Die feinen Unterschiede – vom Milchcafe zur Buchhandlung
Seltsam diese Deutschen? Nein!
Erstaunlicherweise krame ich blitzschnell alle möglichen alten
Gewohnheiten aus meinem Oberstübchen hervor und fühle mich nach
meinem Umzug von Teneriffa an die Ostsee recht wohl unter meinen
Landsleuten – so im Allgemeinen betrachtet. Im Speziellen kann ich
mich natürlich noch nicht als Lübeckerin bezeichnen, höchstens als
„Newcomerin“ in der Marzipanstadt. Meine ersten Schritte sind
mandelbutterweich. Ich habe das Gefühl, hier könnte ich am rechten
Fleck Deutschlands gelandet sein. Trotz allem wundere ich mich ab und
an, denn es gibt schon einige Unterschiede zwischen den letzten neun
Inseljahren und meinem jetzigen Leben..
..
…Ich liebe es hier in die Innenstadt zu laufen – ja, richtig gelesen, ich habe den Luxus so zentral zu wohnen, dass ich in fünfzehn Minuten am Rathaus stehe, wenn ich zu Fuß gehe. Lübecks Kern ist wunderschön. Das Rathaus mit seiner nahezu schwarzen Fassade und den extremen Spitztürmchen sieht aus, als würde eine launische Königin darin residieren und auf dem Platze davor tanzt das fröhliche Volk. Ach, Sie glauben ich habe zu viele Bücher gelesen? Ja, das mag stimmen.... Zudem verfüge ich noch über wahrlich ausreichend Fantasie und stelle mir inmitten der historischen Gassen das damalige Leben vor. Gaukler und Kaufleute, Handwerker und Seereisende. Dazwischen Straßendiebe, schreiende Kinder, keifende Mütter und betuchte Edelmänner und deren Damen in der Kutsche. All diese Menschen haben manchen Pflasterstein betreten, über den ich heute laufe. Nun ja, ich war allerdings beim Unterschied zwischen meinem Leben in Puerto de la Cruz und dem in Lübeck - und nicht bei dem Unterschied, den die Jahrhunderte ausmachen. Also diszipliniert zurück in die Gegenwart.
Ich bin Kaffee-Fan und bekenne mich zu jeder Art der schwarzen Versuchung - nur ausgerechnet mit dem deutschen Filterkaffee stehe ich auf Kriegsfuß. Er schlägt mir auf den Magen und wirft mich geschmacklich nicht wirklich aus der Bahn. Ich möchte hier niemanden beleidige und respektiere die hiesigen Vorlieben. Diese Geschmacksverslagerung habe ich schon seit mindestens 20 Jahren. Die südlichen Varianten, inzwischen als Espresso und Latte Macchiatto bekannt, erfüllen hier entsprechend meine Vorlieben. Das schont den Magen und schmeckt wirklich lecker. Doch um Kaffeebohnen Willens zu welch marktschreienden Preisen? In Spanien geht man erst mal morgens und die Bar einen Milchcafe zu genießen (1,20 Euro), mittags um mal eben einen Cortado (einen Espresso mit Milch oder süßer Milch im Miniaturformat) einzuwerfen. Dies wiederholt man dann gegen nachmittag nochmal. Nach dem Essen darf es auch gerne ein Cafe solo (also ein Espresso) sein. Alles jeweils um die 80 Cent. Ich gewöhne mich um. Überlege aufgrund der hiesigen Preise dreimal, ob ich nun schon wieder einen Espresso brauche oder gar einen Latte Macchiatto. Dreimal am Tag in einer Bar mal schnell Kaffeetrinken ist da nicht drin. Dafür kann man das Wasser aus der Leitung trinken, das geht in den südlichen Ländern wiederum nicht. Aber bringt mir das etwas bei Kaffeedurst?
Erst heute entdeckte ich, dass eine große Buchhandlung Lübecks in der Innenstadt mit eigenem Cafe zum Verweilen einlädt. Und da Bücherstöbern neben meiner Kaffeeliebe einen ebenso hohen Genußfaktor für mich hat, lasse ich mich angesichts dieser Tatsache gerne zu einem Kombi-Paket aus beidem überzeugen. Ein sehr feiner Unterschied zur Insel für mich! Welch geniale Vielfalt. Ich kann suchen, blättern, denken, gucken, mit den Händen über die Titel streichen, nach dem Verlag auf der Rückseite sehen. Alles was zwischen den Buchdeckeln liegt, kann ich anlesen. Mir ansehen, wie die Schrift über die Seiten läuft, wie die Buchstaben tanzen und sich zu einem gut lesbaren Text schmieden. Ich hasse Seiten, die einfach nur voll sind mit Text, die Zeilenabstände zu klein und die Ränder zu schmal. Ich liebe Bücher, die Inhalt haben und schön sind. Protzig meine ich damit nicht, eher die bescheidene Schönheit auf den zweiten Blick, auf den genauen Blick. Hatte ich schon erwähnt, dass mein Lehrberuf vor dem Design-Studium Verlagskauffrau war? Ich habe eine Leidenschaft für das Buch an sich und eine Schwäche für „schöne“ Bücher, was für mich eine gelungene Kombination aus optischer und haptischer Unterstreichung des Inhaltes ist. Die perfekte Symbiose bringt mich zum Schwärmen. So juble ich innerlich, wenn eine Geschichte so zu Papier gebracht ist, dass das Vorsatzpapier vom lieblos verklebten Muss bei Hardcoverbüchern zum Gestaltungselement wird. Überhaupt habe ich ein Faible für Vorsatzpapiere. Das sind die stabilen „ersten“ Seiten, die Buchdeckel und Buchblock zu einer Einheit binden. Wenn diese dann in edlem Rot oder tiefem Blau oder mit schönem Muster bedruckt ihre Funktion übertreffen, bin ich glücklich. Aber wir waren ja auch beim feinen Unterschied: auf der Insel vermißte ich schmerzlich Buchhandlungen, die in der Lage waren mich lange im Bann zu halten. Grosse Geschäfte gab es gar nicht, kleine Buchläden gab es ein paar - doch nirgends eine Möglichkeit sich hinzusetzen und zu blättern und die Auswahl an Büchern war nie sehr groß. Die riesigen Einkaufscenter hatten wie auch hierzulande Buchabteilungen, aber das ist einfach etwas anderes. Die Buchstaben und Texte leiden zumindest in meinen Augen unter der Atmosphäre Einkaufswagen, Angebotsdurchsage aus der Fleischerei und den Geräuschen aus der Computerspieleabteilung von nebenan.
An sich wollte ich heute auch noch zu Schwellenangst und Blickkontakt etwas anmerken, aber ich denke das verschiebe ich aufgrund der Ausführlichkeit zum heutigen Thema Kaffee und Buch dann lieber aufs nächste Mal …. bis dahin wünsche ich Ihnen eine gute Zeit und angenehme Kaffeepausen,
Ihre Karin Tauer
Illustration: Kaffeepause - Karin Tauer, www.zebrafisch.com
Dieses Motiv gibt es auch als E-Card unter der Rubrik „Grüsse“ hier bei Brigitte.de
Das ist in der Tat eine wunderbare Mischung, liebe Karin. Kaffee, welcher Art auch immer, und dabei in Büchern schmökern. Ich denke, damit kann man so manch angenehmes und inspirierendes Stündchen verbringen...
Ich wünsche dir ein schönes Wochenende und schicke liebe Grüße vom winterlichen Ammersee - Renate
Kommentiert von:Renate | Samstag, 16. Januar 2010, 12:01 Uhr
Schön geschrieben, aber die Aussage "jedem das Seine" sollte man nicht verwenden, da sie schreckliche Assoziationen an die Nazizeit hervorruft.
Kommentiert von:Eva 2 | Samstag, 16. Januar 2010, 12:13 Uhr
Liebe Eva,
habe es geändert, das ist natürlich vollkommen richtig, selbt wenn es nur ein Nebensatz war. Schönes Wochenende und lieben Gruss, Karin
Kommentiert von:Karin Tauer | Samstag, 16. Januar 2010, 14:16 Uhr
Jetzt weiß ich, wo wir im April unbedingt hin müssen......
Denn diese Schwäche für Bücher und vor allem für schöne Bücher teile ich. Ich gestehe, ich unterliege regelrecht einem Sammelwahn. Das Kinderzimmer wird wohl später einer Bibliothek weichen müssen :-)
Liebe Grüße Carola
Kommentiert von:Carola | Samstag, 16. Januar 2010, 14:36 Uhr
@ Karin
Danke! Ich wünsche Dir auch ein schönes Wochenende und grüße herzlich zurück
Eva
Kommentiert von:Eva 2 | Samstag, 16. Januar 2010, 16:58 Uhr
"..mir ansehen, wie die Schrift über die Seiten läuft, wie die Buchstaben tanzen und sich zu einem gut lesbaren Text schmieden. Ich hasse Seiten, die einfach nur voll sind mit Text, die Zeilenabstände zu klein und die Ränder zu schmal.."
Liebe Karin, hast du dir mal diesen wunderbaren Artikel im Netz angeschaut? Ich muss gestehen, dass ich einzig der Neugierde wegen den Rest des Artikels las. Die Form der Präsentation ist eine optische Katastrophe! Liebe Grüße aus Hannover, Chris
Kommentiert von:Chris | Samstag, 16. Januar 2010, 22:35 Uhr
Liebe Karin,
mir war von Anfang an klar, dass Du das, was Du geaendert hast, nicht BEWUSST gebraucht hast. Das wollte Eva ja wohl auch nicht sagen. Die Wendung geht auf Cicero zurueck und hat eine lange Geschichte. Die negative Bedeutung erlangten diese Worte natuerlich erst zu der Zeit, auf die Eva 2 zu Recht hingewiesen hatte. Es wird wohl oft privat gebraucht, ohne dass den Menschen damit die zynische Bedeutung des Wortes bewusst ist. Aber es gibt sogar Firmen, die mit diesem Slogan Werbung gemacht haben, was natuerlich unglaublich ist. Eine Firma muss sich ueber ihren Werbe-Slogan kundig machen. Gut, dass Du es aus Deinem Wortschatz geloescht hast. Man lernt ja nie aus. Das geht mir auch so.
Viele Gruesse
Vera
Kommentiert von:Vera | Sonntag, 17. Januar 2010, 2:34 Uhr
Ja, man lernt nie aus, das ist richtig. Ich versuche üblicherweise auch, Anregungen zu überdenken und nehme auch einmal etwas zurück wie eine mißglückte Formulierung ;-).
Was oftmals schwierig als Blogger ist, ist die Interpretation der Kommentare. Es ist nicht "herauszuHÖREN" wo Ironie beginnt und aufhört.... ob sie überhaupt verwendet wird. Bei dem Kommentar von Chris habe ich eine ganze Weile darüber sinniert, ob die Bezeichnung "wunderbar" nun ironisch oder ernst gemeint war. Da Chris aber fertig gelesen hat, wenn auch nur aus Neugierde, betrachte ich es als Kompliment für den Inhalt.
@ Chris: ich denke, ein Buch ist etwas anderes, als eine Präsentation in einem Blog. Dieser hier bei Brigitte ist für alle BloggerInnen vorgegeben und nur in minimalistischen Details optisch modifizierbar - ich verändere beispielsweise zumindest einmal die Schrift von Courier in eine Trebuchet, die meines Erachtens besser lesbar ist. Umso schöner für mich, wenn du dich trotz Gestaltungsdefizite durch diesen Blogbeitrag "gekämpft" hast.
Ich habe auch oft Probleme überhaupt lange am Bildschirm zu lesen, ich weiß nicht wie euch allen da draußen das geht. Texte, die ich verfasse, drucke ich zum Korrekturlesen auch immer nochmals aus.
Und das schlimmste was mir entgegenhüpfen kann, ist vor allem die Schrift Courier. Also genau das, was ihr hier im Kommentar lest.
Allen da draußen einen wunderbaren Sonntag! Hier in Lübeck schneit es in feinen Flocken und legt wieder feinen Puderzucker über die Fußspuren auf den Gehwegen. Da das StrassenSalz nun bald alle ist, bleibt nur noch diese Optik weiter zu genießen oder ein wenig Ostseewasser ranzuschaffen ;-), Karin
Kommentiert von:Karin Tauer | Sonntag, 17. Januar 2010, 10:52 Uhr
Nun weiß ich auch, dass Du Dich in Tübingen wohlfühlen wirst, sobald Du mich besuchen kommst. Bücher und Kaffee in Nachbarschaft zum Dreiraum im historischen Nonnenhaus, nur mit dem Ostseestrand wird es hapern, aber dafür ist der Neckar auch nicht ganz ohne. *smile*
Ich liebe an guten Büchern die Lesebändchen.
Dir weiterhin tolle Entdeckungserlebnisse in Lübeck und ganz liebe Grüße aus Tübingen
Sylvia
Kommentiert von:Sylvia | Donnerstag, 21. Januar 2010, 12:08 Uhr
es geht nichts über ein Buch in der Hand...am Bildschirm lesen finde ich nicht überzeugend. Deshalb ist es mir auch ein Rätsel, wieso so oft behauptet wird, das Buch würde aussterben. Die meisten Menschen die ich kenne, denken auch so! Es lebe das Buch!
Abgesehen davon kapiere ich die Hälfte dieser Kommentare mal wieder gar nicht.
@Karin, hier in Madrid gibt es auch einige Buchläden mit integriertem Café/Teeshop (tetería), das ist super. Denn im Casa del Libro kann man sich auch nicht gemütlich zum Schmökern setzen. Was ich hier allerdings super finde ist, dass die grossen Buchläden sonntags geöffnet sind. Ganz zu Anfang, als ich niemanden kannte, habe ich da oft meine Sonntag Nachmittage beim Stöbern und Schmökern verbracht...
Grüsse nach Norddeutschland, Barbara
Kommentiert von:Barbara | Donnerstag, 21. Januar 2010, 15:07 Uhr