Erdbeben in Onna
Ich bin seit gestern zurück aus den Abruzzen. Die Osterstimmung in Rom und Italien ist natürlich bedrückt. Am schlimmsten hat es das Dorf Onna getroffen, dort wurden ganze Familien zerstört. Hier ein paar meiner Eindrücke:
Ein Riesenknall, Bomben, die unter den Füssen explodieren, eine zusammenbrechende Welt. Die Erdbebenopfer ringen nach Worten. „Die schrecklichste Nacht des Lebens kann man nicht beschreiben.“ Das Gesicht von Antonietta De Felice spiegelt ihre Verzweiflung wider. „Seit Sonntag bin ich um 20 Jahre gealtert.“ Monatelang waren Erdstöße zu spüren. „Aber uns wurde gesagt, wir sollen uns keine Sorgen machen. Man denkt nie daran, dass es einen selbst erwischen könnte“, erzählt Antonietta. Mit ihrer Tochter Valentina trauert sie um ihren Neffen, gemeinsame Freunde und Nachbarn.
Die kleine Ortschaft Onna am Fuße des Gran Sasso, nur wenige Kilometer von der Abruzzenhauptstadt L´Aquila entfernt, wurde von dem Erdbeben am schwersten getroffen. Es reichten zwanzig Sekunden, um Familien zu zerstören, Häuser nieder zu wälzen und Existenzen zu vernichten. 39 Menschen des 350 Einwohner zählenden Dorfes starben - darunter viele junge Leute, alle zwischen 8 Monaten und 20 Jahren. Die Großfamilie De Felice konnte sicht aus den Trümmern retten. Für Mama Lucia und ihre Töchter Adriana und Claudia ist es noch zu früh, um an die Zukunft zu denken. „Wir leben von Tag zu Tag“, sagt Claudia und drückt ihre Yorkshire Terrier-Hündin Birba fest an sich. Die schlimmsten Momente waren jene, als noch viele Nachbarn unter den Trümmern lagen und die Bergungen in Gang waren. „Du hoffst bis zuletzt, dass jemand lebend rauskommt“, sagt Claudia. Doch in Onna konnte Tiziano Villa vom Suchhundeverein aus Trient nur noch Leichname bergen. Ein Bild kriegt er nicht mehr aus dem Kopf: Ein totes Baby in den Armen seiner Eltern, die alle drei im Schlaf überrascht wurden. Im Nachbarzelt weint eine Frau um ihre Angehörigen. Jemand verliert die Nerven, als das hundertste Kamerateam an diesem Tag durch das Lager zieht: “Wir sind nicht im Zoo, haut endlich ab“
Sonnenschein, blühende Mandelbäume und der schneebedeckte Gran Sasso bilden eine surreale Kulisse für das Leichenhaus unter freiem Himmel. Auf der Wiese sind 39 Särge aufgebahrt. Am Rande stehen kleine weiße Kindersärge. Es ist der einzige Platz, der abgesperrt ist. Die Bewohner werden so vor schaulustigen Blicken geschützt. Der Gestank verwesender Tiere liegt in der Luft. 200 tote Schafe und Kühe befinden sich noch unter einem eingestürzten Stall.
Die Piazza, an der es bis zur Unglücksnacht am Palmsonntag Bäckerei, Post, Bar und Kirche gab, ist ein einziger Trümmerhaufen. Die Hauptstrasse des Ortes ist unpassierbar. Es lebten auch einige Albaner und Rumänen hier. „Sie waren vollkommen integriert“, erzählt ein älterer Dorfbewohner, der sich unter Lebensgefahr zu seinem Haus vorkämpft. Den schwersten Schicksalsschlag im Dorf hat das Ehepaar Parisse erlitten. „Sie wohnen dort hinten“, sagt der Mann und zeigt auf einen Garten, umgeben von einem Berg zerbrochener Ziegeln, Holzbalken und Bauschutt. Giustino und Dina Parisse verloren ihren Sohn Domenico (18) und ihre Tochter Maria Paola (16). Auch Giustinos Vater kam ums Leben und seine Mutter schwebt in Lebensgefahr.
Stundenlang hat Giustino mit bloßen Händen nach seinen Kindern gegraben. „Er kämpfte wie ein Löwe gegen 100 Kilo schwere Steinbrocken, aber es war aussichtslos“, erzählt sein Bruder. Die Hilferufe Sohn Domenicos waren noch stundelang nach dem Beben aus den Trümmern zu hören.