Bunte Begegnungen

Karin Tauer (44) schreibt und zeichnet sich als freie Künstlerin und Illustratorin durch ihren bunten Alltag.

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Die feinen Unterschiede – von der Autofahrt zur Obstabteilung

Deutschland-Spanien---deine-Ziege Europa ist groß und die Länder verschieden. Offensichtlich durch Sprache und Gepflogenheiten erkennbar. Aber da gibt es neben dem, was einem Reisenden sofort ins Auge sticht, auch kleine Unterschiede, die erst im Alltag zutage kommen. Genau diese beschäftigen mich momentan tagtäglich, da ich sie erlebe und nie so genau weiß, ob ich nun spanisch oder deutsch empfinde.

Ich beginne einmal beim Autofahren. Der Lübecker im Allgemeinen begegnet mir bei meinen ersten Irrfahrten OHNE Navigationssystem, was alleine schon ausreichend Stoff für einen ausführlichen Essay bieten würde, und wildem Spurwechseln und Kopfkratzen recht gelassen und höflich. Gut, der eine oder andere schimpft schon einmal recht wüst, aber bei den Temperaturen ...

.....bleiben die Fenster ja geschlossen und ich darf es beim Stummfilm hinter der Seitenscheibe belassen. Sehr ungewohnt erscheint mir, dass man einfach auf der Fahrbahn stehen bleibt OHNE links zu blinken, wenn ein Hindernis auftaucht. Auf Teneriffa blinkt man links, sobald man an einen Fußgänger passieren lässt oder aus anderen Grund anhält. Für den Hintermann bedeutet dies: keinesfalls überholen, da es gefährlich werden könnte, auch wenn man es aus der eigenen Position nicht erkennen kann. Noch niemals konnte ich einen Nachteil aus dieser Gewohnheit erleben – ganz im Gegenteil. Ich finde es ist eine geniale Erfindung.

Mein unbeliebtestes Autothema ist: „selber tanken müssen“. Da bin ich verwöhnt, das gebe ich offen zu. Bin ich es doch gewohnt, nur eben einmal das Fenster herunterzulassen und lächelnd „lleno, por favor“ zu säuseln, gab es sogar ab und an die Frontscheibe geputzt.Trinkgeld geben steht übrigens wirklich frei! Das Benzin ist dennoch deutlich günstiger mit etwa einem Drittel weniger als in Deutschland – liegt also alles an den Steuern, nicht am Bezahlen-Müssen eines Tankwarts.


Welches Erlebnis nahezu brillante Unterschiede aufweist, ist natürlich das Einkaufen im Supermarkt. Von genervtem Schnauben einmal ganz abgesehen, sind deutsche Kunden wirklich leise. Die Kinder toben nicht herum und wenn sie einmal trotzen, ist es den Eltern gleich peinlich. Warum verstehe ich nicht. Kinder sind Kinder und wir waren alle mal klein. Eine Spielrunde mit dem Kunden vor einem würde so manches heile machen – geht aber irgendwie nicht. Was mir strak auffällt ist die ernsthafte Hektik, die ausbricht, weil alle Einkäufer wichtig sind und es deswegen immer eiliger haben als die anderen? Die Gänge sind oft eng und das vielfältige Angebot sehr effektiv aneinander gedrückt im Regal. Platznot macht sich breit und den Menschen übellaunig. Kommt Kunde nicht an die Ware, weil anderer Kunde im Weg steht, gibt es inneren Stress. Und den sieht man dann im Aussen. Würden hängende Mundwinkel beispielsweise ein Knarren verursachen, können Sie sich sicherlich gut ausmalen, welche Geräuschkulisse in einem typischen Supermarkt herrschen würde. Von dem Druck, dem die Kassierer in Discount-Ketten ausgesetzt sind, habe ich vielerlei gehört. Sie wirken aber dennoch sehr freundlich - nur arbeiten sie viel zu schnell, auch wenn sie darauf getrimmt sind im Affenzahn meine unzähligen Packungen über das piepende Sichtfenster zu bugsieren. Da stehe ich im Anschluss mit meinen nur zwei Händen und packe wie verrückt meine Waren ein; der bereits gescannte Haufen wird dennoch immer größer und wenn ich meine Lieblingsspeisen nicht lieblos in den Wagen pfeffern möchte, komme ich einfach nicht nach. Und dann – Endsumme und warten aufs Geld! Wer traut sich denn hier noch bei den Blicken der nachfolgenden Kunden lange nach Kleingeld suchen? Übrigens, wenn diese Blicke summen würden, wäre am Kassenband mindestens einmal ein Ständchen der Fischerchöre angesagt. Diesen Stress gäbe es in Spanien nicht – der Kassierer packt dort schön gemütlich mit ein, danach geht es ans Bezahlen und in aller Ruhe hinaus. Auch in den großen Ketten wird die Ware ruhig eingepackt und alles geht eben ein wenig langsamer, aber dafür entspannter zu.


Meine Lieblingsabteilung ist übrigens „Obst & Gemüse“ - innerer Arbeitstitel: „Obst & Genüsse“ Sehr seltsam scheint mir inzwischen die deutsche Angewohnheit alle Feld, Treibhaus- und Wiesenware barhand anzufassen. Ich hatte mich unmerklich an die dünnen spanischen Plastikhandschuhe gewöhnt und die Schilder mit der Bitte, alle Produkte nur mit diesen anzufassen. Man weiß ja nie, wo der vorherige Kunde seine Finger dran oder igitt, vielleicht auch noch drin hatte. Welchen Sinn macht es zudem, beispielsweise Kinder wegen einer Grippe in eine Art Quarantäne zu stecken, damit sie niemanden anstecken und andererseits geht dann Mama mit den Viren an den Fingern schnell mal diesen und jenen Apfel antasten, um letztlich nur einen mitzunehmen?

Die reichhaltige Auswahl an Apfel & Co, in die so mancher Bazillenträger greift, freut mich aber dennoch jedes Mal wieder und wenn ich mir ein wenig gute Laune holen will, gehe ich in den nächsten Supermarkt und tanke optisch Farben und Formen. Salate und andere knackig frische Vitaminbomben – sowohl aus ökologischem als auch konventionellem Anbau – liegen bunt nebeneinander aufgereiht. Tropische Früchte wie Mango, Orange und Tamarillo beeindrucken mich wenig, die wuchsen ja bis vor kurzem noch draußen vor meiner Haustüre. Aber die vielen Salate, Tomatensorten, Radieschen-Rettiche-Rüben-und-Ranunkeln, Nüsse, Zwiebeln, Pilze und Kräutertöpfchen treiben mich zu unzähligen Runden durch die Regale an. Manches schmeckt dann zuhause weniger aufregend als es im Laden aussah, aber es stellt mich dennoch zufrieden, denn ich liebe einfach Grünzeug. Meine Tochter glaubt, ich würde Salate in einer Menge verdrücken, die anderenorts einer vierköpfigen Familie ausreicht. Und recht hat sie. Und meine Freunde, die ab und an bei mir zum Essen waren, wissen: ich teile alles gerne und für meine Gäste würde ich auf vieles verzichten, aber was Gemüse und Salate angeht, bin ich wirklich gierig. Morgen ist Sonntag, leider, aber montags kann ich ja wieder auf Paprikaschau und Salatblattbesichtigung gehen. Ich freue mich jetzt schon....


Das nächste Mal melde ich mich zum feinen Unterschied bei Schwellenangst und Blickkontakt, Kaffeekultur und Bücherschmökern.


Illustration: Deutsch-Spanische Grünzeug-Gier(z)iege, Karin Tauer, www.zebrafisch.com, 2010

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Kommentare

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Interessant, deine Beobachtungen, liebe Karin. Ich freue mich schon auf weitere "feine" Unterschiede.

Leb dich gut ein - lieber Gruß von Renate

P. S.: Salat und Gemüse kann ich auch futtern wie ein Karnickel...

Hier in Spanien fällt mir im Supermarkt immer eines auf: die Kassierinnen schaffen es nicht, gleichzeitig die Waren über das "Leseband" (wie sagt man gleich?) zu ziehen und das Förderband zu bedienen (ich finde das klappt in D immer und ich selbst habe auch schon an der Supermarktkasse gearbeitet und weiss, das geht).
Ergebnis: man wartet lange darauf, endlich seine Ware auf´s Förderband legen zu können. Und alle Kassiererinnen, zumindest in Madrid, stammen aus Lateinamerika.
Wünsche dir weiterhin ein interessantes Einleben und Entdecken der (feinen) Unterschiede!

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