Klappstuhl-Fliegen
Ob ich nun Vielfliegerin bin
oder nicht, ist wie alles im Leben relativ. In den letzten zwölf Monaten
habe ich 20 Einzelstrecken per Flugzeug hinter mich gebracht. Mal bei
der einen, mal bei der anderen Fluggesellschaft. Zwischen den
Kanarischen Inseln und Deutschland und innerhalb Deutschlands. Es
ging nie ein Gepäckstück verloren, es ging nichts zu Bruch und ich
hatte meistens recht nette Menschen in meiner engen und sehr nahen
Umgebung im Flugzeug. Mal gibt es Essen, das andere Mal Snacks, meine
Kopfhörer habe ich sowieso dabei und die eine oder andere Strecke
versüßte mir auch schon einmal ein Schokotaler zum dargebotenen
Spielfilm. Und dann kam mein letzter Flug, von dem ich am Dienstag
dieser Woche zurückkehrte...
… Die Flugpreise klettern im Herbst immens nach oben. Kein normal bezahlbarer Flug war im Oktober zu haben und nach vielen Jahren und vielen Flügen buchte ich zum ersten Mal einen absoluten Billiganbieter. Gehört hatte ich schon so einiges, aber als „Erfahrene“ machte ich mir keinerlei Gedanken darum. Fünf Stunden können schnell vergehen. Müssen aber nicht.
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Das Flugticket zu einem Zielort, den ich erst einmal auf der Landkarte lange suchen musste, druckte ich mir online aus, alle „Extras“ buchte ich gleich mit. Darunter versteht man hier beispielweise ein Gepäckstück, das aufgegeben wird. Feste Sitzplätze werden nicht vergeben, auch nicht am Schalter. Es erinnert ein wenig an Busfahren beim Klassenausflug. Am Abflugsteig drängeln sich die Urlauber ernsthaft und mit allen Ellbogen, die sie haben (gefühlte sieben Stück pro Nase) und erkämpfen sich in einer immer breiter werdenden Schlange ihren Platz. Hier wird geschubst und gedrängelt, schon mal gemogelt und sich aufgeregt, geschwitzt und verkrampft auf den Nenbenmann geguckt. Die Ringkämpfe obliegen übrigens der Zwei-Klassen-Gesellschaft, denn zu den Extras wie einem Koffer kann man gegen Gebühr auch den bevorzugten Einstieg buchen, also die Aufnahme in die Warteschlange, die zuerst das Flugzeug entern darf. Hat man nach das Nackenhaar des Vordermannes zwischen den Zähnen und den Bierbauch des Nachfolgers im Kreuz, einen Ellbogen rechts und die Parfumwolke links dicht neben sich, ist dies ein verlässliches Zeichen, dass gleich der Sprint beginnt. Das Bodenpersonal reißt im Akkord die Ausdrucke der Passagiere auseinander und behält einen Abschnitt ein. Auf Teneriffa ging es gleich zu Fuß direkt die Treppe runter und ein paar Schritte über das Flugfeld in den Flieger. In Deutschland wurde man erst einmal in einen Bus gestopft, wo das Gedrängel weiter ging. Ins Flugzeug hinein geht man über die Außentreppen, die sich wunderbar für das ein oder andere offene Duell anbieten. Hier verrutscht im Eifer des Gefechts schon mal das Toupé und die Generation Siegelring bekommt Reißzähne und Sporen. Paare werden nun willentlich getrennt, der allererste Fluggast rast den Gang im Flugzeug entlang und setzt sich erst einmal breitbeinig in die Mitte der Dreierreihe am Notausgang. Zack besetzt, bis die Gattin naht. Sie am Fenster, er am Gang, die Mitte beibt frei. Auf eine ähnliche Art füllen sich auch die anderen Reihen, während der Kampf um den Platz in den Fächern für das Handgepäck zeitgleich ausgefochten ist.
Nun folgen die Nachzügler und Schwachen, die es ja in jeder Gesellschaft zu jeder Zeit gibt. Paare, aber auch Eltern und Kinder finden nun keine zusammenhängenden Plätze mehr, auch nicht durch den Gang getrennt und müssen einzeln bittend nach den unbeliebten Mittelplätzen flehen. Die Reihenbesetzer sehen ungnädig weg und machen böse Miene, schließlich schreitet das Flugpersonal ein und teilt die Restplätze zu. Die Maschinen sind nun einmal nahezu ausgebucht und alle müssen mit. Nachdem die Sitzkämpfe ausgefochten sind kann man sich dem vollen Programm der Fluggesellschaft übergeben. Es folgt eine unverständliche Ansage auf englisch über das Verhalten in Notfällen, anschließend auch in Deutsch. Das Personal führt noch gelassen vor, wie alles funktioniert und danach spricht der Kapitän so etwas wie: „särr gääärte fluggääääste wir flüüüügen häute knacks schepper flüster brabbel brüster und wiiinschen guttten Fluck!!“ Soweit so gutt! Die Kopfhörerbuchsen kann man nun entweder in die eigenen Armbeuge oder dem verhaßten Sitznachbarn in Auge stecken, Musik kommt auf diesem Flug jedenfalls nirgends heraus, ebenso wenig wie kleine Fernseher. Zeitung und Zeitschrift gibt es nicht. Das eigene Buch darf man zwar mitbringen, nur mit dem unterbringen wird es schwierig, da die Sitze vor einem leider keinerlei Fach oder Netz unter dem Klapptischchen haben. Ist vielleicht auch besser so, denn wenn schon meine Knie am Vordersitz anstossen, sobald ich mich auch nur minimal bewege, wäre dafür wohl sowieso kein Platz. Wer nichts zu lesen hat, kann nun auch nicht gucken oder lauschen, aber schlafen. Vergeblich sucht der Müde nach dem Knopf, um die Sitzlehne aus der Senkrechten ein wenig nach hinten zu lassen. Man könnte aber auch aufrecht sitzend prima schlafen, gäbe es denn ein Kissen..... naja, man kann ja immer noch den Kopf auf die unbekannte Schulter des Sitznachbarn fallen lassen, vorausgesetzt man ist kein Schlafsabberer. Das würde nach Ärger riechen und Flecken machen. Den Sitzen machen Flecken übrigens nichts, sie sind mit einem abwaschbaren Kunststoffbezug beblaut. Ist auch gut so denn es gibt auch keine K...tüte für Übelkeitsanfälle (tschuldigung, kennen Sie ein feineres Wort?) - logisch, denn Dinge wie diese oder ein Bordmagazin finden üblicherweise ja in dem eingesparten Fach am Vordersitz ihren Platz.
Nachdem immer wieder unverständliche Ansagen wie „... haben Nikottinnpflastääärr an Br... und kennen kaufen Bordpäärsonall“ oder „ sie mächtän telefonieren an Bord nur sechzehn drei mit Kartäää und kaufen bei brabbel knacks brumm sich määlden!“ die Stille unterbrechen folgen auch schon Wägelchen mit Getränken und Snacks. Die nette Dame fragt erst in Englisch und sogleich in gebrochenen Deitsch nach Wunsch von Gast und schon hat man das Getränk für drei Euro vor sich stehen. Was ich aber zugute halten muss, ist die Geduld mit der immer wieder höflich nachgefragt wird, bis auch die letzten Verständigungsprobleme behoben sind. Am Ende klappt dann sogar die Umrechnung von Pfund in Euro und ich bekomme viel Kleingeld heraus, denn die nette Dame meint, sie habe doch soviel davon und ich könne es ja prima in den Parkscheinautomaten am Flughafen werfen. Das Bordmagazin wird übrigens zwischendurch ausgeteilt und später auch wieder eingesammelt – wohin auch damit – nachdem der Verkauf von Zigaretten und anderen zollfreien Waren abgewickelt ist.
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Nach fünf Stunden Flug im Klappstuhlambiente landet auch diese Maschine. Am Piloten wurde nicht gespart, er bringt das Flugzeug sicher hinauf und wieder hinunter. Am Boden sind die Gäste leicht zermürbt und entsprechend langsam, es wird wenig gedrängelt und kaum geknufft. Meine Tasche kommt schnell und unversehrt und ich bin glücklich, einige andere Fluggesellschaften als Alternative zu haben. Dieser Flug war für mich ein wirklich einmaliges Erlebnis, im wörtlichen und übertragenen Sinne.
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Ich winnsche gutten Tag firr alle Läääsär und gutten Fluck! Karin Tauer
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P.S.: Es sind übrigens noch Toiletten
im Flugzeug vorhanden und das Papier kostet nichts extra!
Illustration: Sparpostkarte aus
Altpapier. Karin Tauer 2008
...grins..
was Frau nicht alles auf sich nimmt um von A nach B zu kommen.
Herrlicher Bericht, liebe Karin.
Neblige Grüße vom See
Christine
Kommentiert von:Christine | Freitag, 23. Oktober 2009, 13:22 Uhr
Klingt nach einer berühmt-berüchtigten angelsächsischen Linie, bei der man, wenn man alle anfallenden Kosten zusammen zählt, am Ende genauso viel bezahlt, als wenn man mit einer "normalen" Fluglinie fliegt. (Kofferzuschlag, Zuschlag für Kreditkartenzahlung als einziger Zahlungsmöglichkeit, etc.). Es soll auch schon mal ernsthaft der Vorschlag gekommen sein, wie im Linienbus Stehplätze einzuführen.
Nett finde ich auch, dass die zur Teezeit Toastgeruch durch die Klimaanlage pusten. Das heizt den Umsatz an überteuerten Snacks an. Ich habe einmal eben jenen Toast verlangt, und man beschied mir, man führe keinen Toast mit, nur abgepackte Sandwiches und Süsskram.
Grüsse
Mamita
Kommentiert von:Mamita | Freitag, 23. Oktober 2009, 14:58 Uhr
Herrlich!! :)
Auch ich habe dieses Vergnuegen des oefteren schon mitgemacht. Wohne in London, wo jene Fluggesellschaft ihren Heimatflughafen hat und damit haeufig Fluege vom Preis her unschlagbar sind. (Ich fliege grundsaetzlich nur mit Handgepaeck und da meistens alleine, mache ich mir auch keine Sorgen wo mein Sitz ist) Immer wieder bin ich vor und nach dem flug angenervt und schwoere nie wieder einen Fuss in jene Flugzeuge zu setzen, leider aber gibt manchmal das Portomonaie den Ton an. :(
Der Akzent, den Du beschreibst, hoert sich eher russisch an. Auf 'meinen' Fluegen macht eine nette Franken-Barbie-Tonbandaufnahme die Ansagen und jener Dame muss wohl jemand gesagt haben, sie solle doch bitte l aa n g s aa m uu n d d e uu t l i c h s p rrrrrr e c h e n . . . :)
Kommentiert von:Kathrin | Freitag, 23. Oktober 2009, 18:27 Uhr
Ja, auch mich erinnert Deine Beschreibung an meinen Londontripp 2006, der billig hin aber dank des Terroralarms teuer zurück ging. Aber Hahn - London ist eben kürzer und daher leichter auszuhalten als TF bis HH. Karin, dir gehört die Tapferkeitsmedaille.
Gruß vom Neckar
Sylvia
Kommentiert von:Sylvia | Samstag, 24. Oktober 2009, 1:14 Uhr
über deine zeilen konnte ich sehr lachen. mühsam ist das fliegen heute, die sitze sind so eng. die billigflieger in österreich und in der slowakei, die jetzt pleite gegangen sind, die knallten die maschinen so auf den boden, dass mir immer angst und bang wurde. die piloten sind vorher wohl alle nur rübenbomber geflogen.
lg auf die insel
Kommentiert von:waldviertelleben | Samstag, 24. Oktober 2009, 14:56 Uhr
Na ja, bald ist die Zeit der Fliegerei für dich bald vorbei. Schade irgendwie, denn dann fehlen solche wunderbaren Beiträge. Aber wie ich dich kenne, wirst du Alternativen finden .. ;-)
Herzlicher Gruß vom Ammersee - Renate
Kommentiert von:Renate | Samstag, 24. Oktober 2009, 16:22 Uhr
klasse Beitrag, sehr schön anschaulich und lustig gäschrribbänn! :-)
Kommentiert von:Eva | Freitag, 30. Oktober 2009, 22:52 Uhr