French Connection

Eigentlich wollte sie nur mal raus. Deshalb ging Christiane Dreher (46) 2005 nach Südfrankreich. Doch dann hat sie sich verliebt: in Land, Leute - und in Patrick.

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Wider den Stachel

Wissen Sie noch, wann Sie Ihren ersten Seeigel gegessen haben? Nein, nicht, wann Sie das erste Mal reingetreten sind, ich fragte nach „essen“. Dochdoch, man kann die essen. Meine französischen Gastgeber am Wochenende waren ganz erstaunt, dass ich Seeigel kulinarisch nicht kannte...

Ich sagte trocken „bei uns isst man Seeigel nicht, bei uns tritt man nur rein“. Ich fand mich wahnsinnig originell mit diesem Satz, aber meine französischen Freunde sahen mich nur ernst an. Ich geb’s auf, das klappt nie mit dem Humor zwischen Deutschen und Franzosen. Franzosen nehmen Seeigel eben ernst. Wie alles Essbare.
Seeigel_3 
Man kann die also essen, nicht das stachelige Äußere, sondern das Innere. Man muss sie nur aufkriegen die Igelchen, das geht vermutlich mit allem Möglichen, stilecht ist es aber mit einer komischen Zange, die ich bislang für einen Öffner gehalten habe, um Gurken- oder Marmeladengläser zu öffnen. Man schneidet die Stachelkugeln horizontal durch, der Deckel fliegt weg und man entfernt noch alles Mögliche andere bis quasi nur noch ein bisschen rote oder orangefarbene weiche Masse übrig bleibt. Das isst man dann. Und man isst es möglichst schnell, weil diese Masse sich sonst verflüssigt und gleich davonläuft. Und WAS isst man da? Räusper, ähm, also, wenn Sie sich eh schon ekeln und Kaviar und Austern auch nicht mögen, dann sollten Sie jetzt ein paar Zeilen überspringen...
Seeigel_2 
man ist die männlichen oder weiblichen Geschlechtsorgane. Daher auch die unterschiedlichen Farben, also je nachdem ob wir das Männchen oder das Weibchen vor und haben. So wurde mir das zumindest erklärt. Eigentlich würden die beiden das lieber bei Gelegenheit ins Meer fließen lassen, um sich so fortzupflanzen, aber die hier kamen nicht mehr dazu, sondern wurden schnöde als Entrée ausgelöffelt. Bisschen Brot, trockener Weißwein dazu.
Seeigel 
Unter Kennern gelten Seeigel als delikateste Meeresfrucht, und sie sind nicht ganz billig. Gemessen am Preis-Mengen-Verhältnis dessen, was man letztlich zu Essen bekommt, würde ich sie auch einfach als teuer bezeichnen wollen. Und? Lecker? Hm. Wie schmeckts? Hm. Sagen wir mal fremd. Leicht salzig. Weniger salzig als Austern und auch cremiger. Aha. Wissen Sie’s jetzt? Ganz ehrlich, bevor ich in Frankreich lebte, habe ich diesen glibberigen Rotz auch noch nicht gegessen, bzw. geschlürft. Aber ich habe kulinarische Fortschritte gemacht und bei Austern kann ich jetzt sogar Unterschiede feststellen. Alles in allem ist das ein bisschen wie Sushi. Erst denkt man, och nö, Algen, klebriger Reis und roher toter Fisch muss nicht sein, und dann ist man ratzfatz süchtig. Ich vermute, mit den Seeigeln wird es mir ähnlich gehen. Gibt ja auch Seeigel-Sushi.

Sie gelten außerdem als Aphrodisiakum. Ach du gute Güte, das wird ja ein lustiger Beitrag heute. Keine Angst, ich schreib Ihnen jetzt nicht noch mal die Schlussszene aus Patrick Süskinds Parfüm. Ich wurde ehrlich gesagt auch nur ein bisschen müde, das kann aber auch am Wein gelegen haben.

Frohe Ostern gehabt zu haben wünsche ich!

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Kommentare

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ich find ja das sieht immer ein bisschen wie sperrende vogelnestchen aus
(pieepieep!)… bon appétit!

Iiiiiiii-gitt. Und ich dachte immer, schlimmer als Austern, Schnecken und Frosschenkel geht's nicht mehr! Es ist wohl tatsaechlich was dran, was die Franzosen so alles fuer "Delikatessen" halten...

Ich wußte zuerst nicht, ob ich mich überwinden kann, aber ich habe vor zwei Wochen meinen ersten Seeigel und am Sonntag schon wieder welche gegessen. Mich erinnert der Geschmack an ein mildes Tomatenmark.Hier unten sind die Stacheltiere auch sehr beliebt....

Habe ich gelacht als ich dein neuester Eintrag hier gelesen habe! :-) Mein Mann war vor ein paar Jahren auf Montage in Nizza. An einem freien Tag waren er und seine Kollegen am Strand. Etwas weiter saß ein Franzose der gerade mit seiner stacheligen Beute aus dem Meer gestiegen war und die Seeigel putzte. Mit Händen und Füßen erklärte er mein (sehr kommunikationsfreudiger, aber kein Wort Französisch sprechender) Mann das man die Weibchen essen kann, jedoch nicht die Männchen. Darauf hin ist mein Mann mit einer improvisierten Harpune und Handschuhe ins Meer getaucht und hat sich seiner Delikatesse selber geangelt. Seine Kollegen (die von der Begegnung nichts mitbekommen hatten) schauten ihm ganz entgeistert an als er mit ein paar Seeigelweibchen wieder auftauchte, diese aufschnitt und die Rogen verzehrte. Sie verzichteten auch dankend auf das Angebot auch mal zu probieren. :-)

Vielleicht gibts noch einen Meeresbiologen unter uns, der mir das mit den Männchen und den Weibchen, deren Aussehen und den Farben innen erklären kann? Hab nichts Richtiges gefunden im Web. Hatte immerhin schon vorher recherchiert und dann doch das geschrieben, was man mir erklärt hatte. Tatsächlich ist es hier üblich, sie selbst zu fangen, kostet quasi nix, frischer gehts nimmer, und praktischer isses auch, weil man sie dann direkt vor Ort im Meerwasser ausspült und direkt isst. :))

Oha... Werden die vorher gekocht oder ist man die roh?! Und leben die dann noch, wenn man sie halbiert? Muscheln und so esse ich ja, aber die Igelchen tun mir irgendwie leid...

Weisstu, wenn du reintrittst und die Stacheln eine Woche lang schmerzhaft rauseitern sind sie nicht mehr ganz so niedlich, die kleinen Pusselchen... ich kann es mit meinem grausam-eiskalten Gewissen vereinbaren sie zu essen, aber das ist alles eine Frage der Gewohnheit, des Landes, der Kultur etc. pp. hier können die Franzosen immer gar nichts mit solchen Gedanken anfangen... hier wird das einfach gegessen. ...

Hallo Christiane,
schoen, wieder mal was von dir zu lesen. Hier bei uns in Spanien gibt es auch die Seeigel und wenn ich morgens vor der Arbeit noch am Strand entlanglaufe, sehe ich oft Koerbe davon, frisch gefangen. Ich konnte mich aber bisher noch nicht ueberwinden, sie zu probieren.
Was ich sehr von dir zu lesen vermisse, sind deine persoenlichen Eindruecke, wie es dir nun so geht und was du so machst.Bist du noch in "deinem" Dorf? Wie meisterst du so deine Up and Downs¿
Wuerde mich riesig freuen, wieder oefter von dir zu lesen,
einstweilen einen ganz lieben Gruss
Christina


Also ich habe schon vor Jahrzehnten Seeigel auf der Insel Korculá gegessen.
Sie schmecken am besten, wenn man sie , die Füsse im Meer, daneben eine schöne Bottel Rotwein, und dann die Seeigel, frisch aus dem Meer. Hmmmm, lecker!
Liebe Grüße von Thea, die jetzt in Erinnerungen schwelgt.

Hallo Christiane- als ich im sommer 2008 zufällig in der Buchhandlund auf dein Buch gestoßen bin, war ich sehr erfreut über eine leichte sommerlektüre, bei der man noch was über land und leute in frankreich lernen kann. hier in mainz gibt es doch einiges französisches-nicht zu vergessen eine wunderbare französische weinstube mit einem französich sprechenden und französisch kochenden Wirt - Pierre vom "Templer". Ihn werde ich mal auch seeigel ansprechen. Das war mir wirklich neu, dass man sie essen kann. Ja - also ich bin dann auf deinen blog gestoßen und es hat mich wie viele andere ja auch sehr betroffen gemacht was man dann da lesen konnte. Ganz großes kompliment zu deinem buch- du schreibst einfach schön- und man hat ja dann auch gleich das gefühl man kennt dich- man ist nah dran an dir. Da du aus der nähe von Darmstadt kommst - wo ich aufgewachsen bin- hat sich auch außer, dass du dass lebst was ich auch am liebsten- jetzt mit meinen gereiften 50 machen würde- mal aussteigen- naturverbunden leben, einfach leben-schon sowas wie ein interesse an dir bei mir breit gemacht.
Jetzt läßt du im blog nicht mehr die welt an deinem seelenleben teilhaben- und. schreibst nach wie vor interessante sachen. besonders deinen tätigkeit als gemeindearbeiterin fasziniert mich und wie du die schwierigkeiten ob durch die gegebenheiten, die natur oder menschen verursacht - wegsteckst. Hut ab!
Schöne grüße aus mainz von petra

Hallo cricri,
faszinierende, farbenfrohe Fotos zeigst du uns von den kleinen Appetithäppchen, aber ... wie löffelt man aus, ohne sich die Fingerspitze an einer leidigen Stachelspitze zu beschädigen. Du hast uns ja das Seeigelöffnungsgerät beschrieben, aber es müsste doch noch ein niedliches kleines Gegenhaltegerät zum Löffelchen gereicht werden, oder trägt man an der linken Hand einen Kettenhandschuh? Ohne ein irgendwie geartetes Schutzgerät würde ich mich so einem Untier nicht zuwenden aus Furcht, dass es, selbst seiner Deckelung und wesentlich anderer Teile beraubt, mir beim ungeschickten Hantieren in den Schoß springt. Ne, wat nich all jifft, ... aber essen würde ich natürlich doch, aber vorher genau gucken, wie es die anderen machen. ;-)
Na denn, gesegneten Appetit.
:-)

Liebe Petra und Christina,
liebe Mädels,
manchmal geht was, manchmal nicht. Die fassungslose Traurigkeit letztes Jahr musste ich rausschreien, weil ich sonst daran erstickt wäre. Dieses Jahr ist alles viel zäher, unendlich viel tiefer traurig, bodenlos traurig. Depression ist das Wort, das diesen Zustand für die eine oder andere vielleicht greifbar macht.
Das will ich nicht in den öffentlichen Raum stellen. Für wie auch immer geartete Kommentare dazu bin ich viel zu fragil. Bitte versteht, dass ich manchmal einfach nicht kann.

@Marana, gute Frage, hab ich mir dann gar nicht mehr gestellt, beim Auslöffeln... die Stacheln sind nicht nadelspitz, das geht dann schon. Die professionellen Verkäufer und Austernaufschlitzer tragen wirklich Handschuhe!

liebe Grüße aus den Bergen und manchmal vom Meer
Christiane

Hallo Christiane,

Da essen also auch die Franzosen Seeigel ;-) Hier in Japan sind sie eine große Delikatesse und werden wie Du schon erwähntest auch als Sushi, jedoch auch in anderer Art und Weise verzehrt.
Selberfangen ist hier jedoch verboten und nur Fischer sind autorisiert sie aus dem Meer zu holen.

Dieser link

http://images.google.com/images?q=%E3%82%A6%E3%83%8B&oe=utf-8&rls=org.mozilla:de:official&client=firefox-a&um=1&ie=UTF-8&ei=qmLBS7q1GoHm7AP6jIS2CQ&sa=X&oi=image_result_group&ct=title&resnum=4&ved=0CCwQsAQwAw

zeigt ein paar Bilder die Seeigel, ihre Verzehrart etc betreffend.

Bon Appetit (Seeigel leicht flambiert mit etwas Salz auf etwas Reis schmeckt übrigens fantastisch ... also einfach mal offen sein für Neues!)
und viele Grüße aus Tokyo!
BCOME

Liebe BCOME,
is ja'n Ding... danke für den ansprechenden Seeigel-link; war kurz auf deiner Seite und stoße auf Herrn Döberl, der seinerzeit mit Herrn Hess zusammenwohnte... als S. Presso soweit ich mich erinnere. Ich wüsste nicht, dass wir (du und ich) uns direkt kennen, aber wir kennen die gleichen Menschen... ;) Gruß nach Nippon! Christiane

Hallo Christiane und alle die Seeigel ohne Fingerpiksen essen wollen,
der Franzose der mein Mann gezeigt hat wie man die aufmacht und ißt, hat mit einer Schere einfach die Stacheln gekürzt. Erst danach hat er sie aufgemacht, gespült und gegessen.
Die Männchen sind richtig schwarz und die Weibchen schimmern violet. Daran kann man wohl den Unterschied erkennen. Meistens sitzen die Weibchen in Felsspalten mit einem Haufen Mänchen oben drüber. Es ist also nicht ganz leicht daran zu kommen.

Hihi, du solltest Essbücher der neuen Generation schreiben! Gefällt mir.
Und bei mir kam der Witz an... mag daran liegen, dass ich allenfalls ein wenig spanisch denke, aber ganz und gar nicht französisch bin. :-))))))

Hallo Christiane!

Ich habe dein Buch letztes Jahr gekauft und ganzzzzzzz schnell genossen/gelesen! Seitdem ich aus Marseille 2004 zurück bin,
(ich war dort 8 Monaten für eine "petite formation d hotelerie") geht Frankreich und die Franzosen nicht aus meinem Herz, und meinen Sinn.
Als Brasilianer war das Land für mich wirklich wie gedacht.
Ich lese deine Geschichte bestimmt zum dritte/vierten Mal jetzt.
Deine Wörter nehmen mich weiter weg aus Hamburg, zurück dort
wo mein Herz immer noch sehr intensiv schlägt.

alles Liebe!


Felix

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