Das Leben: Ein Selbstversuch

BRIGITTE-Kolumnist Till Raether hat seit über 37 Jahren Gelegenheit, in Deutschland zu leben. Hier berichtet er regelmäßig, wie es da gerade so ist.

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Ein Blick in meinen Abgrund

Reden wir heute mal über Eifersucht. Das Schlimmste was einem Autor passieren kann, ist, wenn ein anderer Autor erfolgreicher ist. Ich zum Beispiel neige in meinem eigentlichen Leben so gut wie nicht zu Missgunst und Neid. Schönere Wohnungen, besseres Leben, appetitlichere Klamotten – da bin ich unangestrengt aber nachdrücklich erfreut, volle Gönnung, auf ganzer Linie. Sobald aber irgendjemand in deutscher Sprache einen Text verfasst, den ich gut finde, ist mir der Tag versaut. Und wenn dann auch noch eine Autorin oder ein Autor aus meinem Bekannten-, vielleicht sogar, arrghl, aus meinem Freundeskreis ein erfolgreiches Buch schreibt ...

Indirekt wird diese Seelenlage sehr schön thematisiert in dem Roman "Das bin doch ich" von Thomas Glavinic, ein sehr witziges Buch, es handelt davon, dass der Schriftsteller Thomas Glavinic vergeblich hofft, für den Deutschen Buchpreis nominiert zu werden, während sein bester Freund Daniel Kehlmann 700.000 Exemplare von "Die Vermessung der Welt" verkauft. Ich frage mich, ob dieses Phänomen in anderen Berufsgruppen auch zum Alltag gehört, oder ob das Berufsbild Autor/in einfach von Menschen mit schlechtem Charakter wimmelt (es gibt sehr viele Hinweise, dass dies so sein könnte).

Zum Beispiel kenne ich Stephan Bartels, der für BRIGITTE die Musikseite und vieles anderes schreibt, seit fast zehn Jahren, er gehört zu meinen engsten Freunden. Jetzt ist sein Buch "Der Kilo-Killer" erschienen, es ist auf Anhieb auf der SPIEGEL-Bestsellerliste "gelandet", wie wir Autoren salopp formulieren, vorgestern war er bei "Kerner" und sah blendend aus und hat nur sinnvolles Zeug geredet, und das ist alles erst der Anfang. Ich kenne "Kerner" und die SPIEGEL-Bestsellerliste natürlich nur von außen.

Am Abend vor Stephans Auftritt bei "Kerner" saß ich mit BRIGITTE-Kolumnistin Julia Karnick hier in der Redaktion, und wir waren beide erstaunt und erleichtert, dass wir Stephan seinen Erfolg so uneingeschränkt gönnen können, ja, mehr noch, wir freuen uns mit ihm und feuern ihn an und es fühlt sich gut an. "Ich weiß, ich weiß", sagte ich zu Julia, "wenn zum Beispiel Mark Kuntz diesen Erfolg hätte, würde ich kotzen, und wenn du ihn hättest, würde ich mich umbringen." Julia war ein wenig konsterniert, aber nur ein wenig, denn ich glaube, im Grunde verstand sie genau, was ich meinte.

Festzuhalten bleibt, dass es keine Erklärung für meine seltsam fröhliche Stimmung gibt. Man könnte jetzt sagen: Wenn der Erfolg den Richtigen trifft, ist auch der von Hause aus Missgünstigste einverstanden. Und Stephan ist nunmal der Richtige. Aber das wären Julia und Mark doch auch, oder?

Ich glaube, die Wahrheit ist, dass mein Selbsterhaltungstrieb wahrscheinlich größer ist als mein Neid. Stevie, wie ich ihn nennen darf, schreibt einen Bestseller, da muss man einfach die Waffen strecken und sich rechtzeitig zum Jubeln entschließen, sonst wird man ja total irre.

Jetzt, genau in diesem Moment, kommt Herr Bartels in mein Büro und erzählt von seiner Einladung zum MDR und in andere Fernsehsendungen und sagt symphatisch triumphierend: "Und jetzt kommst du!", und ich schwöre, ich schwöre, ich muss überhaupt nicht, oder kaum, also fast gar nicht die Zähne zusammenbeißen.

Aufmerksamen Leserinnen und Lesern ist vielleicht aufgefallen, dass ich in diesem und dem letzten Eintrag nur noch über das Autorenleben schreibe. Dies liegt daran, dass mein Kosmos ein wenig geschrumpft oder aber sehr viel größer geworden ist, ganz wie man will: Ich bin nach zweieinhalb Jahren wieder in die Redaktion zurückgekehrt, als Vertretung für meine Kollegin Angela Wittmann. Es ist wirklich schön hier. So lange nicht noch jemand, mit dem ich Tür an Tür sitze, einen Bestseller schreibt; einen kann ich gerade noch wegstecken, aber auch wirklich nur einen.

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Folgende Weblogs beziehen sich auf Ein Blick in meinen Abgrund:

Kommentare

Schön beschrieben & wie wahr!!! Manchmal ist es wirklich verdammt schwierig, nicht doch ein ganz kleines bisschen neidisch zu sein (...und das, obwohl ich kein Autor bin und meine Kollegen auch keine echten Bestseller verfassen...)Allerdings immer besser, wenn es "den Richtigen" trifft... Tine
Ps. Cooles Buch allerdings auch...

Tröstet es Sie zu hören, dass sowohl der "kleine Beziehungsberater" als auch "Das Leben ist nur eine Phase" in meinem Bücherschrank stehen und mich wirklich wirklich erfreut haben? Übrigens auch Julia Karnicks "Wer sonst, wenn nicht wir". Till Raether und Julia Karnick sind wirklich meine absoluten Brigitte-Lieblinge.....aber mit wem soll man über die Inhalte reden? OK, es gibt ein paar Brigitte-Freundinnen, die auch ab und zu mal die Kolumnen lesen. Den Blog kennt kaum jemand, wir sind ja doch fast ein privates Clübchen hier...Aber über Stephan Barthels`Buch kann man jetzt mit sooo vielen Leuten reden..übergewichtigen Vätern, schadenfrohen Frauen (es lenkt ja so schön ab.., Kerner-Guckern, MDR-Fans (naja, es gibt ja nicht so wirklich viele..)
Ach so, ich vergaß, eigentlich wollte ich ja trösten..aber dazu hab ich jetzt gar keine Zeit mehr, ich muss noch schnell zur Buchhandlung, Papa hat doch morgen Geburtstag!

Lieber Till,

ich war nicht nur „ein wenig konsterniert”: Du sprachst davon, mich umzubringen!

Der alte Bartels schaut hier wohl gar nicht mehr rein, was? Der ist sich jetzt zu fein für so was, der Herr Bestsellerautor, und Zeit hat er ja auch nicht mehr, um hier heitere Kommentare abzugeben, der muss den ganzen Tag telefonieren und seine Talkshowauftritte organisieren. Stephan, denk dran: Wir - Till, Schroedi und ich - haben dich schon geliebt, als du noch ein kleiner, unbedeutender BRIGITTE-Mitarbeiter warst!

Schönes Wochenende,
Julia

Wer, bitte WER ist Stephan aus der Musikredaktion? Ich gucke auch nicht Kerner und ich lese auch nur selten...Bücher aus der Bestsellerliste...A B E R :
ich stürze mich immer auf freiliegende BRIGITTE AUsgaben und finde mit routinierter Schnelligkeit die Kolummnen von TILL, die für mich das Unterhaltsamste überhaupt sind, so dass ich maßlos entzückt war,über die Phasen im Leben von ihm zu lesen ( dieses KLASSE Werk auch gleich als Geschenk aus der obersten Liga für diverse Geburtstage und Weihnachten und sonstige Anlässe eingeführt habe ) und nach dieser Lektüre wieder zum " Beziehungsratgeber" zurückgekehrt bin und mich wieder von ihm hab beraten lassen ;-), nur um wieder etwas von Till zu lesen...Soweit mein Bekennerschreiben zu Till!
Till for ever :-))))))

Ach, Ihr wollt mich ... trösten. Schluck.
Egal. Julia, da hast du dich verhört, ich schwöre. Warum sollte ich dich umbringen wollen, wenn du einen Bestseller schreibst? Damit's dann posthum erst richtig losgeht mit dem Erfolg? Soweit kommt's noch ...

Lieber Till Raether,

ich unternehme gerade einen für mich äußerst ungewöhnlichen, geradezu drastischen Schritt. Eine richtige Premiere: Auf einen Blog antworten. Wobei das genaugenommen nicht ganz korrekt ist; eigentlich war bereits das Lesen/Aufsuchen Ihres Blogs mehr als ungewöhnlich. Auslöser für den Ausbruch meines abnormalen Verhaltens war -natürlich- das Lesen des Kilo-Killer Buches von S. Bartels. Hat mir gut gefallen, hat sich gut weggelesen (1 Nachmittag. Ja, ich habe Urlaub), wissen Sie alles selbst.

Wozu die weitschweifigen Ausführungen? Beim Nachdenken über Herrn Bartels mußte ich an Sie und an Ihre Kolumnen denken. Durch langjähriges Brigitte-Studium sind Sie mir beide gefühlt sehr nahestehend. (In diese Assoziationskette gehört bei mir auch J. Karnick hinein, die sich wie zur Bestätigung hier auch schon zu Wort gemeldet hat. Sehr schön.) Jedenfalls ist mir durch das heutige Lesen o.g. Buches auch Ihr jüngstes Werk wieder eingefallen und den eher subcorticalen Schichten meines Gehirns entstiegen. Bzw., dass ich es kaufen wollte, was ich bislang versäumt habe. Also hat doch der Bartels`sche Erfolg quasi unmittelbare, grandiose Auswirkungen auch für Sie! Herzlichen Glückwunsch dazu.

Grüße nach Hamburg,
Anne

Mein Name ist Sonya. Ich bin 1967 geboren. Ich bin Journalistin. Ich bin nicht dick.

Dementsprechend hat das Buch keinen Reiz für mich und wenn die STERN-Blogs identisch mit dem Buch sind, dann finde ich es schlapp. Obwohl ich Stephan Bartels sehr gerne lese. Aber der Erfolg dieses Buches leuchtet mir nicht ganz ein. Naja - Dicke sind halt verzweifelt. Familiengründer tendenziell ausgelastet. Die greifen nicht so oft zum Buch. Dicke zu allem, was Ihnen Linderung und Erfolg verspricht. Guter Schachzug. Gutes Buch?

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