Unsichtbarkeiten
Bestimmte Lebensphasen bedingen bestimmte Lebensgefühle. Die Lebensphase des Wandels ist derzeit eingeläutet und hat als Hauptakteure die werten Majestäten „Unsichtbarkeiten“ ins Reich zwischen die Welten geladen. Wie König und Königin sitzen sie sich bei mir zuhause gegenüber und träumen von der Materie. Es geht um all die Dinge, die nicht oder noch nicht greifbar sind und die visualisiert wesentlich zur inneren Zufriedenheit beitragen würden. Da sind die Fäden, die im Hintergrund gezogen und zu ganzen Netzen verwoben werden müssen, endlose Telefonate, Mails, handgeschriebene Listen mit Aufzählungen, was zu tun ist, was nicht vergessen werden darf. ...
… In meinem Leben ist gerade so viel zu erledigen, da ein Umzug und sagen wir mal, auch ein ausgewachsener Lebenswechsel ansteht. Norddeutschland hat den Kanaren in meinen beruflichen Möglichkeiten und Notwendigkeiten schlicht und einfach den Rang abgelaufen. Zack, wie in einem Staffelllauf kommt nach achteinhalb Jahren der nächste Läufer und übernimmt. Doch ich befinde mich nicht in einem üblichen Wettlauf auf festem Boden – nein, ich habe es bei jedem Schritt mit Unsichtbarkeiten als stumme Begleiter zu tun. Im Sumpf von Telefonaten, Fragen, Klärungen, Übersetzungen von Dokumenten, Abmeldungen, Anmeldungen (von Ummeldungen kann man von einem Land zum anderen kaum sprechen), Gedanken, Plänen, Ideen, Faxen, Mails und Listen ist mein Kalender mein bester Freund im Alltag. Was da nicht drin steht, fällt der Nicht-Existenz zum Opfer. Das zweifelsfrei Beste an meinem Kalender, ist die teilweise Sichtbarmachung all der Dinge, die ich nicht anfassen kann. Abends sitze ich an meinem Schreibtisch und frage mich oft, warum ich nicht zum Malen kam. Und als wäre das, was ich tagsüber getan habe, sogar in meiner Erinnerung verpufft – wenn es nicht im Kalender bleistiftgrau auf weiß stünde, wäre es sicher nie existent gewesen – zieht eine Unzufriedenheit in mein Gefühl ein. In meinem Bauch macht es sich breit und ich beginne das Königspaar der Unsichtbarkeiten langsam zu verfluchen. Mein Gefühl ist, als würde ich nicht voran kommen und wenn ich dann beim Kaffee mit einer Freundin zusammen sitze und erzähle, was alles organisiert und geschafft ist, bemerke ich plötzlich, dass ich nicht schlecht im Rennen liege. Ich bin schnell. Und gut. Ja, und ich gebe zu, es organisiert sich besser, wenn ich mir selbst zwischendurch auf die Schultern klopfe.
Heute morgen kam mir die rettende Idee, um den derzeitigen „Transparenzen“ ihre Macht zu nehmen und sie in Farbe zu tauchen. Ich male mir alles, was ich nicht anfassen, sehen, riechen oder schmecken kann, bunt an:
Meine Telefonate, Internetrecherchen und E-Mails, um etwas in die Wege zu leiten, zu erfahren oder zu organisieren, tauche ich in ein wunderschönes Ampelgrün. Das dürfte neben der Leuchtkraft auch eindeutige Symbolkraft ausstrahlen.
Die vielen Gedanken und Entscheidungen im Alltag, die einfach nebenher laufen und von niemandem weiter beachtet werden, bekommen ein tiefes Sonnenblumengelb. Es erinnert mich an die herbstlichen Felder mit Sonnenblumen, eine Blüte allein ist schon ein Meisterwerk, aber wenn sich ein ganzes Feld mit geneigten Köpfen der Sonne zuwendet, spürt man die Kraft und die Energie, die darin steckt.
Grashüpferhellgrün sind meine Wege und Strecken. Der Einfachheit halber fallen da alle Wege darunter. Laufeinheiten zu Aktenordnern, Telefon, Computer, Zimmern, Ämtern, Schule, Toilette, die Hin-und Herwege beim Ausmisten, Müll wegfahren und in den verdienten Liegestuhl.
Himbeermarmeladenrot ist alles, was mir gut tut und mich stark macht auf meinen grashüpferhellgrünen Wegen mit den sonnenblumengelben Entscheidungen am Wegrand. Jede kontemplative Meerstunde, ein gutes Buch, die Yogarunde im Garten, Gespräche mit Inhalt, feines Essen zu einem Gläschen Wein, freundliche Kundenanfragen, mein Spaß an den Worten und Bildern und die Gedanken an die Menschen, die mich zum Lachen bringen und mir dann Wind unter die Flügel pusten, wenn mein Höhenflug Sinkcharakter aufweist.
Heidelbeerblau färbe ich alle inneren Abschiede, die mich nun tagtäglich begleiten und all die Augenblicke, die mich innehalten lassen. Dieses Blau haben auch alle Gerüche und Gedankenbilder, Erinnerungen, Gefühle wie den Atlantikwind auf der Haut und Sonnenwärme unter den Fußsohlen, wenn man nach Sonnenuntergang im dunklen Sand läuft.
In ein Orangenorange wie die Orangen, die hier an den Bäumen reifen, tauche ich alles was mit dem Morgen, der nahen und fernen Zukunft zu tun hat. Pläne, Wünsche, Hoffnungen, Zuversicht, Optimismus, Sehnsüchte und Vorfreude. Dieses Orange trägt viele Sonnenstunden, viel Energie und wohlige Wärme in sich, aber auch intensiven Duft nicht nur während der Reife, sondern auch in der Blütezeit. Wer einmal unter einem blühenden Orangenbaum sitzen durfte und die Augen schloss, weiß wie gut das Leben duften kann.
Nun habe ich noch ein paar hausmausgraue kleine Farbkleckse zu vergeben an die Dinge, die nicht klappen wollen, an die Kanten und Ecken im Alltag. Die gedanklichen Ladenhüter, die sich im Kreis drehen und sich vorerst einer Auf-Lösung verweigern, Ängste, Bedenken und Zweifel beträufle ich dagegen solange hartnäckig in einem Feldmausbraungrau, bis sie sich auflösen und zu einer der vorangehenden Farbe bekennen.
Mitternachtsblau ist mein kleiner innerer Rebell, der mir immer dann eine neue Locke in meine Frisur dreht und einen Strich durch die Rechnung macht, wenn ich Gefahr laufe, mir marshmellowrosa Puschen an die Füße zu ziehen, Popcornpolster an die Hüften zu futtern und zur Serienheldin auf der falschen Seite der Mattscheibe zu werden.
Abends sehe ich nun auf einen bunten Tag zurück und lehne mich zufrieden zurück und wenn ich mich frage, was ich eigentlich heute getan habe, tauchen sofort viele Farbkleckse in meiner Vorstellung auf. Einen schwarz-weißen Tag werde ich wohl so schnell nicht zu Gesicht bekommen. Wobei auch das einmal eine Überlegung wert wäre bei meinem Faible für Zebras...
Illustration: Farbkleckse für die Unsichtbarkeiten, Karin Tauer 2009, www.zebrafisch.com
Fantastisch, Karin, und mal wieder so inspirierend! Bewundere deinen Mut und Tatkraft für diese grosse Veränderung!
Alles Gute weiterhin und viele Grüsse,
Barbara
Kommentiert von:Barbara | Mittwoch, 11. November 2009, 16:49 Uhr
Die Farben des Lebens ... schön!
Lieber Gruß in die Ferne - von Renate
P. S.: Schwarz-weiß hat auch was - so ganz grundsätzlich. Ganz besonders bei Zebras. ;-))
Kommentiert von:renate | Mittwoch, 11. November 2009, 22:37 Uhr
Dabei haben Zebras durchaus auch braune Streifen.
Gruß aus Oberboihingen
von Sylvia
Kommentiert von:Sylvia | Donnerstag, 12. November 2009, 9:04 Uhr
Ich bin ja ganz erschüttert, Du gehst zurück nach Norddeutschland? Aus der Sonne? Da brauchst Du dann wohl wirklich einen Farbkasten.
Kommentiert von:Freya | Montag, 16. November 2009, 20:00 Uhr