Yoga, Milchcafé und Plattfuß
Samstag morgen um neun an einer
wildromantischen Ecke der Insel: das Wochenende beginnt mit einer
Sondereinlage unserer Yogalehrerin bei einem Treffen vollkommen
abseits vom üblichen Kursraum. Ein Plateau oberhalb des wogenden
Atlantiks beherbergt für eine Weile vor der hinter den Bergen
aufsteigenden Sonne unsere Gruppe. Wild zerklüftete Felsen liegen
unter unseren Füssen, der Atlantik gibt mit beeindruckenden Wellen
und entsprechendem Sound wirklich alles an diesem Morgen. ….
… aber ich beginne einmal wirklich am morgen. Gemeinsam mit zwei Freundinnen mache ich mich mit meinem Auto auf den Weg zur Isla Baja. Ganz hinten, da wo kaum ein Tourist noch etwas vermutet, wird es so richtig romantisch und wildschön und genau hier liegt unser Ziel. Meine Begleiterinnen geben sich vertrauensvoll meinen Ortskenntnissen hin, denn ich habe einige Jahre in dieser Inselecke gewohnt und kenne den Weg in und auswendig. So plaudern wir ganz entspannt während der fünfzig Fahrminuten über Falten und Figur, loben uns gegenseitig ob unserer Schönheiten in den immer blauer werdenden Himmel. Immerhin bringen wir gemeinsam circa 150 Jahre zusammen, die nicht immer einfach und schon gar nicht faltenfrei verliefen. Wir schnattern über uns, die gemeinsamen künstlerischen und auch ganz privaten vergangenen Zeiten, über das was kommen wird und schon sind wir da. Ein Blick auf den Atlantik entschädigt mich für das frühe Aufstehen am Wochenende und ich freue mich auf ein einmaliges Erlebnis.
Wie immer ist empfängt uns unsere Yogafee* mit einem gut gelaunten und strahlenden Lächeln. Die Übungen sind nicht neu, seit einem Jahr nähern wir uns dem Yoga im innen und außen an, jammern, schnaufen und schniefen gemeinsam in unserer Gruppe vom allerersten Anfängertreffen bis zum heutigen „Fortgeschrittenen“-Dasein. So auch an diesem Tag in gewechselter Kulisse.
Wir brüllen mit Leibeskräften beim Löwen hinaus aufs Meer und der Storch bietet mir einen einmaligen Punkt mitten am Horizont, den ich fixiere um mein Gleichgewicht zu halten. Während des Kriegers strahlt mir die Morgensonne mitten aufs Gesicht und der Sonnengruß zeichnet sich durch wörtlich zu nehmendes perfektes Timing aus und auf die Kobra folgt der Hund. Die ganzen Tiere, die wir allzu menschlich nachstellen, sind mir inzwischen sehr verbunden und es ist hier ein wirklich erhebendes Erlebnis genau an diesem Fleck der Erde zu atmen, zu spüren, sich zu besinnen und zu meditieren. Das Leben kann ganz kurz, ganz weich, aber auch ganz hart sein. Es kann im nächsten Moment schon bringen, was ich mir eben noch nicht vorstellen konnte, es kann mich erdrücken, befreien, fliegen lassen und festhalten. Und was ich seit einem Jahr erfahren darf, ist, dass ich ihm vertrauen kann. Yoga ist für mich eine Form zu erfahren, was ich schon weiß und in mir trage. Es gibt mir die Worte und das Gefühl für das, was ich vorher nicht auszudrücken imstande war. Es rückt mich gerade, es richtet mich aus. Es bringt mich an Grenzen und darüber hinweg. Und es ist eines der ganz wenig privaten Anlässe, die mich jede Woche mit einem wirklichen Sog zu dem gemeinsamen Treffen drängen. Oft war es das Highlight der Woche für mich, die einzige Stunde, die nur mir gehört, die Minuten, in denen mein Geist und meine Seele ausruhen durften, die Weile, in der ich mir ganz nahe sein konnte. Ganz nebenbei kurierten sich einige Wehwechen wie von Zauberhand aus und wie in einer altmodischen Waage durfte ich mich beidseitig austarieren. All das war mir so bewußt, als ich Teil der Gruppe an diesem Wochenende war. Und all das, was ich hier auf der Insel erlebte, was ich war und wozu ich wurde, spiegelte mir dieser Morgen.
Beim anschließenden Cafetrinken im Nachbarort stürmten wir mit der ungewöhnlich großen Gruppe für diese Gegend das Cafe auf der Plaza von Los Silos. In diesem netten und beschaulichen Dorf lebte ich immerhin vier Jahre, allerdings hat mir der Cafe con leche selten so gut geschmeckt wie an diesem Samstag. In netter Gesellschaft und dem Bewußtsein, dass dies mein letzter Ausflug dieser Art hierher sein wird, schwanke ich zwischen Melancholie und der Klarheit, dass neue Orte und neue wunderbare Menschen in mein Leben treten werden.
Nach dem Treffen hat mein Auto einen platten Reifen. Vielleicht auch noch einmal zum Abschluß erinnere ich mich an die neun!!! platten Reifen innerhalb eines Jahres in meinem alten Wohnort, die mir so manchem Morgen vermiesten. Dieses Mal erschienen schon beim Zücken des Wagenhebers alte Bekannte und halfen gleich einmal mit. Drei paar schwarze Hände und eine halbe Stunde später war alles wieder fahrbereit. Und nicht nur das – ich schloss Frieden damit und allem was ich an Plattfüßen (neben vielen Höhenflügen!!) hier erleben durfte.
So ließ ich es denn hinter mir: das Dorf und meine vergangene Zeit darin, meinen ersten inneren Abschied von dem Gefühl irgend etwas im Leben festhalten zu können. Wir müssen alles loslassen und unseren Weg weiter gehen. Der eine läuft gerade aus, der andere sucht sich verschlungene Wege. Wie meine lange und liebe Schulfreundin heute so einfach am Telefon sagte: „du schlägst immer wieder Haken wie ein flinker Hase“. Ich werde gleich einmal nachsehen, ob es auch den Hasen beim Yoga gibt ;-)
Eine wunderbare Woche wünscht allen Karin Tauer.
* Yogafee: Unsere Kursleiterin ist der erste Mensch, der es geschafft hat mich im Laufe meines individuellen und eigenbrötlerischen Lebens in eine Gruppe, die sich regelmässig trifft, einzubinden. Üblicherweise bin ich bei so etwas etwa so störrisch wie meine Haarpracht nach durchlockter Nacht.
Wer auch immer in Puerto de la Cruz einmal richtig nette Powerfrauen und die humorvollste und liebenswerteste Yogalehrerin der Insel kennenlernen möchte, kann sich für Einzelheiten gerne bei mir melden. Danke dir Birgit für dein wundervolles Engagement und dein stetes wachsames Auge, wenn es um deine Schützlinge geht. Du rückst mit deiner Art und dem Kurs auf die Tauer-Top-Ten der Menschen und Dinge, die ich wohl am meisten vermissen werde.
Illustration: Playa de la Arenas, Buenavista. Karin Tauer, 2008 für das Buchcover "Der Inseltraum", erschienen im ZECH Verlag, Teneriffa.
Hallo Karin!
Ich kenne einen Hasen aus dem Yoga: man kniet, stützt die Stirn vor sich auf den Boden, faltet die Hände auf dem Rücken und indem man das Gewicht auf die Stirn verlagert, bewegen sich die Hände als "Hasenohren" nach oben.
Meine Yogalehrerin hatte uns letztes Jahr zu Ostern mit Tieren wie dem Hasen, dem Huhn und dem Schmetterling beschenkt...
Elisabeth
Kommentiert von:Elisabeth | Mittwoch, 28. Oktober 2009, 10:32 Uhr
Liebe Karin,
ich habe im September mit Yoga angefangen und merke jetzt schon, wie gut es mir tut! Witzig, wie die Asanas auf Deutsch heissen...ich kenne momentan nur die spanischen Ausdrücke...
ob ich jemals die "Postura sobre la cabeza" hinbekomme bezweifle ich derzeit noch..
Alles Gute für deine nächsten Vorhaben, un abrazo, Barbara
Kommentiert von:Barbara | Donnerstag, 29. Oktober 2009, 11:18 Uhr
@Elisabeth: Hase ist gut beschrieen, Schmetterling kenne ich, aber was bitte ist das Huhn? Kann ich mir gar nicht vorstellen... hihi... oder doch? Ist es eher ein Legehuhn, ein Wildhuhn oder ein Perlhuhn?
Freue mich über Aufklärung ;-), K.
Kommentiert von:Karin Tauer | Mittwoch, 4. November 2009, 23:31 Uhr