Letzter Eintrag vom Trost-Stern
Ich habe mir ein neues Fahrrad gekauft. Eigentlich war der Fahrradkauf für mich immer so mit das schönste Konsumerlebnis: dieses Gefühl, von der alten Schrottmühle aufs schnurrende neue Rad zu steigen (außerdem kauft man vergleichsweise selten ein neues Rad, dies ist erst mein sechstes). Na ja, ganz so toll schnurrt das neue Rad nicht, die Gewährleistung ist bereits einmal strapaziert worden, aber darauf möchte ich gar nicht herumreiten. Vieles funktioniert nicht so gut, auch wenn es neu ist, das ist so. Wir sind in eine Wohnung in einem Neubau gezogen, der noch nicht ganz fertig ist, ständig gibt es Probleme, das Telefon hat zehn Wochen gedauert, und heute morgen hat der Nachbar, der noch immer auf seinen Anschluss wartet, dem Telekom-Techniker hinterhergeschrien: "Unglaublich, dass vor vierzig Jahren Leute zum Mond geflogen sind! Das wäre heute nicht mehr möglich!" Dem ist nichts hinzuzufügen. Nein, mir geht's ums Schöne am neuen Fahrrad, und schön am neuen Fahrrad ist zu allererst sein Name. ...
Das Fahrrad stammt von einem deutschen Hersteller, er hat dieses spezielle Modell "Fantasy plus" genannt, das steht groß auf dem Rahmen, genauer gesagt: "Fantasy plus Edition". Jeder beömmelt sich über den Namen, ich sage: Ey, man kann nie genug Fantasie haben. Und wenn's mir schlecht geht, stütze ich mich auf den Lenker, der hat einen eigenen Namen, er heißt "Comfort Star", also Troststern, obwohl, das Wort koppelt man besser, Trost-Stern, sonst sieht es unangemessen unaussprechlich aus.
Warum aber ein mittelständischer deutscher Fahrradhersteller seine Produkte so nennt, ist im Grunde natürlich ein Rätsel. Wenn man einen weniger liebevollen Blick hat als ich, dann müssen einem solche Namen doch einfach lächerlich und bescheuert vorkommen. Vermutlich ist eine Namens-Agentur beauftragt worden, am Ende waren die Namen sogar in der "Mafo", der Marktforschung, und vielleicht hat das alles auch seine Berechtigung, weil wir Konsumenten Produkten gar nicht mehr vertrauen würden, deren Namen weniger lächerlich und bescheuert wären.
Besonders vielschichtig ist der Name der Sattelfederung. Überall stehen Namen auf dem Fahrrad, es ist wie das Oberhemd eines Bundesligatrainers. Die Sattelfederung heißt "Glide Postmodern", wobei "glide" sich offenbar auf das mechanische Gleiten der Federung in der Halterung bezieht, wenn die Federung meinem Gewicht ausgesetzt wird. Interessanterweise ist ja das Gleiten ein ganz wichtiger Aspekt der postmodernen Sprach- und Texttheorie, beim Namen "Glide Postmodern" hat sich also unter Umständen jemand erschreckend viel gedacht. Die Postmoderne war das, was man in den Neunzigern an der Uni gelernt hat, in den frühen und mittleren, wenn man irgendwas mit Literatur oder Kultur studiert hat. Postmoderne Theorie geht, super vereinfacht, davon aus, dass Bedeutungen immer gleiten bzw. entgleiten, das fängt schon damit an, was sich zwischen Signifikat (also dem Bezeichneten) und Signifikant (dem Bezeichnenden) abspielt, also etwa zwischen dem Rad als Gegenstand bzw. Vorstellung im Kopf, und dem Wort "Rad" und all seinen Konnotationen und Assoziationen. Jeder sieht oder versteht etwa anderes, wenn er das Wort "Rad" hört, man kann die Bedeutung nicht ein für alle Mal festnageln, sie gleitet durch die Gegend, weshalb die Postmoderne dann auch davon ausging, dass nichts eine feste Bedeutung hat, kein Wort, kein Satz, kein Text.
Ich fand das damals sehr interessant, heute sitze ich drauf, und zwar bequem. Wenn ich mehr Fantasie hätte, also "Fantasy plus", könnte ich ausspinnen, ob das am Ende nicht vielleicht ein Sinnbild für den Fortgang des Lebens, das Älterwerden an sich, usw., ist. Ich lass das jetzt. Ich setz mich einfach auf mein Rad und fahr nach Hause.
Und zwar, was diesen Weblog, den sie "Das Leben: Ein Selbstversuch" nannten, betrifft: in den Sonnenuntergang, den metaphorischen. Dies ist der letzte Eintrag. Weil es Zeit ist, sich was Neues auszudenken. Wir sind dabei. Ich halte es für überaus wahrscheinlich, dass uns was einfällt, und dann treffen wir uns eher früher als später hier bei brigitte.de wieder.
So oder so ist dies ein erstklassiger Anlass, mich bei Ihnen und Euch, den Userinnern und Usern, von Herzen zu bedanken für die vergangenen zweieinhalb Jahre, für all die Kommentare, die guten Ratschläge, die freundlichen Zeilen, die Beschwerden, die Klicks. Es hat mir viel Freude gemacht. Bis demnächst!
Huii, an so einem Tag, den es nur alle vier Jahre gibt muss natürlich was besonderes geliefert werden. Da bin ich also gespannt auf das was kommt. Hoofentlich wird's dann auch hier angegkündigt, damit ich es mitkriege...
Lieber Till, seit zwei Jahren lese ich zwar noch nicht mit, aber ich danke auf jeden Fall für die vielen lustigen und semilustigen Sachen, die es hier zu lesen gab, hat Spaß gemacht!!
Liebe Grüße und alles Gute
Anja
Kommentiert von:Amanleian | Freitag, 29. Februar 2008, 19:33 Uhr
Danke für viele unterhaltsame Beiträge. Viel Glück für das Neue, das kommt :-)
LG, Mel
Kommentiert von:Mel | Freitag, 29. Februar 2008, 20:37 Uhr
Da seilt er sich also klammheimlich ab und das auch noch auf einem spiessigen Fahrrad...
Ich hoffe mal das mit dem Zurückkommen ist ernst gemeint und nicht in dem Sinne von "wir melden uns bei Ihnen".
Vielen Dank für die vielen lustigen Beiträge in diesem Blog und auf hoffentlich bald!
Kommentiert von:Andrea | Samstag, 1. März 2008, 0:34 Uhr
Da seilt er sich also klammheimlich ab und das auch noch auf einem spiessigen Fahrrad...
Ich hoffe mal das mit dem Zurückkommen ist ernst gemeint und nicht in dem Sinne von "wir melden uns bei Ihnen".
Vielen Dank für die vielen lustigen Beiträge in diesem Blog und auf hoffentlich bald!
Gruß, Andrea
Kommentiert von:Andrea | Samstag, 1. März 2008, 0:35 Uhr
Das sind ja Neuigkeiten. Ich hoffe, dass wir auf das Neue nicht allzulange warten müssen und freue mich jetzt schon drauf. Super wäre, wenn sich das Neue öfter blicken ließe als das Alte.
Liebe Grüsse aus Wien. Topolina
Kommentiert von:topolina | Samstag, 1. März 2008, 11:34 Uhr
Was Neues? Mit viel Fantasie? Klingt gut! Bin sehr gespannt.
Liebe Grüße
Michèle
Kommentiert von:Michèle | Samstag, 1. März 2008, 18:55 Uhr
Lieber Till Raether!
Ich finde es wirklich wirklich schade, dass ihr Weblog hier am Ende angelangt ist. Ich habe mich immer sehr gefreut, wenn es neue Beiträge zu Lesen gab. Mir fehlt eindeutig jetzt schon was, an meiner täglichen Internetroutine ("mal schnell nachschauen, ob es beim Selbstversuch was neues gibt").
Jedenfalls möchte ich Ihnen danken für die vielen unterhaltsamen Zeilen, die ich immer sehr sehr gerne gelesen (und viel darüber nachgedacht) habe.
Ich bin schon sehr gespannt auf das angekündigte "Neue" auf Brigitte.de.
Kommentiert von:Angelina | Samstag, 1. März 2008, 21:30 Uhr
Schade, dass das nun das Ende war!
Bin schon gespannt wie das "was Neues" wird.
Zum Fahrrad möchte ich nur so viel sagen: Außer, dass das Fahrrad in Deutschland zusammen geschraubt wurde, ist daran nichts "original Deutsche Quallität". Taiwan beherrscht den Fahradteilemarkt. Die Firmen kaufen die Teile in Taiwan ein, verschrauben sie hierund verkaufen die Räder dann als Eigenproduktionen. Lediglich ganz kleine Firmen leisten sich Entwicklungsarbeit hier - lassen aber dann auch wieder in Taiwan produzieren. Dementsprechend kosten diese guten Teile dann aber auch.
LG Trixi
Kommentiert von:Trixi | Sonntag, 2. März 2008, 11:54 Uhr
Lieber Till,
schade, schade. Mir fiel schon bei der letzten gedruckten Brigitte auf, dass Ihre Kolumne "Sonntagnachmitag" - was für eine Enttäuschung, das Beste in der Brigitte!! - fehlte. Und jetzt auch kein Blog mehr von Ihnen bei brigitte.de.
Seufz, wie soll das noch enden!! :-(
Viele Grüße
Jutta
Kommentiert von:Jutta | Mittwoch, 5. März 2008, 20:14 Uhr
Protest! und zwar in doppelter Hinsicht - erstens, weil auch ich die Selbstversuche nicht missen will, haben sie mich doch durch meine gesamte Prüfungszeit begleitet! zweitens, weil ich es für unmöglich finde, dass Sie hier über kaputte Räder und die nötigen Neuanschaffungen schreiben und kurz darauf mein Superrad nach 17 Jahren treuen Diensten dahinscheidet. Also echt so geht das ja nun nicht. Nach einer durchweinten Woche und der verzweifelten Lösungssuche schlage ich Ihnen daher folgendes vor: gaaaanz schnell einen neuen Blog o.ä. der mich durch meine Doktorarbeit begleitet (und das mit dem Fahrrad hat sich schon erledigt - neues Traumrad gefunden, fährt quasi von selbst und sieht auch noch schick aus ;-)
Herzliche Grüße aus dem tiefsten Süden Niedersachsens
Katja
Kommentiert von:Katja | Montag, 10. März 2008, 17:10 Uhr
Jetzt muss ich mich noch einmal melden.
Heute sah ich in einem Prospekt Fruchtgummis in der Form von Minipandas. Da wurde mir mit aller Wucht erst die Tragweite von Herrn Raethers Blogende so richtig bewusst! Au weia - welch üble Zeiten kommen da auf mich zu!
Kommentiert von:Trixi | Mittwoch, 12. März 2008, 11:19 Uhr
is schon doof. so ganz ohne raether.
wann ist denn demnächst?
Kommentiert von:cmyk08 | Dienstag, 18. März 2008, 11:36 Uhr
Vielleicht ist Herr Raether ja doch in dieses dubiose Hotel am Rande der Stadt gefahren, um sich dort über das fantastisches Zweiteinkommen informieren zu lassen - und er war sogleich begeistert und es ist kein Zweit- sondern sein Ersteinkommen! Schade eigentlich - was soll nun werden? Wer heitert jetzt auf? Immer wenn meine Tochter und ich das "Einkaufen aktuell" in den Händen halten seufzen wir "Ach Gott, jetzt auch du!" bevor wir es in den Müll werfen. Nun denn, wir wünschen natürlich alles Gute und hoffen bald wieder von Ihnen zu hören
Kommentiert von:K.D. | Dienstag, 18. März 2008, 12:52 Uhr
Wir sind raetherlos! Wo? Wann? Was? Ernst sein kann jeder. Aber andere zum lachen zu bringen ist eine Kunst. Wir haben Ihre Tillerdies und Tillerdas sehr gemocht. Sehr sehr!
Kommentiert von:Schreiber & Schneider | Dienstag, 18. März 2008, 22:33 Uhr
Wir sind raetherlos! Wo? Wann? Was? Ernst sein kann jeder. Aber andere zum lachen zu bringen ist eine Kunst. Wir haben Ihre Tillerdies und Tillerdas sehr gemocht. Sehr sehr!
Kommentiert von:Schreiber & Schneider | Dienstag, 18. März 2008, 22:33 Uhr
Wo ist Till Raether geblieben? Wir vermissen ihn.
Kommentiert von:V. von Kanada | Freitag, 2. Mai 2008, 6:08 Uhr