... die Deutschen flirten sehr subtil... Männer, Frauen, Traditionen
Heute morgen hab ich beim Aufräumen eine alte CD von "Wir sind Helden" wiederentdeckt, aufgelegt, und ich musste lachen, als ich das Lied von der kleinen Französin Aurelie höre, die enttäuscht ist, weil in Berlin keiner der deutschen Jungs sie anmacht. Das Lied verstehe ich erst heute richtig. Denn, der französische Mann ist traditionell mehr oder weniger macho-männlich und meistens charmant und per se un draguer, ein Anmacher. Zumindest, wenn er eine Frau alleine sieht. Eine Frau alleine, sprich ohne männliche Begleitung, muss wenigstens angesprochen, wenn nicht angemacht werden. Zwei Frauen alleine übrigens auch, selbst, wenn die sich vielleicht alles andere als alleine fühlen mögen, so etwas fordert einfach die männliche Eitelkeit heraus. „Naa, ganz alleine da?“ ist hier tatsächlich erlaubt zu fragen. Und wird auch gefragt.
Ich war das nicht gewohnt. In Deutschland hat mich niemals ein deutscher Mann so forsch angemacht. Ich gehe soweit, zu sagen, der deutsche Mann macht nicht an. Die deutsche Frau mag das in der Regel auch nicht. Passt also irgendwie. Wir finden trotzdem manchmal zusammen. Ich weiß auch nicht wie; ich war tatsächlich ein bisschen hilflos, Patrick zu erklären, wie Deutsche sich annähern, ohne dass Mann massiv baggert. Es ist wohl, wie es in einer Liedzeile bei "Wir sind Helden" heißt „ ein etwas subtileres Flirten“. Hier ist das anders, und es geht hier eigentlich den lieben langen Tag nur um eines: Männer und Frauen. Und wie und wann und wo Männer Frauen anmachen. Nämlich immer und überall. Der französische Mann findet im Alltag jederzeit eine Gelegenheit zur Kontaktaufnahme mit dem anderen Geschlecht. Bauarbeiter pfeifen hier tatsächlich noch einer Frau hinterher oder rufen vom Baugerüst herunter. Auch aus dem fahrenden Auto kann man rufen oder pfeifen oder hupen oder auch nur die Lichthupe betätigen. Und dass man im Supermarkt an der Kasse in der Schlange stumm hintereinander steht, kommt so gut wie nicht vor. Da wird geplaudert und gescherzt und gelächelt. Ohlala, heißt es etwa, da gibt’s heut aber was Leckeres, kochen Sie das, Mademoiselle? Darf ich auch kommen? Ah, Sie sind schon vergeben?! Das ist aber schade, der hat aber Glück ihr Mann...“ Oder „ah, Mademoiselle, ich lasse sie mal vor, ich sehe, sie haben es eilig und so einer schönen Frau tut man doch gern einen Gefallen“.
Das letzte Mal, als ich in Deutschland im rumpelnden Zug beim Gehen ins Wanken kam, sah der Mann, auf den ich beinahe gefallen wäre mich nicht etwa charmant lächelnd sondern nur äußerst genervt an.
In Frankreich in vergleichbarer Situation würde jeder Mann jeder Frau, ganz gleich ob er oder sie alt oder jung ist, oder dick oder dünn, lachend etwas sagen wie “ohlala, nicht so stürmisch, Mademoiselle“ oder ähnliches. In Deutschland fände ich das alles plump und aufdringlich. In Frankreich scherzen die Frauen zurück, und auch ich finde ich das hier irgendwie charmant, nett und in der Zwischenzeit ganz normal.
Ich hatte aber große Anlaufschwierigkeiten bei diesem Thema. Dass ich mich bei der leidigen Küsschenfrage schon vertan hatte, hab ich ja neulich schon angeschnitten. Es gilt: Keine bises an fremde Männer! Hier gilt ebenso: Kein Lächeln an fremde Männer und auch kein etwas zu langer Blick bitte! Sonst hat man ihn gleich an der Backe. Gut, wenn Frau das will, ok. Aber als ich meine kurzsichtigen Augen erst mal zur Abschätzung der Lage auf meinem ersten Dorffest über den Platz schweifen ließ, war das schon etwas zu lang und schon ein Blick zu viel. Schwupps steht irgendwer, der sich gemeint fühlte, neben mir, gibt mir ein Bier aus, und wir reden ein bisschen. Für mich, braves deutsches Mädchen, war das schon mal erstaunlich, wie schnell das hier geht, aber es war auch erst mal ganz ok so. Wir trinken ein Bier, wir reden. Meine neue Bekanntschaft wird dann irgendwann einsilbig, ein bisschen unwillig, und er lässt mich alsbald stehen... ich verstehe, ich hab ihn irgendwie verstimmt, aber warum, verstehe ich nicht. Das passiert mir am gleichen Abend noch mal, danach halte ich mich gesprächsmäßig lieber an den verheirateten Bruder einer Freundin, denke, da kann ich nicht so viel falsch machen. Wir albern lustig herum in einem Kauderwelsch aus Englisch und Französisch, ich lache viel, und es ist immer noch lustig, als wir gegen morgen zu sechst in einem winzigen Auto heimfahren. Aber dann kriecht er plötzlich auf meine Matratze, und ich bin schockiert. Ich werde ihn nur mit Mühe los, er ist sauer. Ich habe ihn den ganzen Abend angemacht, und jetzt wolle ich nicht?! Ich verstehs nicht. Ich habe ihn angemacht?
Ich beobachte ab sofort mein Umfeld genauer und sehe: es gibt Männerwelten und Frauenwelten. Man bleibt immer schön unter sich und hat getrennte Gesprächskreise. Männer reden mit Männern. Frauen mit Frauen. Ich spüre plötzlich, dass ich, wenn die Männer von meinem Hof auf dem Plätzchen zwischen den Häusern ein Bier zusammen trinken, und ich mich dazu stelle, gar nicht wirklich erwünscht bin, auch wenn es keiner deutlich sagt. Bei den langen Gesprächen nach dem Essen, teilen sich plötzlich die Lager, und ich sitze allein bei den Männern, weil ich ihre Themen oft spannender finde, aber ich komme nicht in das Gespräch rein. Denn: Es wird gar nicht gewünscht. Männer bleiben unter sich und Frauen ebenso. Langsam wird mir klar, wenn es Gespräche zwischen Männern und Frauen gibt, dann haben die hier nur ein Ziel: sie dienen der Kontaktaufnahme für ein „mehr“. Wenn ich mit einem Mann eine ganze Weile fröhlich lachend plaudere, völlig wurscht, ob das der verheiratete Bruder einer Freundin oder der unverheiratete Nachbar ist, ist das quasi das Zeichen für ein nachfolgendes tête à tête. Und das geht schnell hier. Und ich höre ich wieder sentimental den Refrain von "Wir sind Helden": „ach Aurelie, in Deutschland braucht die Liebe Zeit, hier ist man nach Tagen erst zum ersten Schritt bereit, die ersten Wochen wird gesprochen...“ genau! So ist das in meiner Welt zwischen Männern und Frauen. Ich bin aber in Südfrankreich. Und hier hat man keine Zeit zu verlieren. Hier wird kurz gelächelt, ein bisschen geplaudert und dann zack, geht es rein ins Bett. Ob daraus was wird, sehen wir dann, aber das haben wir schon mal mitgenommen.
Bars gehören zum Beispiel zur Männerwelt. Und Frauen gehen nicht alleine in eine Bar. Bar heißen hier die kleinen neonlichterleuchteten Kneipen, wo quasi zu jeder Tages – und Nachtzeit ein paar Männer am Tresen lehnen und ein Gläschen Wein oder Pastis oder manchmal auch einen Kaffee trinken, je nach Tageszeit eben. Wie gesagt Männer. Frauen gehen, ich wiederhole, nicht allein in eine Bar und wenn doch, so ist das insbesondere, wenn sie sich an den Tresen stellen, eine offene Einladung zur Annäherung und das wissen sie in der Regel auch. Die französischen Frauen zumindest. Zwei Frauen am Tisch sind beinahe eine Einladung, Mann gibt ihnen dann gern mal einen aus, um einen Grund zu haben, sich dazu zu setzen. Das eine oder das andere oder beides abzulehnen geht so gut wie nicht, also ist es einfacher, die Situationen an sich zu meiden. Das sind alles hart erarbeitete Erfahrungswerte, das hat mir keiner gesagt. Aber wenn man richtig hinkuckt, sieht man sehr wenige Frauen in Bars, und die sind meistens in männlicher Begleitung.
Ist Frau aus welchen Gründen auch immer ohne männliche Begleitung in einer Bar, dann bezahlt sie häufig nichts. Denn die anwesenden Männer geben ihnen ganz traditionell einen aus. Entweder fragen sie, kaum ist man reingekommen „was willst du trinken?“ Oder sie warten, bis wir ausgetrunken haben, um uns sofort etwas Neues zum Trinken anzubieten, oder sie bezahlen das Glas, das wir gerade bestellt haben stillschweigend mit, und bekommen von uns ein reizendes Lächeln als Dank, und vielleicht plaudern wir einen Moment mit ihnen, und wer weiß, vielleicht ergibt sich was... das weiß man ja nie, der französische Mann ist auf jeden Fall pfadfindermässig allzeit bereit. Auf die Art kann man als Frau billig einen Abend verbringen. Besonders freitags. Das Ende der Arbeitswoche ist hier traditionell ein Männerkneipenabend. Freitags versacken gern auch mal die bravsten Familienväter. Freitags sind die Kneipen voll und dieses „ich geb dir einen aus“ –Spielchen, wo jeder jedem eine Runde spendiert, hört freitagabends nie auf. Wenn man als Frau aus irgendwelchen Gründen freitags zwischen diese Männer zu stehen kommt, kann man sich vor ausgegeben Bier und Wein und wasweissichnoch nicht retten, hat aber auch, wenn man nicht definitiv zu einem der Männer gehört, immer mal schwere Arme vertraulich auf seinen Schultern liegen... und mehr als ein Angebot für die Nacht, aber vielleicht ist es auch das, was Frau sucht.
Heute weiß ich, dass Patrick mich ganz klassisch angemacht hat, als ich allein in sein Restaurant gestiefelt bin. Hier geht man ja nicht allein essen, das hab ich ja schon mal erklärt, hier sind ja alle immer in Gruppen unterwegs. Und Frau alleine im Restaurant ist nicht weit entfernt von Frau alleine in Bar. Siehe oben. Patrick hat sich also erst mal ganz kommerziell charmant um die alleine essende Frau gekümmert und mich ein bisschen später ganz klassisch angemacht, und er hatte leichtes Spiel mit mir, denn ich hab’s nicht mal gemerkt, da ich ja trotz alledem so Anmach-unerfahren geblieben bin. Ich dachte nur, oh, ist der aber charmant, und oh, was sagt der so nette Sachen... und schon war’s geschehen. Ist ja aber gut ausgegangen!
Das ist ja interessant. Ich glaube, in Italien ist es ähnlich. Mir wird nach dem Lesen des Blogeintrags jedenfalls so einiges klar ;)
Kommentiert von:Monika | Mittwoch, 6. August 2008, 10:39 Uhr
Das ist ja interessant. Ich glaube, in Italien ist es ähnlich. Mir wird nach dem Lesen des Blogeintrags jedenfalls so einiges klar ;)
Kommentiert von:Monika | Mittwoch, 6. August 2008, 10:39 Uhr
Du GLAUBST in Italien ist es ähnlich? In Italien ist es ganz genauso! Ich sage immer, egal welches Alter, von 9 bis 90, alle Männer glotzen und geben Kommentare ab. Das ist zwar positiv für's Ego, aber die Männer sehen Frau eben erst mal als "Lustobjekt".
Tja, man kann eben nicht alles haben...
Liebe Christiane, wie immer habe ich herzlich gelacht! Weiter so und lg, Tania
Kommentiert von:Tania | Mittwoch, 6. August 2008, 15:53 Uhr
Hallo Christiane,
ist das in Frankreich zwischen weiblichen und männlichen Arbeitskollegen auch so, dass man sich nicht ohne "Hintergedanken" unterhalten kann und laufen wirklich auch die verheirateten Männer jeder Frau hinterher oder sind wenigstens einige treu? Stelle ich mir etwas anstrengend vor, denn wir deutschen Frauen sind es ja gewohnt, uns ganz "normal" mit den Männern zu unterhalten. Meine 17-jährige Tochter hat z.B. mehr Kumpels als Freundinnen und das ist für alle Beteiligten kein Problem. Liebe Grüße aus Deutschland
Kommentiert von:Diana | Mittwoch, 6. August 2008, 21:16 Uhr
Lustig, gestern Abend habe ich mich mit Freunden - ausgehend vom Tango tanzen - über die südamerikanischen Männer unterhalten. Dort scheint es nämlich ähnlich zuzugehen. Und wenn beide Seiten Bescheid wissen und damit entsprechend umgehen, dann ist doch alles prima ...;-)
Herzlicher Gruß vom sommerlichen Ammersee - Renate
Kommentiert von:Renate | Donnerstag, 7. August 2008, 13:39 Uhr
Hallo Christiane,
hilft eigentlich dieses Spielchen zwischen Mann und Frau damit beide einfacher zueinander finden? Also ich meine das jetzt nicht nur im Sinne von zusammen im Bett landen, sondern ob man sich dadurch schneller und einfacher kennen lernt und sich Pärchen bilden? Ich habe einige Single-Freundinnen über 30 die wirklich verzweifelt sind, weil es so schwierig ist noch jemanden zu finden, der zu haben und halbwegs akzetpabel ist. Ich glaube sie wären sehr froh, wenns ihnen die Männer etwas leichter machen würden und lockerer wären.
un bisous, Barbara
Kommentiert von:Barbara | Donnerstag, 7. August 2008, 16:33 Uhr
Liebe Maedels, wir naehern uns dem 15.August, der ganz heissen Ferienphase in Frankreich, wir sind sowas von ausgebucht, dass mir schon ganz schwummerig ist, daher nur ultrakurz und Verzeihung wenn ich danach bis Ende August abtauche. Alle erlaeuternden Kommentare danach.@Diana: ich glaube, auch da gibt es alles. ich hab ja jetzt nicht das "normale business-live" kennengelernt, ich war hier auf einem Bauernhof und hab danach ueberall und nirgends gearbeitet, hatte auch "normale" kumpelhafte Arbeitskollegen. Aber selbst, wenn ich zu viel mit einem Mann geplaudert haette, wuerde das gleich als "drague", Anmache angesehen. Auch von den Frauen drumherum, die da gleich ganz zickig werden, weil es eben so unueblich ist, dass Frau mit Mann "einfach so" plaudert. Und es gibt treue Maenner, aber auch einen Haufen, die gern mal was mitnehmen, wenn es sich grad ergibt... @Barbara: du sprichst aber nicht von Freundinnen in Spanien, oder? da ist das doch bestimmt genauso wie hier, oder? Ich habe gerade Patrick interviewt, groesster Charmeur von Suedfrankreich, der mir sagt, entweder es ist gleich ein Funke da zwischen Mann und Frau, oder eben nicht. Wenn ja, dann geht es eben schnell ins Bett und vermutlich auch weiter, wenn nein, dann wird sich auch nicht weiter bemueht. Das langsame Herantasten gibts auch, aber nach seiner Schaetzung steht das 30:70. Also, es beginnt hier einfach viel koerperlicher, man sucht jemanden, von dem man sich sexuell angezogen fuehlt (denn das ist ja die Basis von allem, sagt der Franzose!), und nicht jemanden, mit dem man lange philosophiert. Wenn das mit dem Sex klappt, und danach auch alles irgenwie stimmt, dann ist die Wahrscheinlichkeit dass man, zack, ein Paar geworden ist, gross. hmmm, irgendwann einmal mehr dazu! schoene Gruesse aus dem Land de l'amour et de la bouffe (essen und lieben, sind DIE zwei grossen Themen in Fronkreisch!)
Kommentiert von:Christiane | Freitag, 8. August 2008, 8:57 Uhr
Hallo,
ja, in Italien geht die maennliche Anmache, je nach Region, auch relativ schnell und offensichtlich ueber die Buehne.
In den Staedten, geht man als Frau aber problemlos alleine essen oder einen Kaffe in der Bar trinken. Da wird man nicht unbedingt angesprochen - und zahlen darf man auch selber..!
Zum Flirten: in Nord-Mittelitalien flirtet man normalerweise gern ohne dass danach gleich ins Bett gegangen werden muss.
Mann und Frau polieren auf diese Weise halt ihr Ego auf und testen ihren "Marktwert"...
Gruesse nach Frankreich
von Kat
Kommentiert von:Kat | Montag, 11. August 2008, 17:46 Uhr
Also aus Italien kenne ich es eher, dass wenn man eindeutig als Touristin zu identifizieren ist, die Anmache zum Teil sehr offensiv ist.
Da braucht man nicht mal aufmunternd zu gucken, es reicht die bloße Existenz und ein "nein" wird auch nur akzeptiert wenn es entsprechend unmißverständlich bis rabiat rüberkommt.
Kommentiert von:Andrea | Donnerstag, 28. August 2008, 20:50 Uhr