Plastik-Tag
Ein Plastik Tag ist so herrlich
künstlich. Möglichst ohne Tageslicht und Frischluft, zeitgemäß
und emotionsfrei .
Morgens weckt die Stimme des Weckers mit einem monotonen „es ist – sibben – Urr – dreizehn“ und das Bad ohne Fenster, aber dafür mit Fußbodenheizung und rauschendem Abluftföhn, erwartet seinen Besucher mit elektrischer Zahnbürste und 24 Stunden Intensiv Deo mit Sanddornaroma. Aufs Haar kommt extra-long-anhaltender Stylingfoam und die Tagescreme mit aufgedruckter Aloe Vera Pflanze macht die Hautpflege so allergikerfreundlich ....
Zum Frühstück wartet der Schümli, der seinen Weg durch einen Kaffeepad nimmt und aromatisch mild seinen Duft in Richtung Kochinsel ausbreitet, auf der üblicherweise der Sechsflammengasherd kalt bleibt, da die Mikrowelle schnellere Dienste leistet. Doch dies gehört dann eher zu den Abendthemen. Nun schnell hinein in den atmungsaktiven Office-Coat , die voll imprägnierten Designerslipper und los geht es im geleasten Sportflitzer zum voll aklimatisierten Arbeitsplatz mit Blick auf die Skyline der City.
Eine Besprechung jagt die andere, aber die Mittagspause verspricht eine kurze Unterbrechung in der firmeneigenen Foodbar, der ehemaligen Kantine. Optisch anspruchsvoll präsentiert sich das leichte Büromahl im italienischen Stil, dazu ein kleiner Drink mit Grünem-Tee-Extrakt zum leichteren Einfangen der körpereigenen freien Radikalen. Ist dies erfolgreich erledigt, trifft sich die Führungscrew zum zwanzigminütigen Motivationstraining in der Leaders-Lounge. Zum Abschluß befüllen sich die Teilnehmer mit positiver Energie aus energetisch wirkenden Naturklängen aus dem Dolby-Surround-System im Raum. Der Nachmittag, an dem die wichtigsten Telefonate per Freisprecheinrichtung und einem Agressionsball in der Faust erledigt sind, rundet sich mit einem Kurzmeeting zum Thema „Mobbing am Arbeitsplatz“ ab. Angeblich soll es in den Dependancen des Unternehmens einige Fälle von Kick-Outs unter der Gürtellinie geben. Um dem Ruf in der Öffentlichkeit nicht zu schaden, wird schnellstens ein Beauftragter als Kommunikations-Manager bestimmt, der zur Sozialkompetenz im Betrieb Stellung nimmt und diese Erkenntnisse an die Tagespresse weiter reicht. Den Betroffenen wird zeitnah eine Versetzung entgegensehen, um die Homogenität im Team wieder herzustellen. Gegen zwanzig Uhr sieht man die letzten Mitarbeiter aus der Glasfassade heraus tröpfeln, nur Beförderungsunwillige verlassen bereits nach acht Stunden das Gebäude.
Manch einen führt der Weg nun direkt ins Fitness-Center aufs Laufband oder in die Sushi-Bar zum Treffen mit Kollegen. Wer sich direkt auf den Heimweg macht, kauft noch schnell einen Smoothie der Natürlichkeit wegen und dazu einen Asia-Snack für einen dynamischen Abend. Der Weg von der Tiefgarage in den zweiten Stock führt abends immer über das Treppenhaus, um körperlich aktiv zu bleiben. Vor dem Essen nun noch schnell eine Power-Dusche mit Extralongfresh-Gel und zellaktiver Bodylotion als Krönung auf den trainierten Luxuskörper. Pay TV sei dank nun noch ein wirklich geistreicher Film als Hintergrundkulisse zur aktuellen Tageszeitung mit Börsennachrichten. Ein Glas edler Cabernet Sauvignon untermalt das Microwellen-Rotbarschfilet, denn der Inhalt der Asia-Tüte ist längst kalt und unansehnlich geworden. Schließlich ruft das Bett und iPod, iPhone und das körpereigene I-Brain begeben sich nun zur Ruhe, um erfrischt und aktiv in einen abwechslungsreichen neuen Tag zu starten.
Und dann ist auch schon Wochenende. Vielleicht taugt der Sonntag ja zu einem Ausflug, um auf dem ausgewiesenen Lernpfad des Naturschutzgebietes einen kleinen Outdoor-Trip zu machen – vorausgesetzt die im Internet bestellten Aktiv-Freizeitschuhe mit Intensiv-Federung wurden bis dahin geliefert.
Illustration: Karin Tauer, 2009, zu erstehen bei www.westend 61.de
Sehr schön!!!!
Seit ich seit einigen Wochen auch regelmäßig gebrieft werde, steigert sich meine Allergie gegen Anglizismen ins Unermeßliche. Warum kann man mich in die neue Aufgabe nicht einfach einweisen? Wo sind die guten alten Anweisungen, Besprechungen und Treffen geblieben?
Viele Grüße Carola
Kommentiert von:Carola | Samstag, 13. Februar 2010, 11:21 Uhr