Das Leben: Ein Selbstversuch

BRIGITTE-Kolumnist Till Raether hat seit über 37 Jahren Gelegenheit, in Deutschland zu leben. Hier berichtet er regelmäßig, wie es da gerade so ist.

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Autorenstreik vorläufig beendet!

Seit Wochen halten die amerikanischen Autoren-Kollegen die Welt mit ihrem Streik in Atem: Preisverleihungen müssen ausfallen, Brad-Pitt-Filme können nicht gedreht werden, Fernsehserien liegen brach, in Hollywood und New York schwenken schlecht rasierte, übergewichtige blasse Menschen (Autoren halt) auf den Straßen Plakate, und George Clooney, Kate Blanchett und Tom Cruise solidarisieren sich. Sogar die Oscar-Verleihung ist in Gefahr. Ich habe mir das eine Weile mit angesehen, und um mich mit George Clooney und Cate Blanchett zu solidarisieren, habe ich in dieser Zeit sicherheitshalber auch erstmal nichts geschrieben. ...

Jetzt aber beende ich meinen eigenen Autorenstreik, weil mir klar geworden ist, dass die Idee eines Autorenstreiks an sich ziemlich seltsam ist. Dies liegt daran, dass eigentlich alle Autorinnen und Autoren, die ich kenne, sowieso einen Lifestyle haben, bei dem man nicht unterscheiden kann, ob sie im Streik sind oder nicht. Man könnte das gängige Autoren-Dasein auch als permanenten Bummelstreik bezeichnen. Es ist zum Beispiel ein Wunder, dass es überhaupt so viele Texte gibt auf der Welt, und ständig neue, denn im Grunde sieht man nie einen Autor oder eine Autorin wirklich schreiben. Dies liegt weniger daran, dass Schreiben ein einsames Geschäft ist; sondern daran, dass Autoren, statt zu schreiben, eigentlich immer nur sagen: "Ich muss dringend noch dieses und jenes schreiben", "Eigentlich würde ich viel lieber einen Roman schreiben", "Im Grunde hätte ich längst XY abgeben müssen", oder, wenn eine Redakteurin gezielt nach einem Text fragt, gibt man als Autor zur Antwort: "Ich arbeite gerade daran." Was man in Wahrheit gerade tut, sieht aber nicht nach Arbeit aus und hat im engeren Sinne auch nichts damit zu tun; es sei denn, die Definition von Arbeit schlösse energisches Aus-dem-Fenster-Schauen, mehrmaliges Staubsaugen oder Wurstscheiben-direkt-aus-dem-Kühlschrank-Essen mit ein.

Vom amerikanischen Journalisten Calvin Trillin gibt es eine hübsche Ankedote über einen Herzinfarkt, der ihn ereilte, bzw. über das anschließende Gespräch mit dem Arzt. Der Arzt rät ihm, seinen Lebensstil zu ändern, Stress zu vermeiden, usw.: "Machen Sie viele Pausen, legen Sie sich zwischendurch hin, halten Sie Mittagsschlaf, gehen Sie viel spazieren." Trillin schweigt betreten, bis seine anwesende Tochter sagt: "Das hört sich genau nach deinem typischen Tagesablauf an."

Trotzdem schafft es jeder von uns, am Ende dann doch wieder etwas geschrieben, also: gearbeitet zu haben. Und sei es, dass ein Drehbuch-Autor nach tagelanger Quälerei, vielen Pausen, Mittagsschlaf und endlosen Spaziergängen, von Alkohol und Koffein ganz zu schweigen, sich endlich hinsetzt, den Laptop aufklappt und unter großen Mühen schreibt: "Jack (lädt Maschinengewehr durch): It's showtime, baby!" Das Problem ist, dass es für die Außenwelt nie aussehen wird, als würden wir wirklich arbeiten. Darum mieten wir uns Büros, damit niemand sieht, wie wir rumsitzen.

Die ganze Sache hat, wie jede Sache, aber natürlich einen durchaus ernsten Hintergrund. Die Autoren streiken, weil sie nicht beteiligt werden an den Zweit- und Drittverwertungen von Filmen und Serien auf DVD und im Internet. Vor meinem Weblog-Bummel-Streik schrieb ich im Herbst einen BRIGITTE-Artikel über Fernsehserien unserer Kindheit auf DVD, und darauf erhielt ich einen Leserbrief zweier Synchronsprecher, die schrieben, auch Synchronsprecherinnen und -sprecher würden für einmal von ihnen Synchronisiertes nie wieder eine müde Mark sehen. Je mehr also mit etwas verdient wird, desto weniger bekommen im Verhältnis jene Menschen, die das, woran verdient wird, ursprünglich hergestellt haben. So geht Kapitalismus. Man kann sich nicht oft genug dagegen wehren.

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Kommentare

Schön an dem Satz "Man kann sich nicht oft genug dagegen wehren." ist, dass man ihn wenigstens gesagt hat, und man legt sich zur Ruhe in dem Gewissen wenigenstens etwas gesagt zu haben. Aber Recht haben sie trotzdem.

Verblüffend ist hierbei nur, dass in Deutschland, der Streik amerikanischer Drehbuchautoren präsenter ist, als "das zweite Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft". Amerikanische Drehbuchautoren klingen eben nach Sex, Spaß und Brad Pitt, das zweite Gesetz zur Regelung des Urheberrechts in der Informationsgesellschaft nur nach Bürokratie. Traurig, nicht wahr?


Endlich schreibt er wieder! Ich dachte schon mein RSS Feed sei kaputt.
Frohes Neues!
In Sachen "... mehrmaliges Staubsaugen oder Wurstscheiben-direkt-aus-dem-Kühlschrank-Essen"
empfehle ich -> Max Goldt QQ "Prekariat und Prokrastination"
Beste Grüße.

hmm, ich glaube ich überlege mir das mit der umschulung noch mal... wurstscheiben so direkt aus dem kühlschrank, auch lecker...
auf jeden fall freue ichmich, dass du deinen streik beendet hast!

anja

"Machen Sie viele Pausen, legen Sie sich zwischendurch hin, halten Sie Mittagsschlaf, gehen Sie viel spazieren." Trillin schweigt betreten, bis seine anwesende Tochter sagt: "Das hört sich genau nach deinem typischen Tagesablauf an."

Als ich diesen Absatz gelesen habe, wars mir ganz schön peinlich...was du da schreibst ist sooo wahr. Aber hier in Indien passiert kaum was, worüber ich schreiben könnte;-)...oder doch nicht?...Mensch, jetzt bin ich deprimierter...saludos.

Mensch, Till, ich freue mich auch, dass Du wieder da bist. Your writing has a very fresh and honest feel.

Gruesse aus den mittleren Westen!

Amy Bautz

Oja, "energisches Aus-dem-Fenster-Schauen" übe ich auch gerade und ich verstehe auch endlich, warum die Wohnung meiner Freundin nie sauberer war als in der Zeit, als sie eigentlich ihre Diplomarbeit schreiben sollte.

*seufz*
Auch dieser Eintrag hier ist im Grunde nichts anderes als zu vertuschen, dass ich gerade eben nicht an meiner Arbeit weiterschreiben will.

Oder vielleicht nenne ich es auch einfach "Schreibblockade", hol mir einen Becher Eis und leg mich vor den Fernseher.
Genau. Das werd ich jetzt machen.

LG,
Jutta

PS: Falls jemand gerne meine Seminararbeit schreiben möchte, Freiwillige vor!

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