Fantastisches Einkommen, fantastisches Auto, fantastischer Mensch
Mit schöner Regelmäßigkeit finde ich laminierte kleine Plastikkärtchen an meinem Auto, auf denen so Sachen stehen wie: "Falls Sie Ihr Auto jetzt oder später verkaufen möchten, dann rufen Sie mich bitte an! Sofort Bargeld! Sofort Abmeldung! Bitte diese Karte nicht wegwerfen, schonen Sie Ihre Umwelt!" Sehr witzig. Besonders gut gefallen hat mir jüngst folgender fotokopierter Zettel in Handgeschrieben-Optik: "Ihr Fahrzeug ist mir positiv aufgefallen – sollten Sie Interesse an einem Zweiteinkommen haben, rufen Sie einfach an." Normalerweise würde ich das lesen, mich kurz in dem Gefühl sonnen, ein Auto zu fahren, das aussieht, als brauchte ich ein Zweiteinkommen, und den Zettel dann wegwerfen, aber jetzt habe ich einfach mal angerufen. ...
Unter der angegebenen Telefonnummer meldete sich eine freundliche, ich würde sagen: ältere Dame. Wer weiß, diese Telefonleute arbeiten ja mit allen Tricks. Die Dame hat sich total gefreut, dass ich anrufe. Ich war natürlich knallhart und wollte erstmal wissen, um was für eine Art von Zweiteinkommen es sich handelt. "Ein sehr schönes", gab sie bündig zurück. Im Folgenden sprach sie sogar von einem "fantastischen Einkommen", wollte aber keine Zahlen nennen. Jedenfalls sei ihre Firma im "Handel" tätig, "national und international", die Arbeitszeiten seien total flexibel, man rutsche da so per "learning by doing" rein, "Sie können sich das gestalten, wie Sie möchten". Wichtig sei halt nur, dass man "gern mit Menschen zu tun" habe.
Wenn ich das höre, schrillen bei mir alle Alarmglocken, ich kenn mich ja. Im Grunde würde ich gern was ohne Menschen machen, Steinmetz oder, äh, Weblog-Autor, aber dann kommt am Ende ja einer und holt den Stein ab. Ich fragte dann, ob ich nicht mal vorbeikommen und mir ihr Geschäft anschauen könnte. Das, sagte sie mit aufrichtigem Bedauern, ginge zurzeit nicht so gut, "wir treffen uns lieber bei einem unserer Geschäftspartner", da ihre Firma gerade "im Umzug begriffen sei".
Macht einen das misstrauisch oder was? Ich meine, hätte die Frau nicht einfach sagen können: "Hören Sie mal, Sie fahren zwar eine bemitleidenswerte Schrottkarre mit vierzehn Kindersitzen hintendrin, aber alles, was ich Ihnen jetzt und im Folgenden sage, hat nur das Ziel, Ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen oder Sie dazu zu verleiten, anderen das Geld aus der Tasche zu ziehen, und so blöd sind Sie doch gar nicht, Schrottkarre hin oder her." Stattdessen gab sie mir als Treffpunkt ein, vorsichtig formuliert, dubioses Hotel im, noch vorsichtiger formuliert, abgelegensten, gottverlassensten Vorort unserer groovigen kleinen Hansestadt. Und ich? Ich sagte natürlich, ich bin dabei, ist ja Ehrensache, da bleibt man dran als Reporter, meine Neugier war geweckt!
Jetzt bin ich also verabredet mit einer Frau, die mein Auto zum Anlass genommen hat, mich in ihr Pyramiden-Spiel oder etwas ähnlich Fischiges reinzuziehen. Ehrlich gesagt weiß ich nicht genau, wie weit es mit meiner journalistischen Neugier am nächsten Montagabend bestellt sein wird, wenn ich eben jenes Auto besteigen soll, um in diesen Vorort da zu fahren. Falls ich echt so drauf bin, werde ich natürlich berichten.
Dann habe ich sie noch gefragt, was ihr denn an meinem Auto so gut gefallen habe, dass sie ausgerechnet das Auto bzw. mich zum Empfänger eines "fantastischen" Zweiteinkommens erkoren habe. "Das ist einfach ein Bauchgefühl", sagte sie, "wenn ich ein Auto sehe, das mir gefällt, denke ich: Da steckt bestimmt ein fantastischer Mensch dahinter." Leute, ich fahre einen Skoda-Kombi Bj. 2003, Sondermodell "Family", von dem wegen eines Werkstattfehlers am Stoßfänger der Lack blättert, der Rest ist Staub. Aber mir gefällt das Auto auch, das haben meine Gesprächspartnerin und ich immerhin gemeinsam. Mal schauen, ob das eine tragfähige Basis ist. Wenn ja, dann werde ich den Weblog fürderhin nutzen, um fantastische Diät- oder Körperpflege-Produkte oder irgendwas anderes aus dem nationalen und international Handel an Euch zu verkaufen.
Ist es das Hotel Eros auf der Reeperbahn?
Dann unbedingt berichten!
Paul
Kommentiert von:Paul | Dienstag, 5. Februar 2008, 3:30 Uhr
Ich denke, dass die ältere Dame selbst so eine arme Socke ist, die auf den Trick reeingefallen ist. Wer hier nun wirklich ein "fantastisches" Einkommen hat, ist ja klar...
Kommentiert von:Dr. Klaus Schlupp | Dienstag, 5. Februar 2008, 9:43 Uhr
Tipp zur Abschreckung: etliche laminierte Auto-Ankaufkärtchen sammeln, hinter die Scheibe klemmen und abwarten ... seit dem ich mit 7 lustig-bunten Kärtchen am hinteren Seitenfenster fahre und parke bleiben Nachfolger erfolgreich aus :)
LG, Mel
Kommentiert von:Mel | Dienstag, 5. Februar 2008, 10:06 Uhr
@ Mel
Dann kenne ich Dein Auto!
Oder gibt es da etwa Nachahmer?
Jedenfalls habe ich diese kreative Dekoration schon in Berlin gesehen.
@ Till Raether
Ich habe letzte Nacht von Ihnen geträumt. Wahrscheinlich habe ich die Schwingungen dieser mysteriösen Geschichte detektiert und im Traum verarbeitet. Schwangere sind da ja wohl sehr empfänglich. Es war jedenfalls alles sehr skurril. Bin gespannt, was Ihre Ermittlungen ergeben.
Kommentiert von:Raubtigger | Dienstag, 5. Februar 2008, 10:26 Uhr
Na, hoffentlich schafft das Auto den Weg wieder weg vom "dubiosem Hotel im abgelegensten, gottverlassensten Vorort Ihrer groovigen kleinen Hansestadt". Denn ich vermute mal, das Handy wird dort keinen Empfang haben...
LG Kerstin Dreger
Kommentiert von:Dreger, Kerstin | Dienstag, 5. Februar 2008, 13:25 Uhr
@Raubtigger
mein Auto hat Berlin noch nie gesehen, aber vielleicht schwimmt der Besitzer des Berliner Autos auf der gleichen Abwehrwelle wie ich?! ;-)
Kommentiert von:Mel | Dienstag, 5. Februar 2008, 18:13 Uhr
Bitte auf jeden Fall über das Treffen berichten, bin sehr gespannt!
Naja, und so Kärtschn kriegt man immer, wenn man eine mehr oder weniger alte (Rost)laube fährt. Im Moment ist mein Wagen wohl noch zu jung... ;-)
Das mit den soundsovielen Kärtschn hinter der Scheibe ist eine super Idee!
Kommentiert von:Ulrike | Mittwoch, 6. Februar 2008, 12:55 Uhr
Ach, was man nicht alles an lustigen Möglichkeiten verpasst, wenn man kein Auto besitzt. *hihi*
Kommentiert von:Jutta | Mittwoch, 6. Februar 2008, 16:25 Uhr
Oder im falschen Teil unseres Landes wohnt....
Hier gibt´s so was nicht, bei uns auf dem schwäbischen Land!!
Aber soll ich wirklich neidisch sein?!?
Wahrscheinlich verklagen die Daimler-Jahreswagen-Fahrer alle, die an ihr Auto ( sog. "Heilix Blechle", es gab da sogar mal Aufkleber dazu!) unaufgefordert hinfassen.... - ach ne, wohl doch nicht, sind ja alles ältere Modelle, die bestückt werden!
Kommentiert von:Eva | Mittwoch, 6. Februar 2008, 18:43 Uhr
Na, was ist nun, hast Du nicht zurückgefunden aus dem dubiosen Viertel der heiligen Stadt? Der Eintrag ist immerhin schon 8 Tage her. da schafft man das wohl auch in Hamburg zu Fuß wieder nach Hause zu finden, oder?
Bin gespannt auf den Bericht!!!
Anja
Kommentiert von:Amanleian | Dienstag, 12. Februar 2008, 20:25 Uhr