Forum Romanum

Die Journalistin Irene Mayer (36) berichtet aus Rom - von Cappuccino, Kirche und Korruption.

mehr zur Autorin / zum Autor
« Neu entflammte Liebe .:Start:. Sehnsucht... »

Sehnsucht nach der Ferne

Vielen Dank für die vielen Kommentare auf meinen letzten Eintrag. Dabei ist eine Diskussion über das Thema Sprache ausgebrochen. In den Kommentaren dazu ist alles gesagt. Ich habe dem nix mehr hinzuzufügen. Ich muss aber auch sagen, dass ich mich damit vor allem in der ersten Zeit in Italien beschäftigte, die Zwischentöne zu bemerken, die Akzente etc. Ich hatte aber auch in Palermo einen schwierigen Einstieg- wo rund um mich hauptsächlich sizilianisch gesprochen wurde. Für eine Italienisch Anfängerin  ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen...

Mehr beschäftigt mich momentan das Thema, warum man ins Ausland geht, das Thema Heimat und vor allem die Heimatsuche. Dieses Suchen nach Dazugehören, sich verstanden fühlen, ja geborgen fühlen. Denn ich denke,  jemand der sich komplett wohl fühlt in D/A/CH oder wo auch immer, der geht nicht weg. Sondern es ist schon eine Suche nach "mehr", die einem, die mich angetrieben hat...Nur was ist dieses mehr...?

Eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Und es ist schön zu lesen, wenn jemand im Ausland das Umfeld gefunden hat, wo er sich angenommen und geborgen fühlt. Ich hatte das kurzfristig in Sizilien (trotz Sprachbarrieren) und ja es war wunderbar! Da ich das später in der Form nicht mehr gespürt habe, hat sich für mich die Frage gestellt, ob Heimat nicht auch etwas ist, was man in sich finden muss.  Denn so habe ich mal irgendwo gelesen, findest du sie in dir nicht, findest du sie auf der ganzen Welt nicht, auch an den exotischsten Orten nicht.

Das ist das eine. Gleichzeitig weiss ich aber auch, dass Orte  für mich eine große Rolle spielen und große Auswirkung auf meine Stimmung haben. Wien zum Beispiel hat etwas sehr Melancholisches, oft auch Bedrückendes und nur dort springt mich eine Traurigkeit an, wie ich sie nur in Wien kenne. Über Rom kann man vieles sagen, anstrengend, chaotisch ja, aber sicher nicht, dass die Stadt etwas Depressives hat. Bis auf die Gegend um den Vatikan- dort herrschten schwere Energien.

Ich  habe mal mit einer Psychoanalytikerin gesprochen, was es bedeutet, dass man im eigenen Land nicht leben, nicht glücklich sein kann, immer das Anderswo braucht, sucht.
 Also vom Psychoanalytischen ist das der verlorene Vater - nicht nur im Sinne von tot, abwesend, sondern auch im übertragenen Sinn, also der emotional abwesende Vater - den man sucht und mit dem man sich in der eigenen Welt nicht konfrontieren kann/will, weil das zu schmerzhaft wäre.

Das klingt heavy. Können es nicht einfach ganz "banale" Gründe sein- auch "Oberflächliches" wie schönes Wetter, Mode, tolle Sprache, gutes Essen, usw. Stil-Dinge, die einem woanders mehr entsprechen und deswegen will man fort. Oder die Suche nach anderen Lebensmodellen, Lebensentwürfen.  Es würde mich sehr interessieren, liebe Leserinnnen, was Sie darüber denken und was für Sie persönlich die Gründe waren/sind, warum es sie ins Ausland zieht. 

TrackBack

TrackBack Adresse für diesen Eintrag:
http://www.typepad.com/services/trackback/6a00d834515c7969e20120a60f2580970c

Folgende Weblogs beziehen sich auf Sehnsucht nach der Ferne :

Kommentare

Hallo Irene

Ich denke, es kann beides sein. Man fühlt sich zuerst durch etwas angezogen, was vielleicht etwas oberflächlich erscheint. Ich liebe beispielsweise das Meer, den Süden, Spanien. Man steht bei blauem Himmel mit besserer Laune auf, als an einem grauen Tag. Das südländische Temperament steckt einen eher an, als es in Deutschland der Fall ist. Man verliebt sich in die lauen Sommernächte, das lange draussen sitzen können, was man in Deutschland nur sehr selten erleben kann. Und wenn ich dann nach Deutschland fliege, vermisse ich (neben meinen Freunden) eben genau diese Dinge.

Aber das alles spiegelt ja auch gleichzeitig DICH wieder! :-)
Und so finde ich, muss ein "auswandern" nicht unbedingt ein negatives Weggehen sein, wie Du es mit der Sitation des Vaters beschrieben hast, sondern kann auch der Weg zu Dir selbst sein!
Zum einen, weil Du Dinge erlebst, die Dir und Deiner Art einfach näher sind, als vielleicht in Deutschland, und zum anderen, weil Du Dich freier entfalten kannst! Es ist niemand aus Deinem alten Umfeld da, der "meint Dich zu kennen", und so machst Du wahrscheinlich auch mal ganz andere Dinge. Probierst Dich aus. Entdeckst ganz neue Seiten an Dir. Das sind jedenfalls meine Spanien-Erfahrungen:-)

Noch eine tolle Zeit (mit schönen Erfahrungen:-) in Italien!
Susanne

Hallo Irene,

ja, wahrscheinlich ist es so: Wer mit sich selbst ganz 100%ig im Reinen ist, der fuehlt sich ueberall irgendwie wohl, lebt sich schnell in neuen unbekannten Situationen ein. Denn die Heimat traegt derjenige dann wirklich "in sich und mit sich".
Bei mir ist "Heimat" dort, wo sich meine Familie und mein engster Freundeskreis befinden - seit einigen Jahren, ganz klar: Italien.
Hier wohnt mein Man, hier sind meine Kinder zur Welt gekommen, meine Eltern wohnen nun auch hier... und ich habe nach vielen Jahren nun endlich ein gutes Sozialnetz aufbauen koennen.


Wir sind der beste Beweis und auf deutschsprachige Maenner (schon in Deutschland) seit langen Jahren allergisch. Zum Glueck gibt es etwas anderes. Die Vaterbeziehung kann auch den Kinderwunsch toeten. Fast haetten wir die Kurve nicht gekriegt.

Hallo Irene,

interessant, dass Du über dieses Thema nachdenkst. Auf mich trifft das mit dem Vater auf jeden Fall zu und es hat 6 Jahre Depression gebraucht, um damit ins Reine zu kommen, es kann also sehr heftig werden. Allerdings ging es bei mir nicht nur um den leiblichen Vater, sondern auch um den da noch weiter oben. Deshalb wäre für mich Italien und Rom nicht die erste Adresse zum Auswandern :-).

Ich denke es gibt verschiedene Gründe fürs Auswandern. Manche sind einfach abenteuerlustig, manche sind bei der Geburt im falschen Land gelandet, manche holen sich das, was es zu Hause nicht gibt oder (das kennt man ja) versuchen ihr zu Hause in andere Völker hineinzutragen im Sinne von "Schnitzel für alle" und manche suchen sich einen Ort, wo sie mit sich ins Reine kommen können. Bei mir war Finnland dieser letzte Ort, schön weit weg von allem und eine völlig andere Sprache, Kultur und Einstellung zum Leben, die meine althergebrachten Denkweisen ordentlich durcheinandergerüttelt hat. Wusste ich natürlich vorher alles nicht. Ich gehe jedenfalls mit völlig anderen Auge heute durch die Welt. Aussagen wie "man muss in sich selbst zu Hause sein" finde ich in diesem Zusammenhang wenig hilfreich. Obwohl es natürlich stimmt, aber wenn man es nicht ist, was dann? Auswandern bringt das Thema ziemlich auf den Punkt, denn wenn man im Aussen in der Fremde ist, dann fängt man an, innen zu suchen.
Ich würde mir heute wieder zutrauen, auch in Deutschland glücklich zu sein, aber ich denke, es gibt Länder, wo es einfacher wäre für mich. Die Rückkehr in die Heimat aktiviert immer auch alte Muster und wenn die neue Struktur noch nicht fest genug ist, dann kann man schnell wieder in altes Fahrwasser geraten. Ist jedenfalls meine Befürchtung und darum bleibe ich erstmal noch eine Weile...auch wenn ich alle südlich Ausgewanderten um den Sonnenschein beneide, vor allem im November :-)

@susanne danke dein kommentar macht mut- du hast recht, es ist besser den fokus auf die potiven aspekte zu legen. wie immer im leben.lebst du fix in spanien oder pendelst du?

@kat wo in italien hat es dich denn hinverschlagen? neugier, neugier...

@freya ja dieses gefühl, in der heimat nicht glücklich oder nicht so glücklich und frei sein zu können wie im ausland, hat mich auf spurensuche geführt...
wenn man sich vom "vater da oben" befreien will, ist rom definitiv der falsche ort..denke oft, dass es der stadt ohne vatikan viel besser ginge...bessere energien, weniger touristen, mehr luft...

Hallo Ihr Emigrantinnen ;o)

mit grossem Interesse lese ich Eure Reflexionen über die Gründe, die jemanden (Euch?) zum Weggehen bringen, sofern es nicht der Kampf um's nackte Überleben ist, der ja so unenedlich viel mehr Menschen in die Emigration zwingt. Unser Auswandern ist dagegen ja echt ein Luxus. Aber das ist noch ein anderes Thema.

Ich glaube, ich habe mich damals aus einer Situation herausgeschlichen, die ich als Sackgasse empfand, sowohl beruflich, als auch persönlich. Dabei war es zunächst nur vorübergehend gedacht, Praktikum, Aushilfsarbeit, in Deutschland eh arbeitslos... Hier war alles viel easier... Mann kennengelernt, Pendelbeziehung, die irgendwann eine Entscheidung erforderte.

Mit der Zeit habe ich für mich festgestellt, dass nirgendwo alles viel easier ist, dass ich meine persönlichen Probleme nicht einfach wie einen Koffer irgendwo stehenlassen und einfach weggehen konnte. Man kann nicht einfach einen Schlussstrich ziehen, und woanders bei null anfangen, denn man schleppt sich ja selber mit.

Ich werde immer noch oft gefragt, ob ich nicht manchmal wieder nach Deutschland zurück möchte, oder, wo es mir denn nun besser gefällt. Diese Frage hat mich immer in Verlegenheit gebracht. Denn ich weiss es ehrlich gesagt nicht. Und irgendwann, vor allen Dingen, wenn man Familie hat, stellt man fest, dass es ohne grosse Verluste gar nicht mehr möglich wäre.

Besonders nachdenkenswert fand ich den Hinweis auf die Vatergeschichte. Das werde ich mir auch ein wenig genauer ansehen müssen. Ein Aspekt, der mich ebenfalls interessieren würde, ist das Heimatgefühl. Ich stamme aus einer Familie, die durch den Krieg entwurzelt wurde, und die in meiner Erinnerung immer über ganz Deutschland verteilt war. Entsprechend waren die Besuche nur sehr sporadisch. Dazu kamen noch mehrere arbeitsbedingte Umzüge, so dass ich, wenn ich gefragt werde, woher ich komme, nie wirklich weiss, was ich antworten soll. Geburtsort? Ort der Kindheit? Der Jugend? Letzter Wohnort?

Mittlerweile bin ich schon die längste Zeit meines Lebens hier. "Unsere Immigrantin mit Papieren", wie meine Kollegen mich manchmal scherzhaft nennen.

Salutacions

Mamita

Liebe Irene, zu Deiner Frage: in der ersten Zeit hatte ich meine Wohnung unter- vermietet. Das war zwar finanziell prima, aber nichts für meinen Gemütszustand:-) Ich fand es immer schrecklich, nach Deutschland als "Besucher" zu kommen; keine eigene Bleibe zu haben. Darauf angewiesen zu sein, bei Freunden oder Eltern übernachten zu können, nicht spontan pendeln zu können- damit fühlte ich mich nicht wohl. Das war aber glücklicherweise nur anfangs so. Für mich haben beide Länder so ihre Vor- und Nachteile, und ich möchte eigentlich beides nicht missen:-)

Bei mir war es anfangs so, wie es Mamita beschreibt. Ich fühlte mich in einer Sackgasse, wollte mal raus, was anderes sehen...ein Jahr war geplant und jetzt sind es schon 7. Ich werde auch immer wieder gefragt wo es besser ist, ob ich wieder zurückkomme und kenne auch diese Verlegenheit. Ich hatte lange Zeit grosses Heimweh, das hat sich irgendwann relativiert. Ich denke über eine Rückkehr nach, aber es macht mir angst, weil ich nicht weiss, ob ich wieder einleben könnte. Meine Familie ist von Grund auf bodenständig, die meisten gehen nicht mal aus ihrem Heimatdorf weg. Dadurch fühle ich mich jetzt schon recht anders, denn es war nie so richtig ein Verständnis da für mein Fernweh. Ich habe jetzt ein Gefühl in zwei geteilt zu sein. Ganz eindeutig wird immer ein Teil von mir heimatverbunden bleiben, der andere Teil ist jetzt in Spanien verwurzelt oder hat auch immer noch Fernweh, wie auch immer. Meist bereichern mich meine Erfahrung, manchmal denke ich auch aber ich hab´s mir ganz bewusst kompliziert gemacht und so ist halt jetzt nunmal.

ich war selbst 5 Jahre weg und bin nun wieder zu Hause angekommen. Ich habe mich in diesen 5 Jahren in vielen Dingen neu kennengelernt und gemerkt, wie wichtig -entgegen meiner eigenen frueheren Annahme- mir meine Heimat (D) und Wurzeln sind. Ich fuehlte mich im Ausland entwurzelt, verrissen und hatte starkes Heimweh bzw. entwickelte dort starke Depressionen. Zum Schluss wurde ich auch koerperlich krank und das war das Zeichen fuer mich/uns die Zelte abzubrechen und nach Hause zu gehen. Ich fuehle mich hier wohl und kann wieder frei atmen und habe diesen Schritt zurueck zu gehen in keinster Weise bereut.

Kommentare schreiben

Kalender
November 2009
Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30