Chanel zelebrierte Landliebe und Bauernromantik
Ein riesiger Heuhaufen lag unter dem Dach eines überdimensinalen Holzschuppens, der unter der Glaskuppel des Grand Palais aufgebaut worden war. Heu übersähte auch die Holzdielen der Tribüne. Der Schuppen war mit Blumengirlanden und Lampions dekoriert und das ganze Szenario erweckte den Eindruck, als wollte uns Karl Lagerfeld an diesem Dienstag Morgen mit der Chanel-Kollektion auf's Oktoberfest entführen. Ein Hahn krähte schrill und fetziger Country-Rock setzte ein. Die ersten Models traten aus dem Heuhaufen heraus und drehten im Takt der Musik ihre Runden durchs Publikum. Sie trugen wippende Dirndl, die gerade noch den Po bedeckten, Bastkörbchen am Arm und Klatschmohn im Haar. Die derben Clogs brachten die Röcke erst recht in Schwung und auch sonst waren sie allesamt fröhlich und guter Dinge. Lagerfeld hatte es tatsächlich geschafft, den Dirndln den unverkennbaren Chanel-Stil zu verpassen. So zeigte er sie zum Beispiel im schwarz-weiß kariertem Bouclé-Stoff mit ausgefransten Kanten. Ein Dirndl kam im typischen Strickjacken-Muster mit Löchern und Noppen daher, ein anderes war aus nostalgischer Spitze, und über ein wieder anderes wurde ein Rüschen-Bolero gezogen. Ab und an wurde auch ein Schürzchen über den Rock gebunden. Das kassische Chanel-Kostüm interpretierte er im Bauernromantik-Stil, die typischen Accessoires arbeitete er entsprechend ein: hautfarbene Strumpfhosen, auf denen in Oberschenkelhöhe aufgedruckte Perlenketten mit Chanel-Logo baumelten, Ketten mit Ähren-und Kornblumen-Motiven, und Stoffblüten und Knöpfe in Edelweiß-Optik zierten die Jackenborten. Die Farbpallette reichte von Naturfarben über Rosé hin zu Schwarz. Derart aufgemacht sahen die Mädchen aus, als gingen sie brav zur Sonntagskirche. Auch das Motiv des Zimmermanns auf der Walz hatte Lagerfeld aufgegriffen: Einige Models trugen knöchellange, leicht ausgestellte Röcke, an deren Seiten die für die Zimmermannshosen typische goldene Knopfleisten verliefen. Der Zimmermann gab sich auf der Chanel-Wies'n dann auch ein Stelldichein. Der stramme Bursch' heißt Baptiste Giabiconi und ist Lagerfelds aktuelle männliche Muse. Abwechselnd umgarnte er die androgyne Freja Beha Erichsen und die kurvige Lara Stone. Letztere war, barfuß im weißen Rüschenkleid mit Bardot-ähnlichen Schmollmund und einem Ährenbüschel im Arm, die Inkarnation der verführerischen Bauernmaid. Schließlich wissen wir alle, dass der unschuldige Schein trügt, und es die feschen Bauerstöchter faustdick hinter den Ohren haben. Nach der Hälfte der Show tauchte eine Plattform aus dem Heuboden empor und zum Vorschein kam Sängerin Lily Allen im Dirndl, umringt von ihrer Band. Mit ihrem Chart-Hit "Not Fair" spielte sie zum Tanz auf. Models mit mit Blumen-bestickten Tüll-Kleidchen schwirrten und wirbelten umher, und Baptiste, Freja und Lara busselten im Heuhaufen. Die Show war also ein großer Spaß und auch der Designchef zeigte sich anschließend mit versonnenem Grinsen. Wenn das nicht Lust auf's müßige Landleben macht!
