieser Geschichte überhaupt von Glück sprechen kann, war auf Seiten des Ehemannes. Man fand die Unterwasserkamera und darauf die Fotos vom Krokodil. Des Ehemanns Glaubwürdigkeit stieg. Nach einigen Tagen fand man dann angeblich auch Teile der Frau, in eindeutigem Zustand und der Ehemann war entlastet. Seither ist an diesem Strand ein Wachposten mit einem Gewehr positioniert. An all den anderen Stränden nicht, denn Krokodile kommen ja nicht an den Strand. Doch für alle Fälle gibt es Schilder, darauf abgebildet ein Krokodil unter dem Wörtchen "Danger!" Wie auch die Realität mit der Frau, dem Krokodil, dem Ehemann und der Kamera tatsächlich war, ich hatte beim Schnorcheln ein mulmiges Gefühl.
Ein mulmiges Gefühl hatte ich aber nicht nur am Strand, sondern auch in meiner Strandhütte. Der Grund für dieses kam von Oben. Ich war gerade eingezogen, hatte meine abenteuerlustigen, wenn auch deutschen Nachbarn, in den zwei Hütten nebenan begrüßt, als ich plötzlich einen lauten Schrei hörte. An ein Krokodil dachte ich nicht, nicht in der Hütte. Doch es wäre nahe dran gewesen. Eine riesige schwarze Schlange, offensichtlich im Giebel unserer Hütte wohnend, ließ sich von selbigem herab und landete versehentlich im Hütteninneren meines Nachbarn. Michael schrieb gerade seinen Reiseblog als das drei Meter lange Vieh an ihm vorbei schlängelte, verstört vom ungewohnten Umfeld ins Badezimmer flüchtete und dort panisch nach einem Ausgang suchte. Nadine, in der Hütte nebenan, wurde unfreiwillig Zeuge der Schlängelei und ich sah nur noch das im Badezimmer zur Seite gedrückte Mückengitter, durch das sich die Schlange quetschte, um zurück auf unser Dach zu kriechen. Unser Hotelbesitzer, offensichtlich beunruhigt drei Mieter auf einen Streich zu verlieren, ging, mit einem Prügel ausgestattet, die Schlange suchen. Halbherzig stieg er aufs Dach um schon nach einer Minute erleichtert zu verkünden die Schlange sei weg. Wir aber hörten von diesem Moment an immer ein verdächtiges Rascheln in unseren Strohgiebeln.
Dann am dritten Tag kam der Regen und er blieb. Es regnete und regnete und wollte nicht mehr aufhören.
Es wurde kalt. Mein Krokodilthema war damit vom Tisch. Denn zum Schnorcheln war es zu kalt. Doch die Schlange blieb und mit ihr mein mulmiges Gefühl.