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Das Leben: Ein Selbstversuch

BRIGITTE-Kolumnist Till Raether hat seit über 37 Jahren Gelegenheit, in Deutschland zu leben. Hier berichtet er regelmäßig, wie es da gerade so ist.

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Stell dir vor, es ist Weihnachten und der Fernseher geht nicht

Zack, eben war gerade erst Nikolaus durch, und schon ist Weihnachten, kawumm. Jedes Jahr dasselbe. Egal. Man gewöhnt sich immer mehr daran, und irgendwie läuft das Haltbarkeitsdatum ab bei einem, und dann ist es auch egal. Außerdem bin ich umgezogen. Vor gerade zehn Tagen. "Weihnachten im neuen Heim" ist eine zwiespältige Angelegenheit. Kein Telefon, kein Internet, und vor allem: der Fernseher geht nicht. Aber dann denke ich: Mann, die hl. Familie hatte nur einen Stall, usw., und wo bleibt denn eigentlich deine Dankbarkeit. ...

Aber das mit dem Fernseher ist hart, ich hasse es, das zuzugeben. Jetzt bräuchte ich wieder einen Sich-darum-Kümmerer, von dem ich neulich schon geträumt habe. Alle Nachbarn haben Fernsehen, aber bei uns kommt nur Rauschen aus der Wand bzw. Schnee. Meine Schwester und ich nannten das früher, als das Fernsehen nachts und vormittags und mittags und am frühen Nachmittag noch nicht sendete, "Cowboys gegen Indianer", und manchmal saßen wir auch davor und schauten uns das bunte bzw. eben gerade nicht bunte, sondern schwarz-weiße Treiben an, für zehn Minuten oder so. Die Firma, die fürs Legen der Fernsehleitungen zuständig war (man beachte die Vergangenheitsform), sagt, das könne nicht sein, ich müsste den Fernseher neu programmieren. In meine cholerisch aufbrausende Wut mischt sich ein Restzweifel: Vielleicht habe wirklich ich etwas falsch gemacht und mit dem Kabel ist alles in Ordnung?

Weihnachten ist für mich also die Zeit des Zweifels. Und wie immer, wenn eine Situation besonders verfahren ist, erinnert sie an einen Loriot-Sketch. Kein vernünftiger Mensch möchte Weihnachten fernsehen, sonst eigentlich auch nicht, zu Weihnachten aber eben noch weniger als sonst. Aber der Fernseher steht an seinem prominenten Ort im neuen Wohnzimmer und tut nichts. Man könnte also so tun, als wäre er einfach aus. Trotzdem muss ich immer wieder hingucken, und das ist dann wie in dem Loriot-Sketch, wo der Fernseher kaputt ist, und der Ehemann sagt: "Ich lasse mir doch von einem kaputten Fernseher nicht vorschreiben, wo ich hingucken darf!" In diesem Geiste habe ich eben das zwei Seiten umfassende Feiertags-Fernsehprogramm in der Zeitung studiert. Nur Müll! Ha! Aber den "Tatort" gestern, den hätte ich gern gesehen, ich habe eine schamvolle Schwäche für Maria Furtwängler, eine Schwäche, die bei allen, die ich kenne, auf Hohn und Unverständnis stößt.

Ich hätte es nie gedacht, aber ohne Fernsehen fühle ich mich abgeschnittener von der Welt als ohne Telefon und Internet. So gern würde ich ganz kurz einschalten, den Kopf über irgendeinen Florian-Silbereisen-, Mario-Barth- oder Hartmut-Mehdorn-Stuss schütteln, und dann gleich wieder ausmachen. Luise sagt, ich soll doch froh sein, so bräuchte ich wenigstens die Fernbedienung nicht zu suchen. Genau. Wo ist eigentlich die Fernbedienung?

Um weg vom nicht funktionierenden Fernseher zu kommen, mache ich jetzt das, was für mich (abgesehen von den glänzenden Kinderaugen, in denen sich der Baum spiegelt, usw.) mit das Schönste ist an Weihnachten: ich gehe am Vormittag des 24. noch einmal vors Haus, Richtung Einkaufsstraße. Ich muss nur ein paar kleine, ganz unwichtige Sachen besorgen, und falls es zu voll ist, kann ich auch auf sie verzichten. Schön aber ist es, dem geschäftigen Treiben zuzusehen und sich an dem Gefühl zu wärmen, sich für nichts mehr anstellen zu müssen.

In diesem Sinne wünsche ich allen Leserinnen und Lesern dieses Weblogs schöne Feiertage und ein gutes neues Jahr und viel Vergnügen vor der Glotze. Bitte denkt daran, was die Kanzlerin über die "Kultur des Hinschauens" gesagt hat, und schaut für mich mit!

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Kommentare

Hallo Herr Raether!

Auch Ihnen ein gesundes, erfolgreiches und glückliches neues Jahr!

Wir nannten das TV-Rauschen früher immer "Ameisenkrieg" oder "Schneesturm in Alaska". Und der Unterhaltungswert war sicher nicht geringer als das Programm von RTL und Co.

Wie wäre es denn, wenn Sie die Wohnzimmereinrichtung nicht nach dem Fernseher ausrichten, sondern z.B. das Sofa so aufstellen, dass Sie aus dem Fenster schauen können? Oder auf das Aquarium? Oder Sie benutzen den Videorecorder, DVD-Player oder sonstige Abspielgeräte, um Konserven-TV zu schauen. Das macht auch keinen Unterschied. Kommt doch eh jedes Jahr dasselbe.

Herzliche Grüße aus Berlin,
Raubtigger

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