Neu entflammte Liebe
Kat hat recht mit ihrem letzten Kommentar, als Sie meinte deine Berichte werden immer düsterer und es ist so gar nix mehr vom Dolce Vita zu spüren. Es stimmt, ich sah die letzten Monate meine große Liebe Italien wirklich in einem düsteren Licht, sah vorwiegend all das was nicht funktioniert. Ja ich gestehe, ich dachte sogar an Trennung, ich verbrachte viel Zeit fern von Italien. Als ich jedoch die Scheidung einreichen wollte, überkam mich ein derart heftiger Liebeskummer...
Und siehe da: Meine alten Gefühle sind neu entflammt. Sie sind wieder da! Ich kann mir ein Leben ganz ohne Italien nicht vorstellen. Kaum war ich tatsächlich länger weg, waren sie wieder da die Träume vom Leben im Süden. In Buchhandlungen steuerte ich gleich wieder zu jenen Büchern - Danke Christiane! - wo "Ausländer" ihr Glück im Süden suchten, fanden, wieder verloren, wieder fanden. Vorher war ich davon schon so übersättigt. Was Italien betraf, war ich auch enttäuscht über die mangelnde Integration von Ausländern, auch so genannten privilegierten Ausländern, die sich ihr Häuschen in der Toskana, in Umbrien, den Marken oder sonstwo renovieren. Ich dachte: "Sie wollen uns nicht, die Italiener, warum hecheln wir ihnen so hinterher....?"
Ich weiss noch immer keine Antwort. Sehe es aber mittlerweile gelassen und weiss, dass für mich dieses soziale Integriertsein nicht mehr im Vordergrund steht. Weil ich mir gar nicht mehr sicher bin, ob ich micht überhaupt integrieren will - nicht in Italien und auch nicht anderswo.
Neulich war ich am Abend in einer Trattoria essen. Am Nebentisch sass ein deutsches Paar, beide schwebten im 7. Himmel, weil sie in Italien sind. Ich hab es auch genossen. Dabei war eigentlich alles ganz normal, Essen und Wein ok, aber insgesamt nix besonderes und der Kellner weder freundlich noch unfreundlich. Und da habe ich mich wirklich gefragt, was ist es, was "uns Nordlichter" so am Süden, an Italien fasziniert?
Warum ich so gerne in Italien bin, hängt sehr viel mit einer Traum und Illusionswelt zusammen und den schönen Bildern, die das Land bietet. Die Architektur, die Farben, die Pflanzen, das Licht, die Sprache. Ich kann dann einfach so eintauchen in meine Phantasie- und Traumwelt und meinen eigenen Film drehen. Die schöne ästhetische Umgebung. Es ist so wie für Kinder, eine Illusion. Wie im Märchen. Was ist es für Sie liebe LeserInnen?
Liebe Irene,
Danke für diesen Beitrag. Beim Lesen machte es bei mir "klick": das ist es, was ich auch empfinde!
Ich bin ja schliesslich freiwillig ins Ausland gegangen, habe hier "zur Probe" gelebt, bevor ich den definitiven Schritt wagte. Aber so lange man nicht in einem Land täglich zur Arbeit schlappt mit der Perspektive, dass sich das auch in absehbarer Zeit nicht ändern wird; solange man nicht mit dem Sozialversicherungssystem, dem Schulsystem, den Verwaltungesebenen usw. konfrontiert ist, hat man wohl keine reale Vorstellung vom Leben in einem Land.
Und wenn man dann in all dem drinsteckt, fühlt man sich auf einmal sooo deutsch oder österreichisch, oder wo man sonst grad herkommt. Und vor allem wird man von seinen Mitmenschen immer wieder auf seine Nationalität zurückgeworfen. Wenn man z. B. etwas ordentlich macht, dann weil man deutsch ist. Man hat einen gewissen Unterhaltungswert, aber man gehört nie so ganz dazu. Man tickt einfach immer ein ganz kleines bisschen anders.
Wenn ich es mir recht überlege, habe ich auch keine Lust mich 100 % zu integrieren, nirgendwo. Ich finde es bereichernd, aus verschiedenen Kulturkreisen Dinge aufzunehmen, die mir gefallen und die mir für meine Persönlichkeitsentwicklung erstrebenswert scheinen. Ob sie dass nun wirklich sind, kann ich nicht beurteilen.
Die Restaurantszene erlebe ich ebenfalls recht häufig. Manchmal, wenn ich schlecht gelaunt bin, empfinde ich das typische Touristenverhalten störend, das, meist sicher unbewusst, eine ganze Stadt oder ein Land samt Bewohner zur Kulisse und zu Statisten für das Urlaubsvideo degradiert.
Grüsse
Mamita
Kommentiert von:Mamita | Dienstag, 29. September 2009, 11:24 Uhr
Liebe Irene,
ich kann genau nachvollziehen was du schreibst. Mir geht es ganz genauso in Spanien. Und wenn ich mich noch so ärgere über dies und das und an Trennung denke und Rückkehr...ich hab´s bis jetzt nicht gemacht, weil allein der Gedanke daran dem Süden den Rücken zu kehren mich traurig stimmt. Ich fühle mich sehr wohl in der Sprache und Mentalität, auch wenn da immer was bleibt, was wohl meine Wurzeln sind die woanders liegen und da auch bleiben. hach ja....
Kommentiert von:Barbara | Dienstag, 29. September 2009, 12:28 Uhr
Danke Irene fuer deinen Dank...
ich fuehle mich hier anders als die anderen, aber da ich ja tatsaechlich anders bin, ist es ok; ich habe mich naemlich auch in Deutschland oft anders gefuehlt als der Rest... tatsaechlich fuehle ich mich hier in diesem bergigen Eckchen Suedfrankreichs mehr zu Hause als jemals zuvor anderswo. Auch wenn der Kaffee schlecht ist und das Internet nicht geht ;))
und zur Zeit kann ich mir das Leben nur hier vorstellen, auch wenn ich gerade, wie anscheinend jedes Jahr im Herbst, eine kleine Deutschlandsehnsucht kriege -- ich erinnere mich, als ich das erste Mal mit Patrick in einer ganz normalen (franzoesischen) Pizzeria im fruehen Fruehjahr unter einem Pfefferbaum Pizza mit Jacobsmuscheln (was fuer eine Kombination!) essen war, hab ich auch geheult vor Glueck, hier sein zu duerfen...
viele Gruesse an alle Auslaender ueberall!
Christiane
Kommentiert von:Christiane | Dienstag, 29. September 2009, 14:20 Uhr
Hallo, als ich juenger war, wollte ich auch gerne in Italian leben, habe auch viel Zeit (als Studentin und Urlaube, nie das "richtige Leben") in Italien verbracht. Und vor 10 Jahrn hats mich ans andere Ende der Welt, nach Kalifornien verschlagen. Hab mich in Deutschland, in Franken, nie 100% zuhause gefuehlt, habe aber begonnen, mich hier zuhause zu fuehlen. Hier gibts viele Auslaender aus aller Herren Laender und ich geniesse die Vielfalt. So richtig integrieren oder amerikanisch werden moechte ich nicht, ich bin lieber ich, das ist so ein bisschen deutsch und ein bisschen amerikanisch. Aber lustigerweise stelle ich fest, dass ich deutscher werde, je laenger ich aus D weg bin. Und auf der anderen Seite nervt mich das Ueberdeutsche, das hier von den Deutschen so manchmal rueberkommt auch ein bisschen. Ich weiss, so viele Widersprueche. Aber vielleicht ist es das auch, was das Leben im Ausland interessant macht ...
Liebe Gruesse nach Roma,
Alexandra
Kommentiert von:Alexandra | Dienstag, 29. September 2009, 18:41 Uhr
Wir sind ja ganz schön viele wibbelige Föttche hier in diesen Blogs. Ich habe schon sehr viele Orte kennen gelernt, an denen ich mir vorstellen kann zu leben. Bin übrigens auch aus Köln, Christjann, und da muss ich auch immer wieder hin zurück, wie in dem Lied von den Bläckfööss "isch han 'nen Deckel..." ;o)
Ein Aspekt, zu dem mich Eure Erfahrung interessieren würde, ist die Sprache. Ich nehme an, alle Auswandererinnen hier beherrschen die Sprache des Landes, aber die Muttersprache ist es nicht. Habt Ihr auch manchmal das Gefühl, in der neuen Sprache nicht die gleichen Dinge ausdrücken zu können, wie im Deutschen, und damit einen kleinen Teil Eurer Persönlichkeit zu verlieren?
Frag ich jetzt einfach mal so... :o)
Saludos
Mamita
Kommentiert von:Mamita | Mittwoch, 30. September 2009, 9:27 Uhr
Sähr interessant. Ich bin ja nun im Norden, also vermutlich ist deshalb die Beziehung zum Asylgeberland etwas unterkühlt :-). Das mit der Sprache kann ich in jedem Fall nachvollziehen. Ich lebe mittlerweile in drei Sprachen und bin in jeder Sprache eine etwas andere Person. Ich finde das sehr bereichernd, durch jede Sprache kommt etwas Neues dazu und ich fange an zu begreifen, warum Völkerverständigung so schwierig sein kann. Bestimmte Teile von mir sind direkt mit der deutschen Sprache verbunden, andere wieder mit Englisch oder Finnisch. Dadurch habe ich begriffen, dass ich, als Mensch, tatsächlich noch jemand anderes bin und das finde ich spannend. Fast wie schauspielern. Mal spiele ich das deutsche Programm, mal das finnische und mal das englische. So eine südliche Rolle fehlt mir noch, seufz, ich sollte mein Französisch aktivieren.
Kommentiert von:Freya | Mittwoch, 30. September 2009, 9:52 Uhr
Liebe Irene,
das freut mich ja, dass du zu Rom "zurückgefunden" hast!
Aus meiner Zeit dort, weiss ich , dass das Leben dort nicht immer einfach ist.
Ich bin jetzt nach 6 Jahren im Ausland zurück in Deutschland. Ich kenne das Gefühl, "anders" zu sein sehr gut. Natürlich fühle ich mich hier auch noch anders und es dauert, sich wieder einzuleben. Aber mit ein paar Ausländern im Freundeskreis ist es schon einfacher, denn wir wissen alle, wie es ist.
Ich geniesse es sehr, wieder in meiner eigenen Sprache sprechen zu können, Witze mit kulturellem Hintergrund zu verstehen. Ich sehe auch, wie meine Tochter ihren eigenen Humor in ihrer Muttersprache besser enbringen kann. Und auch, wenn wir alle noch Heimweh nach unserer letzten Station haben, wusste ich immer, dass ich irgendwann wieder hier leben möchte.
Es gibt natürlich noch viele schöne Länder, die ich mir irgendwann mal vorstellen kann. Da ich als Kind schon im Ausland war, gehört es auch zu meinem Leben dazu. Aber im Moment finde ich Deutschland gerade wunderbar,
viele Grüsse,
Deine Barbara
Kommentiert von:Barbara | Mittwoch, 30. September 2009, 10:59 Uhr
Hallo Mamita, esch ben keene eschte Koelsche, das war nur meine letzte Station! und das Lied mit dem Deckelsche kenn ich jar niesch;
oerjendswie maach isch Koelle aba janz jerne...
ohjah Sprache! Ich bin im Franzoesischen sehr limitiert, das merkt man im KleinKleinDorfAlltag nicht so, weil ich das Wettergespraech ganz gut beherrsche, aber will ich mal weiter und hoeher, komm ich weder sehr weit noch sehr hoch; das ist frustrierend aber ich hab auch zu wenig Energie um nochmal richtig anzufangen zu lernen -- ein bisschen weiter komme ich sprachlich gerade, weil ich angefangen habe zu uebersetzen;
manchmal denke ich die Leute hier kennen eine ganz andere Christiane, oder nur einen Bruchteil von mir, weil meine Art zu sprechen im Franzoesischen so anders ist: Kurz, banal, direkt und vor allem voellig ironiefrei, unoriginell und unwitzig. Am Anfang war mir wichtig, immer zu sagen, dass ich (in meiner Sprache) witzig sein kann, jetzt lass ichs, mich kennt hier keiner witzig... so isses halt -
Christiane, die sich auf sprachliche Rumwitzeln in Deutschland freut!
Kommentiert von:Christiane | Mittwoch, 30. September 2009, 17:45 Uhr
Hi, Christiane,
genau das ist es, es fehlt die Agilität. Obgleich ich die Landessprachen hier recht gut beherrsche purzeln die Assoziationen einfach nicht so wie im Deutschen. Ausserdem ist der Witz hier anders, direkter, schenkelklopfender. Wie das in Frankreich und Italien ist, weiss ich nicht.
Also habe ich hier eher den Ruf einer ruhigen, etwas langweiligen Person, die nur sehr reflektierte Äusserungen macht. Wenn die wüssten...welche Bestie sich hinter dieser Maske verbirgt ;o)
Petons, besitos
Mamita
Kommentiert von:Mamita | Donnerstag, 1. Oktober 2009, 9:51 Uhr
Ich kann alle eure Beitraege unterschreiben!
Alexandra, z.B. die sagt, im Ausland merkt man erst wie deutsch man ist (oder sein will??)
Und ja, Mamita, in einem Land zu leben dessen Sprache man nicht beherrscht, ist beschraenkend und frustrierend. Man hat foermlich den Eindruck an Persoenlichkeit einzubuessen, man ist irgendwie „nur halb da“!
Ich bin doch immer so schlagfertig gewesen und dann, im „fremden“ Land, kam aus meinem Mund auf einmal nur noch hoelpriges unfertiges Gebrabbel raus- war ICH DAS?
Aber auch Freya hat oh so recht!
Inzwischen beherrsche ich naemlich beide Sprachen etwa gleich gut – wenn auch mit sehr unterschiedlichen Schwerpunkten. Doch je nachdem, welche Sprache gesprochen wird, aendert sich das Auftreten ... und zwar ganz ungewollt und automatisch.
Wenn ich deutsch rede bin ich wirklich gemaessigter, ruhiger (es sei denn ich streite mit meiner Tochter ;-))
Dr. Jekill und Mr. Hyde?
Kommentiert von:Kat | Donnerstag, 1. Oktober 2009, 12:49 Uhr
Also ich habe das grosse Glueck, in eine Familie hineingewachsen zu sein und mein lieber verstorbener Schwiegervater hat auch an meinem regionalen Akzent schuld. Aber ich sprach die Sprache schon und waere, abgesehen von der Liebe, wohl eher in Frankreich (letzte Beziehung vor meinem Mann) oder Amerika/England/Irland gelandet, in Laendern meiner Immer-schon-und-studierten-Lieblingssprache (naja, heute nicht mehr so ganz, aber ich bluehe auf, wenn ich's mal sprechen darf und lese viel auf englisch). Aber ich kann die Faelle nicht so ganz verstehen, in denen nicht einer in der Beziehung, die Sprache des anderen ziemlich perfekt lernt (das muss nicht die Landessprache sein, ein befreundetes Paar lebt in Barcelona und ich weiss, dass sie als Katalanin besser Italienisch spricht als ihr Mann Katalanisch/Spanisch, obwohl sie seit ueber zehn Jahren gemeinsam dort leben). Ich koennte mir nicht vorstellen, nicht darauf hinzuarbeiten, mich im Gespraech so ausdruecken zu koennen, wie ich es will. Das durch die sprachliche Unterschiede Anderes dabei herauskommt (auf italienisch gibt es z.B. das Wort schmatzen nicht und anderes auch nicht), ist klar und das mit der anderen Persoenlichkeit finde ich sehr interessant. Ich hasse es z.B., wenn ich hier gezwungen werde, deutsch zu sprechen, weil die 'Italien-Suechtigen', die sich hier fuer viel Geld Haeuser kaufen, meinen, es ist ihr Recht, das von mir zu verlangen. Ich bin nicht das, was sie sehen (deutsch), ich bin die Frau meines Mannes und die Mutter meiner Tochter und das auf Italienisch. Ich will keine Sprache sprechen muessen, die meine Familie nicht versteht. Aber das wird nicht verstanden, es wird sich darauf ausgeruht, dass ich verstehe und meine Familie seelenruhig ausgeschlossen. Mein Mann sagt immer, dass er mir 'keinen Rabatt' (non ti ho fatto sconti) eingeraeumt hat und ist stolz auf mich, dass ich seine Sprache so gut gelernt habe. Ich weiss, dass ich sonst keine Beziehung fuehren koennte. Ich weiss, was er und andere sagen und meinen (!), ich weiss um die Tragweite, um das Unausgesprochene, um den Untertext. Ich kann zwischen Dialekten/Akzenten unterscheiden. Wenn man das nicht kann, sind alle gleich. Entschuldigt den klassistischen Ansatz, doch wenn man nicht zwischen einem weniger gebildeten Menschen und einem gebildetem Menschen unterscheiden kann, befindet man sich auf einem Niveau, von dem aus man auch ein Land nicht beurteilen kann, weil man es im Grunde nicht versteht (naja, soweit ich verstanden habe, sprechen die Finnen weniger, vielleicht ist es da eher moeglich, aber Italien lebt von Gesten und Sprache, auch im Norden). Ich glaube, dass sich viele, wenn sie nich aus beruflichen oder Beziehungsgruenden ins Ausland gehen , etwas aussuchen, von dem sie gar nicht wissen, ob sie es moechten. Und spaeter sind sie dann verschnupft, wenn die Realitaet nicht ihren Vorstellungen entspricht. Das jeweilige Land ist aber nicht dazu da, dies zu tun. Ich war damals geschmeichelt ueber das 'she's different' von meinen irischen Freunden. Aber heute wuerde ich schon anmerken, dass sie auch Deutsch lernen und weniger ueber die Deutschen laestern koennten, wenn sie doch in deren Land leben. Deutscher werde ich darum jedoch nicht;)))
Kommentiert von:skg | Freitag, 2. Oktober 2009, 9:38 Uhr
naja, skg, die Diskussion hatten wir ja schon mal an anderem Ort -- ich neige vermutlich dazu mit meinen Sprachkenntnissen tiefzustapeln, ich glaube, hier merkt keiner, dass ich mich limitiert fuehle, ausser, dass ich gelegentlich die Artikel verwechsele. Ich laufe nicht den ganzen Tag mit einem Fragezeichen im Gesicht herum und radebreche sicher nicht.
Ich kann Sendungen auf France Culture folgen, wenn ich zuhoere, so nebenbei geht es jedoch nicht.
Ich spreche kein universitaeres Niveau, was mir im Alltag nicht weiter auffaellt, weil ich nicht im universitaeren Bereich lebe und arbeite, und weil es hier um anderes geht. Ich hab viel landwirtschaftliches Vokabular gelernt, ich konnte eine Zeitlang Kaese machen besser auf franzoesich erklaeren als auf deutsch, ich habe neben der Sprache aber auch ein gesamt anderes Leben gelernt;
Die Diskussion mit dem Herausgeber der Bulletins, die ich angefangen habe zu uebersetzen, laeuft vielleicht nicht so intellektuell ab wie ich es mir wuenschen wuerde, aber wir koennen uns schon austauschen.
Tatsaechlich fehlt mir hier schon ein echter Gespraechspartner seit Patrick nicht mehr da ist --
ich denke dennoch, dass du einen sehr intellektuellen Ansatz hast, der nicht in allen Lebenssituationen greift. Der Herausgeber der Bulletins ist Franzose, kann aber mit den Leuten hier nicht wirklich gut kommunizieren -- weil er sich sprachlich nicht annaehern kann oder will. Wuerde ich so franzoesisch sprechen, wie ich die deutsche Sprache spraeche, waere ich hier auch einsam, denn so spricht hier keiner. Und meine Witze wuerde vermutlich immer noch keiner verstehen, weil sie hier einen, wie Mamita sagt, schenkelklopferischeren Witz haben, den ich nicht beherrsche.
ich kann unterscheiden zwischen gebildetern und ungebildeteren Menschen, allerdings hoere ich ausser dem Marseiller Dialekt nicht raus, wo wer herkommt, und auch den pied noir-Akzent hoere ich nicht, obwohl ich kurzzeitig zu dieser Familie gehoerte -- und vielleicht hoer ich nicht alle Zwischentoene, mag sein -- mir ist aber schon klar, dass ich in traditionellem baeuerlichen Umfeld lebe, und dass bspw. meine momentane Gefuehlslage nicht differenziert verstanden wird. Wuerde sie aber in einem Dorf auf der schwaebischen Alb vielleicht auch nicht;
Es gibt (fuer mich) neben der Sprache aber auch noch so was wie Warmherzigkeit, ein sich wohl fuehlen mit Menschen, und eine Seelenverwandtschaft, wie ich sie mit Patrick gekannt habe, die ueber das Sprachliche hinaus geht. Ich fuehle mich hier wohl, geradezu geborgen, angenommen, geliebt als Mensch, als ich, nicht als intellektuelles Wesen. Das ist sehr wohltuend fuer jemanden, der aus einer verkopften Welt kommt; Ich lebe hier mit Herz und Bauch, nicht nur mit dem Kopf. Schoen, wenn man alles drei zusammenkriegt, mag sein, vielleicht, ich habe jahrelang geistreiche Konversation in akzentfreiem Hochdeutsch gemacht, ohne mich wirklich irgendwo wohl und richtig zu fuehlen, fuer mich ist das einfache sich zu Hause fuehlen wichtig, auch wenn ich vielleicht keine universitaeren bonmots loswerden kann.
kann gut sein, dass ich angespornt waere, den Subjonctiv richtig zu lernen (es fliegt mir naemlich leider nicht mehr so zu wie frueher, und ich merke, dass mein Zeitfenster fuer Sprache schon ein bisschen geschlossen ist) wuerde ich in Antibes in einer Buchhandlung arbeiten, eine Idee, die mal kurz durch den Kopf schwebte -- zur Zeit bin ich aber lieber hier. Wie gesagt, ein RICHTIGER, guter Gespraechspartner fehlt mir schon -- nun jah, kommt vielleicht wieder jemand...
Kommentiert von:Christiane | Freitag, 2. Oktober 2009, 17:12 Uhr
An Christiane: Ich hatte sicher nicht die Absicht, jemanden -und vor allem nicht dich - anzugreifen. Ich habe nur meinen Standpunkt vertreten, der ganz klar durch mein eigenes Erleben gepraegt ist. Alle weiteren Ausfuehrungen (hab's versucht und dann geloescht) waeren fehl am Platz. Ich stimme dir zu, was Menschlichkeit mit der Einschraenkung der 'Schwaebische Alb'-Mentalitaet betrifft. Ich muss in die Grossstadt, um, ausser mit meinem Mann, fuer mich 'normale' Gespraeche zu fuehren. Die Schenkelklopfigkeit ist hier auch sehr vertreten, aber kann auch Spass machen. Der Andersartigkeit bin ich mir dennoch immer bewusst, aber das ist schon mein Leben lang so, nur dass es hier netter ablaeuft.
Kommentiert von:emas | Samstag, 3. Oktober 2009, 10:18 Uhr
an alle: Vielen Dank für Eure Kommentare und interessanten Anregungen!
@Christiane: Buchhandlung in Antibes..klingt gut. Ich hatte vor vielen Jahren auch mal kurz überlegt in Mondello (Palermo) in einer Buchhandlung zu arbeiten. Eine kleine, feine Buchhandlung mit Meerblick. Habe das dann aber aus verschiedenen Gründen doch verworfen, jetzt taucht aber die Erinnerung an diesen ganz speziellen Ort wieder auf. Und mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich daran denke. Schicke Dir ein Lächeln in die südfranzösischen Berge!
Kommentiert von:Irene Mayer | Samstag, 3. Oktober 2009, 11:52 Uhr
Hallo Irene,
ich bin die "Australierin" aus dem Nachbarblog. Ich habe heute noch, nach 8 1/2 Jahren Down Under, mit sprachlichen Schwächeleien zu kämpfen. Einerseits bin ich natürlich mittlerweile "fluent", andererseites bemerke ich gerade deshalb, was mit meinem Englisch noch nicht stimmt - und wo es vielleicht nie stimmen wird. Es ist mit einer Sprache ja nicht anders als mit jedem Expertenwissen: Je mehr Du weißt, desto mehr gibt es zu lernen. All die Feinheiten und Abgründe, die sich auf einmal auftun! Ich werde noch heute grantig, wenn mir nicht auf Anhieb das richtige Wort einfällt, wenn ich mit meinem Mann diskutiere, aber wenigstens hadere ich deshalb nicht mehr lange mit mir selbst. Immerhin ist mein Englisch noch tausendmal besser als das Deutsch von John! Richtig wohlgefühlt hab mich in der neuen Heimat erst, als ich merkte, ich kann in der Fremdsprache Witze reißen - ja, sogar ironisch sein und es wird von meinem Gegenüber bemerkt und verstanden! Vorher gab's in sprachlicher Hinsicht ja nur Witze ÜBER mich und keine VON mir: mein Akzent oder eben meine verbalen Griffe ins Klo haben schon für viele Lacher gesorgt. Das passiert mir natürlich auch heute noch, aber ich bin nach all den Jahren doch sehr viel gelassener und lache auch viel eher mal über mich selbst. Was bleibt einem in der Fremde denn sonst schon übrig ;-) ?
Cheers aus Cairns (bei "Cheers" dachte ich z. B. erst, mir wollten Wildfremde zu jeder unmöglichen Tageszeit zuprosten - unverschämt! -, dabei heisst es nix Anderes als "tschüss" oder auch "danke". Muss einem ja erstmal gesagt werden...)!
Annette
Kommentiert von:Annette | Mittwoch, 14. Oktober 2009, 4:40 Uhr
Hallo Irene,
ich kann nachfühlen was du schreibst. Mir ging es in Spanien genauso Wünsche Dir alles gute. Liebe Grüße
Kommentiert von:Mandy | Montag, 17. Mai 2010, 20:12 Uhr
Das kann ich gut nachvollziehen. In die alte Liebe kann man sich schnell neu verlieben.
Kommentiert von:marco | Donnerstag, 12. August 2010, 11:24 Uhr