BRIGITTE-Kolumnist Till Raether hat seit über 37 Jahren Gelegenheit, in Deutschland zu leben. Hier berichtet er regelmäßig, wie es da gerade so ist.
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Ich habe mir ein neues Fahrrad gekauft. Eigentlich war der Fahrradkauf für mich immer so mit das schönste Konsumerlebnis: dieses Gefühl, von der alten Schrottmühle aufs schnurrende neue Rad zu steigen (außerdem kauft man vergleichsweise selten ein neues Rad, dies ist erst mein sechstes). Na ja, ganz so toll schnurrt das neue Rad nicht, die Gewährleistung ist bereits einmal strapaziert worden, aber darauf möchte ich gar nicht herumreiten. Vieles funktioniert nicht so gut, auch wenn es neu ist, das ist so. Wir sind in eine Wohnung in einem Neubau gezogen, der noch nicht ganz fertig ist, ständig gibt es Probleme, das Telefon hat zehn Wochen gedauert, und heute morgen hat der Nachbar, der noch immer auf seinen Anschluss wartet, dem Telekom-Techniker hinterhergeschrien: "Unglaublich, dass vor vierzig Jahren Leute zum Mond geflogen sind! Das wäre heute nicht mehr möglich!" Dem ist nichts hinzuzufügen. Nein, mir geht's ums Schöne am neuen Fahrrad, und schön am neuen Fahrrad ist zu allererst sein Name. ...
weiter lesen "Letzter Eintrag vom Trost-Stern"
Reden wir heute mal über Ausreden. Warum zum Beispiel war ich, entgegen meiner Ankündigung vom vorigen Mal, nicht in jenem dubiosen Hotel am Rande der Stadt, um mich von der Frau, die den einladenden Zettel an meinem Auto hinterlassen hatte, über ein fantastisches Zweiteinkommen informieren zu lassen, und meine Erkenntnisse dann hier, heiter aufbereitet, wiederzugeben? Ich hatte es doch sozusagen versprochen. Darum wollte ich mir erst eine sehr gute Ausrede einfallen lassen, also etwa: ...
weiter lesen "Schlagt mich, kratzt mich, beißt mich, gebt mir Tiernamen"
Mit schöner Regelmäßigkeit finde ich laminierte kleine Plastikkärtchen an meinem Auto, auf denen so Sachen stehen wie: "Falls Sie Ihr Auto jetzt oder später verkaufen möchten, dann rufen Sie mich bitte an! Sofort Bargeld! Sofort Abmeldung! Bitte diese Karte nicht wegwerfen, schonen Sie Ihre Umwelt!" Sehr witzig. Besonders gut gefallen hat mir jüngst folgender fotokopierter Zettel in Handgeschrieben-Optik: "Ihr Fahrzeug ist mir positiv aufgefallen – sollten Sie Interesse an einem Zweiteinkommen haben, rufen Sie einfach an." Normalerweise würde ich das lesen, mich kurz in dem Gefühl sonnen, ein Auto zu fahren, das aussieht, als brauchte ich ein Zweiteinkommen, und den Zettel dann wegwerfen, aber jetzt habe ich einfach mal angerufen. ...
weiter lesen "Fantastisches Einkommen, fantastisches Auto, fantastischer Mensch"
Reden wir heute mal über Eifersucht. Das Schlimmste was einem Autor passieren kann, ist, wenn ein anderer Autor erfolgreicher ist. Ich zum Beispiel neige in meinem eigentlichen Leben so gut wie nicht zu Missgunst und Neid. Schönere Wohnungen, besseres Leben, appetitlichere Klamotten – da bin ich unangestrengt aber nachdrücklich erfreut, volle Gönnung, auf ganzer Linie. Sobald aber irgendjemand in deutscher Sprache einen Text verfasst, den ich gut finde, ist mir der Tag versaut. Und wenn dann auch noch eine Autorin oder ein Autor aus meinem Bekannten-, vielleicht sogar, arrghl, aus meinem Freundeskreis ein erfolgreiches Buch schreibt ...
weiter lesen "Ein Blick in meinen Abgrund"
Seit Wochen halten die amerikanischen Autoren-Kollegen die Welt mit ihrem Streik in Atem: Preisverleihungen müssen ausfallen, Brad-Pitt-Filme können nicht gedreht werden, Fernsehserien liegen brach, in Hollywood und New York schwenken schlecht rasierte, übergewichtige blasse Menschen (Autoren halt) auf den Straßen Plakate, und George Clooney, Kate Blanchett und Tom Cruise solidarisieren sich. Sogar die Oscar-Verleihung ist in Gefahr. Ich habe mir das eine Weile mit angesehen, und um mich mit George Clooney und Cate Blanchett zu solidarisieren, habe ich in dieser Zeit sicherheitshalber auch erstmal nichts geschrieben. ...
weiter lesen "Autorenstreik vorläufig beendet!"
Zack, eben war gerade erst Nikolaus durch, und schon ist Weihnachten, kawumm. Jedes Jahr dasselbe. Egal. Man gewöhnt sich immer mehr daran, und irgendwie läuft das Haltbarkeitsdatum ab bei einem, und dann ist es auch egal. Außerdem bin ich umgezogen. Vor gerade zehn Tagen. "Weihnachten im neuen Heim" ist eine zwiespältige Angelegenheit. Kein Telefon, kein Internet, und vor allem: der Fernseher geht nicht. Aber dann denke ich: Mann, die hl. Familie hatte nur einen Stall, usw., und wo bleibt denn eigentlich deine Dankbarkeit. ...
weiter lesen "Stell dir vor, es ist Weihnachten und der Fernseher geht nicht"
Seit am Mittwoch der Lotto-Jackpot geknackt wurde und zudem noch ein Dutzend Spieler sechs Richtige hatten, fragt sich das Land: wer sind denn nun die Leute, die den Jackpot nicht geknackt haben? Wer sind die Leute, die diese Woche und am Sonnabend davor nicht im Lotto gewonnen haben? Wie heißen sie, wo wohnen sie, wo gehen ihre Kinder zur Schule? Ich möchte diesen Rahmen hier nutzen, um mich zu offenbaren: Ich bin es, ich habe den Jackpot nicht geknackt. Viele fragen mich: "Wie geht es dir, wie fühlt sich das an?" Ich muss sagen, die Erleichterung ist natürlich erstmal groß. Weiter in Ruhe gelassen werden. Keine Bittbriefe, keine scheinheiligen Überraschungsbesuche von der buckligen Verwandtschaft, nie muss ich mir die Frage stellen: Liebt Ihr mich oder mein Geld? Also, wie gesagt, die Freude ist groß, es ist ein "saugeiles Gefühl", wie Jürgen Klinsmann gesagt hätte. ...
weiter lesen "Hamburger Familienvater knackt Lotto-Jackpot nicht!"
Vor ein paar Jahren habe ich in BRIGITTE einmal über Service-Neid geschrieben, in einem Dossier über „Die neue Eifersucht“. Es ging um gesellschaftliche Eifersucht, also Eifersucht in der Gesellschaft. Ich will das jetzt nicht noch mal en detail erläutern, doch reden wir kurz über Service-Neid. Das ist, wenn man zum Beispiel immer in den selben Coffeeshop geht, und dort werden alle anderen herzlich begrüßt und kriegen ohne zu bestellen ihren Kaffee mit geschäumter H-Milch hingestellt, durch einen selber aber wird hindurchgeschaut. Eine zeitlang war ich so besessen von diesem Thema, dass ich sogar fast ein ganzes Buch darüber geschrieben habe. Jetzt bin ich jedenfalls geheilt. Ich habe nämlich die Kehrseite des Service-Neids kennen gelernt: das schwierige Leben als Stammkunde. ...
weiter lesen "Aus dem Leben eines Stammkunden"
Früher habe ich gedacht, ist doch egal, worüber ich als Mann in einer Frauenzeitschrift schreibe, denn alles, was Männer interessiert, interessiert auch Frauen, umgekehrt sowieso (mit Ausnahme europäischer Königshäuser, das kann ich ganz klar sagen. Moment, wie ist dann Rolf Seelmann-Eggebert zu erklären? Es gibt also keine Ausnahme). Heute aber berühre ich zum ersten Mal ein Thema, mit dem vermutlich wirklich nur Männer etwas anfangen können. ...
weiter lesen "Weiß, mit Eingriff"