Das Leben: Ein Selbstversuch

BRIGITTE-Kolumnist Till Raether hat seit über 37 Jahren Gelegenheit, in Deutschland zu leben. Hier berichtet er regelmäßig, wie es da gerade so ist.

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Aus dem Leben eines Stammkunden

Vor ein paar Jahren habe ich in BRIGITTE einmal über Service-Neid geschrieben, in einem Dossier über „Die neue Eifersucht“. Es ging um gesellschaftliche Eifersucht, also Eifersucht in der Gesellschaft. Ich will das jetzt nicht noch mal en detail erläutern, doch reden wir kurz über Service-Neid. Das ist, wenn man zum Beispiel immer in den selben Coffeeshop geht, und dort werden alle anderen herzlich begrüßt und kriegen ohne zu bestellen ihren Kaffee mit geschäumter H-Milch hingestellt, durch einen selber aber wird hindurchgeschaut. Eine zeitlang war ich so besessen von diesem Thema, dass ich sogar fast ein ganzes Buch darüber geschrieben habe. Jetzt bin ich jedenfalls geheilt. Ich habe nämlich die Kehrseite des Service-Neids kennen gelernt: das schwierige Leben als Stammkunde. ...


Vor einem Jahr habe ich ein Büro gemietet, das direkt neben einer Espressobar liegt, welche von zwei netten Italienern betrieben wird. Das heißt, ich glaube, es sind wie so oft gar keine Italiener, aber ich vermute, sie waren schon mal in Italien, daher nenne ich sie der Einfachheit halber so; wenn sie meine Bestellung entgegen nehmen, klingen sie eher süddeutsch. Anfangs, als das Büro noch frisch war und ich jeden Tag, den ich dort verbrachte, so richtig pflücken wollte, habe ich mir immer morgens an der Ecke einen Kaffee geholt.

Genauer gesagt, ich bilde mir seit Jahren ein, Kuhmilch nicht gut zu vertragen; allerdings weiß ich nicht mehr, ob dies wirklich medizinisch abgesichert ist, oder ob ich mich ursprünglich einfach interessant machen wollte und jetzt nicht mehr zurück kann. Jedenfalls kann ich mittlerweile den Geschmack von Kuhmilch nicht mehr ertragen, insofern liegt womöglich tatsächlich eine Art Unverträglichkeit vor.

Daraus folgt, dass ich von Anfang an eine recht charakteristische Bestellung aufzugeben pflegte: „Einen großen Latte Macchiato mit Sojamilch zum Mitnehmen, bitte!“ Diese Bestellung merkten sich die Italiener sehr schnell, und bald bekam ich meinen Kaffee schon hingestellt, sobald ich den Tresen erreicht hatte; die Sojamilch schäumten sie für mich auf, sobald ich den Laden betrat. Anfangs fühlte ich mich zu Hause und, falls dieses Wort im Zusammenhang mit Sojamilchschaum gestattet ist, gebauchpinselt.

Dann musste ich eines Tages nur ganz kurz ein paar CDs oder so aus dem Büro holen. Als ich nach drei Minuten wieder rauskam und an der Espressobar vorbei hastete, fiel mein Blick durch die Scheibe des Ladenlokals auf den Barrista (zeitgenössische Bezeichnung für Kaffeezapfer), der mit fragendem Blick meinen fertigen Soja-Kaffee hoch hielt. Er hatte ihn also bereits angesetzt, als ich aus dem Auto stieg, womöglich sogar, während ich einparkte. Ich also rein, um mir meinen Kaffee abzuholen, den ich gar nicht wollte.

Nach all den Monaten hängt mir, ehrlich gesagt, die Sojamilch auch zum Halse raus, also, bildlich gesprochen. Ich würde gern meine Bestellung ändern, komme aber nicht dazu; ich müsste schon vom Bordstein rufen: „Heute bitte schwarz!“

Dann ertappte ich mich dabei, wie ich einen Umweg ging, um das Büro von der anderen Seite zu erreichen und am Schreibtisch ganz unbehelligt einen von mir selbst lieblos aufgebrühten Beuteltee zu trinken. Schließlich vermied ich die Espresso-Bar ganze zwei Monate. Überzeugt, dieses passiv-aggressive Verhalten meinerseits spräche eine deutliche Sprache.

Dann wurde es sehr kalt und ich wollte einen heißen Kaffeebecher in der Hand halten, und schon stand ich wieder am Tresen, und ohne ein Wort bekam ich den selben Soja-Latte-Macchiato wie immer, als wäre nichts gewesen, als wäre ich nie weg gewesen. Es war schrecklich schön. Ich habe jetzt beschlossen, nächstes Jahr vorübergehend wieder in der BRIGITTE-Redaktion zu arbeiten, fünf Kilometer von der Espressobar entfernt.

Davon abgesehen möchte ich diesen Blogeintrag DJ Bobo widmen, der am Sonnabend auf dem Titel von „Einkauf Aktuell“ zu sehen war. Dies war nun selbst mir zu doppelt und dreifach gemoppelt; ich beende jetzt meine offizielle „Einkauf Aktuell“-Beobachtung, DJ Bobo ist ein würdiger Abschluss; und außerdem (ich bin immer noch bei der Widmung) der Barrista im Coffeeshop hinterm Verlag, die auf meine immer gleiche Bestellung „Großer Kaffee, schwarz, zum Mitnehmen“ jede Woche aufs Neue trocken mit der Frage antwortet: „Mit Milch?“

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Folgende Weblogs beziehen sich auf Aus dem Leben eines Stammkunden:

Kommentare

Wie wäre es mit der Gegenfrage: "Ist die Milch schwarz?"

Ansonsten bin ich froh, dass ich meinen Obstdealer nun nach drei Monaten endlich so weite habe, dass er mir sofort einen Obstsalat ohne Kiwi gibt, wenn ich am Tresen stehe. Wie oft musste ich sagen: "Einen Obstsalat ohne Kiwi, bitte", woraufhin er jeden Becher einzeln mit herabgezogenen Mundwinkeln beäugt hat, um dann nach fünf Minuten zu sagen: "Sind leider alle mit Kiwi. Soll ich die Kiwi rausnehmen? Und ich kann dem Lieferanten bescheid sagen, dass er auch welche ohne Kiwi machen soll." Und das jeden Morgen! Ich habe wohl monatelang keinen bleibenden Eindruck hinterlassen. Jetzt klappt es endlich. Es fällt sogar auf, wenn ich mal einen Tag fehle! Und der Einkauf ist nun in weniger als einer Minute erledigt, sodass ich meinen Anschlusszug erreiche ohne rennen zu müssen...

Ich will ja eigentlich nicht klugscheissern.. aber der Mann (oder die Frau) hinter der Theke heisst barista mit einem r und ganz korrekt gehoert auf das i ein accent grave (wie heisst der jetzt auf deutsch??), den ich aber mit meiner Tastatur nicht hinkriege. Ansonsten stimme ich voll zu und hatte bereits in meiner Kellnerzeit die Angewohnheit, Stammgaeste vorher zumindest zu fragen: Wie immer? Wer nach 5 Monaten von Milchkaffee auf Tee wechseln wollte, konnte das problemlos tun und musste sich nicht verpflichtet fuehlen. Ueberbemuttern wird irgendwann laestig.

@ susanne
Laut Wikipedia heißt der accent grave im Deutschen "Gravis" (ich dachte immer, das wäre der Laden, wo es Apple-Computer gibt). Auf meiner Tastatur kann man das "i" übrigens mit dem "`" (neben dem ß) zum "ì" machen. Wie in "barìsta".

Danke für die barista-Korrektur! Das Wort sah so *falsch* aus, als ich es hinschrieb ... aber im Zweifelsfall: lieber ein Konsonant zu viel als zu wenig.

So kann man sich im Eifer des Gefechts irren - natuerlich kriege ich ein "ì" hin. Auf meiner italienischen Tastatur sind nur die Umlaute nicht vorhanden und mein kleiner Finger muss von F9-F12 huepfen (nach 10 Jahren Uebung klappt das ganz gut). Das "ì" ist hingegen ganz normal.
Zur Vervollstaendigung nachgesehen: die anderen beiden Akzente heissen Akut und Zirkumflex, aber franzoesisch klingt das irgendwie besser.

Jetzt mal was ganz anderes. Seit Wochen vergesse ich, in eigener Sache hier folgende Frage zu stellen: Wer hat die abschließende Doppelfolge der jüngst auf ProSieben ausgestrahlten Staffel von "ER-Die Notaufnahme" auf Video aufgenommen, die Cassette noch nicht gelöscht, und wäre bereit, mir diese Aufnahme auszuleihen? Es handelt sich um Sendungen, die irgendwann im August oder Anfang September ausgestrahlt wurden. Ich war viel unterwegs in der Zeit und programmierte den Rekorder, dabei war mir aber nicht klar, dass ProSieben plötzlich eine Doppelfolge ausstrahlen würde. Das heißt, mir fehlt das so genannte Season Finale, eine Tatsache, die mich seit Monaten bedrückt.

Vielen Dank. Ich würde die betreffende Cassette sehr pfleglich behandeln und schnell zurückschicken.

Ende der Zwischenbemerkung.

@ER-die Notaufnahme: Till, wie wäre es mit dem Onlinetvrecorder? Da kann man auch Filme, die ewig lange her sind noch irgendwo bekommen. Fall s es Dir nicht gelingt, dann mach ich es für Dich, schreib mir dann einfach.

Liebe Grüße

Anja

P.S.: Einkauf Aktuell hat schon was morbides...

ich habe jetzt schon ein kleines schlechtes gewissen. ich hoffe sie finden bald einen neuen populären glanzpunkt im alltagshimmel.

herzlich ihre paula

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