Schlagt mich, kratzt mich, beißt mich, gebt mir Tiernamen
Reden wir heute mal über Ausreden. Warum zum Beispiel war ich, entgegen meiner Ankündigung vom vorigen Mal, nicht in jenem dubiosen Hotel am Rande der Stadt, um mich von der Frau, die den einladenden Zettel an meinem Auto hinterlassen hatte, über ein fantastisches Zweiteinkommen informieren zu lassen, und meine Erkenntnisse dann hier, heiter aufbereitet, wiederzugeben? Ich hatte es doch sozusagen versprochen. Darum wollte ich mir erst eine sehr gute Ausrede einfallen lassen, also etwa: ...
Mein Auto ging nicht, weil ich beim Ausparken auf den Kantstein gefahren bin und daraufhin die Luft aus dem Reifen entwich, zisch. Verdammt, was für eine schwache Ausrede. Unfassbar, dass der Kollege Stephan Bartels sie heute morgen bemüht hat, um sein stark verspätetes Eintreffen beim gemeinsamen Frühstück vor der Arbeit zu begründen, wenn nicht sogar zu entschuldigen. Nein, da hätte ich mir doch was Besseres einfallen lassen. Der Trick ist ja, die Ausrede so unerhört ausfallen zu lassen, dass die Empfänger denken: das klingt so abwegig, das kann nicht ausgedacht sein.
Also: Ich konnte am Montag nicht auf Recherche, weil die Membran zwischen meinen beiden Gehirnhälften total verzogen war.
Hammer ist ja, dass das wahr ist. Also, von Anfang an. Ich habe nämlich zu Weihnachten einen Gutschein für dreimal Cranio-Sacral-Therapie bekommen. Das ist eine alternative Behandlungsmethode, die sich aus der Ostheopathie entwickelt hat, ein manuelles Verfahren, bei dem Handgriffe vorwiegend im Bereich des Schädels und des Kreuzbeins ausgeführt werden, so steht's bei Wikipedia. Auf Deutsch kann man auch "Schädel-Kreuzbein-Therapie" sagen, das klingt aber so brutal, in Wahrheit ist es ganz sanft. Alle denken immer, ich sei total fertig und müsste alternativ geheilt werden, dabei sehe ich einfach von Hause aus so aus, aber egal, mir ist jeder Termin, an dem ich eine Stunde irgendwo liegen kann, hoch willkommen, also ich sage mal, fast jeder.
Jedenfalls war mir entfallen, dass ich den Termin alle zwei Wochen am Montagabend habe, es ist sehr teuer, ihn ausfallen zu lassen, obwohl, es war ja ein Geschenk, also: ein Geschenk ausfallen lassen, das geht nicht. Und beim ersten Termin erfuhr ich nun also von der Membran zwischen meinen Hirnhälfte, insbesondere von ihrem traurigen Zustand, ich hatte mich ehrlich gesagt schon gewundert, warum da oben in letzter Zeit so viel Unfug rauskommt. Als es nun also hieß: an den Stadtrand fahren, weil ein paar Millionen Weblog-Leserinnen (Notiz an mich selbst: Zahl noch mal "hart machen") auf die Fortsetzung meiner Zweiteinkommens-Geschichte warten, oder aber mich im Warmen auf ein Handtuch legen und endlich die Hirnhälften wieder auf die Reihe kriegen - als es das also hieß und zwischen meinen Hirnhälften ein in extremer Schräglage vorhandener Gewissenskonflikt ausgetragen wurde, dachte ich: Geh den Weg des geringsten Widerstandes, mach Cranio und lass dir später einfach eine gute Ausrede einfallen.
Komischerweise sind mir bessere Ausreden eingefallen, als die Membran noch verzogen war, aber das habe ich natürlich erst hinterher gemerkt.
Und um mich jetzt mal quasi zu rechtfertigen, möchte ich zitieren, was Dr. Schlupp in einem Kommentar zum vorigen Eintrag gesagt hat: "Ich denke, dass die ältere Dame selbst so eine arme Socke ist, die auf den Trick reingefallen ist." Und ich vermute stark, er hat Recht, und als ich das las, dachte ich: Am Ende ist es genau so, und du (also ich) weidest dich am Elend anderer Menschen. Bleib bei deiner (also meiner) Kernkompetenz und weide dich weiterhin eher an deinem eigenen Elend.
Oh, macht mir fertig. Ich halte alles aus, dank Cranio. Nur dass Raubtigger, siehe ebenfalls die Kommentare vom letzten Mal, nun von einem Menschen geträumt hat, von dem sie im Moment des Traumes noch nicht wusste, dass er im Begriffe war, sie zu enttäuschen ... daran werde ich jetzt noch ein bisschen knabbern.
Lieber Till,
ich bewundere ja, in welcher schonungslosen Offenheit Du hier über Deinen Körper und seine Defizite schreibst. Würde ich mich nie trauen.
Herzlich
Stephan
Kommentiert von:Stephan | Donnerstag, 14. Februar 2008, 15:34 Uhr
vielleicht hindert eine zurechtgerückte Membrane beim Flunkern und Ausreden schöpfen?
Ich wünsche viel Vergnügen mit dem ehrlichen Schädel ;-)
Mel
Kommentiert von:Mel | Donnerstag, 14. Februar 2008, 15:41 Uhr
Lieber Till,
ich bewundere ja, in welcher schonungslosen Offenheit Du hier über Deinen Körper und seine Defizite schreibst. Würde ich mich nie trauen.
Herzlich
Stephan
Kommentiert von:Stephan | Donnerstag, 14. Februar 2008, 16:14 Uhr
Lieber Till,
vielen Dank - du warst derjenige, der mich heute am Valentinstag zum Lachen gebracht hat - köstlich!
Kommentiert von:Eva | Donnerstag, 14. Februar 2008, 21:25 Uhr
Vielleicht sollte ich auch mal Craniosacral ausprobieren... ;-)
Kommentiert von:Ulrike | Freitag, 15. Februar 2008, 12:55 Uhr
Na hoffentlich bleiben die Geschichten in Zukunft aufgrund der zugerechtgerückten Membran weiterhin so unerhaltsam ;-)
LG Kerstin
Kommentiert von:Kerstin Dreger | Freitag, 15. Februar 2008, 13:21 Uhr
Und wo sind jetzt die Tiernamen???
Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
Eva
Kommentiert von:Eva | Freitag, 15. Februar 2008, 16:41 Uhr
Also, ich bin trotzdem dafür, daß Sie die Nummer auf dem Zettel noch einmal anrufen und einen neuen Termin ausmachen.
Dieses Geheimnis des perfekten Geldverdienens muß schließlich gelüftet werden!
Kommentiert von:K | Mittwoch, 20. Februar 2008, 17:01 Uhr