Wie rassistisch ist Italien?
Es ist gerade nicht leicht Italien zu lieben. Überhaupt nicht...
Das rigorose Anti-Immigrationspaket, die inhumane Asylpolitik, Anti-Ausländer-Attacken: Italien wird von einer Rassismus-Welle überrollt. Der jüngste Übergriff an einen Chinesen an der römischen Peripherie Tor Bella Monaca – er wurde am hellichten Tag an der Bushaltestelle von sechs Jugendlichen zusammengeschlagen - ist die Fortsetzung einer Reihe von schockierenden Vorfällen.
Ein paar Tage zuvor traf es einen Studenten aus Ghana in Parma. Polizisten hielten den 22-Jährigen für einen Drogendealer und nahmen ihn fest. Auf offener Straße wurde er brutal niedergeschlagen, bespuckt und als „dreckiger Neger“ beschimpft. Die Fotos des entstellten jungen Mannes schockierten das Land. Gestern war er in der Talkshow Annozero von Santoro zu Gast. Im Gesicht sichtbare Zeichen des Gewaltangriffs -das linke Auge blutunterströmt, blaue Flecken – erdreistete sich ein Lega Nord-Politiker die Geschichte anzuzweifeln.
Vor zwei Wochen war ein 19-Jähriger aus Burkina Faso in Mailand von zwei Barbesitzern zu Tode geprügelt worden, nachdem sie ihn angeblich beim Diebstahl von Keksen erwischt hatten. Mit Sorge beobachtet nicht nur Journalist Curzio Maltese das vergiftete Klima im Land. Das gewalttätige Verhalten der Polizei sei Folge einer von der Regierung Berlusconi verordneten „Null Toleranz“-Strategie bei der Immigrations- und Sicherheitspolitik, kritisiert Maltese in La Repubblica . Innenminister Maroni hat Bürgermeistern bei der Bekämpfung der Kriminalität mehr Befehlsbefugnis für Polizeieinsätze eingeräumt.
Panikmache in der italienischen Gesellschaft vor „kriminellen Ausländern“ ist der neue „Nationalsport“. Dabei spielen Medien eine zentrale Rolle. Berichte über „rumänische Vergewaltiger“, „marokkanische Drogendealer“ und „Zigeuner-Diebe“ bestimmen die Titel-Schlagzeilen. In der Quoten-starken Talkshow „Porta a Porta“ von Moderator Bruno Vespa im staatlichen Fernsehsender Rai Uno war einen Abend lang von „Negern“ die Rede, ohne dass sich jemand über die rassistische Bezeichnung beschwerte.
Der algerische Schriftsteller Amara Lakhous lebt seit 1995 im römischen multikulturellen Viertel an der Piazza Vittorio. Er ist täglich mit dem Aufeinanderprall verschiedener Kulturen konfrontiert. „Es herrscht momentan eine tiefe Unsicherheit, die niemandem guttut“, so Lakhous. Schuld daran sei auch ein fehlender Sozialstaat. „Die Leute schaffen es mit ihrem Lohn nicht mehr bis zum Monatsende und können ihre Miete nicht mehr bezahlen.“ In der sozialen Not suche man eben nach Schuldigen. Vor Jahren richtete sich der Volkszorn gegen Marokkaner, dann gegen Albaner, später traf es die muslimischen „Terroristen“ und die Rumänen. „Heute trifft die Wut des Landes, das die eigene Geschichte als Auswanderungsland zu vergessen scheint, in erster Linie die Roma“, meint Lakhous.
Die britische Autorin Zadie Smith packt nach zwei Jahren in der italienischen Hauptstadt ihre Koffer. Sie wohnte im schicken Szenebezirk Monti. „Rom ist gefährlich geworden. Es herrscht eine Atmosphäre des Hasses, der Intoleranz und der rassistischen Einschüchterung“, beklagt Smith. Seit den letzen Parlamentswahlen im Frühjahr 2008 sei die Situation aus dem Ruder geraten – „die Lage hat sich rapid verschlechtert, so als ob das Land in die 50er-Jahre zurückgefallen wäre“, erklärt Smith das Motiv für ihren abrupten Umzug.
"...das vergiftete Klima im Land..."
der satz trifft es wohl am besten...
lg aus muenchen
Kommentiert von:Allegra | Freitag, 3. Oktober 2008, 11:51 Uhr
Ich habe den Eindruck, dass kein Land sich von so etwas freisprechen kann. Wenn es wirtschaftlich eng wird, hört die Toleranz ganz schnell auf. Und dann findet sich immer ein Politiker, der mit dem Finger auf die ihm unliebsamen Gruppen weist, um von den ungelösten wirklichen Problemen abzulenken. Hier in Spanien ist das auch so. Da wird ebenfalls ganz schnell vergessen, dass man vor 40 Jahren noch massiv auswanderte, dass auch heute viele junge Leute im Ausland ihr Glück versuchen, weil sie hier keine Arbeit finden. Die Atmosphäre erinnert an die Zeit der Weimarer Republik. Und da es ja soooo ätzend ist, sich mit Geschichte zu befassen, lernt man auch nix draus.
Kommentiert von:Mamita | Freitag, 3. Oktober 2008, 13:48 Uhr
Mamita hat voellig recht. Hier passieren auf einmal Dinge, die ich bisher aus dem Osten Deutschlands kannte. Trotzdem liebe ich Italien und weiss dass, wie uberall, diese Haltung nicht fuer alle Italiener zutrifft, da muss ich nur an meine Familie und unsere Freunde denken. Statistiken ergeben uebrigens eine zunehmend fremdenfeindliche Haltung auch in Deutschland, der Schweiz und Oesterreich (andere Laender wurden in der im Spiegel, glaube ich, zitierten Erhebung nicht genannt). Es geht der Weltwirtschaft schlecht und da wird der Schoss dann wieder fruchtbar...
Kommentiert von:emasusa | Freitag, 3. Oktober 2008, 14:56 Uhr
ein ist klar, ganz europa erlebt einen rechts-ruck. vor allem in osteuropa ist dies zu spüren - die gründe liegen auf der hand: lange abgeschottet, turbokapitalismus - der letztendlich auch nicht das gelobte land schafft und ein nicht sehr "weit entwickelte" zivilgesellschaft wenn es um selbstverantworlichkeit geht. wir wissen ja, der sozialismus hat dem bürger alles vorgeschrieben aber auch vieles abgenommen.
nun was passiert in italien? italien hat sich ganz klar nicht mit seiner vergangenheit auseinandergesetzt. auch wenn in deutschland die braune welle aus vielen gründen da ist, ist deutschland im gegensatz zu italien und österreich das land, dass sich seiner vergangenheit am meisten gestellt hat und diese auch aufgearbeitet hat. klar, dies geschah teilweise auf druck der allierten - aber die deutschen haben doch eine vergangenheitsbewältigung vorzuweisen. natürlich ist das ein schwieriges thema, auch weil deutschland "das land der täter" ist. aber nochmal, eine vergangenheitsbewältigung wie sie in deutschland geschehen ist - das kann kein land in europa vorweisen, das eine nazi - bzw. faschistische vergangenheit hat.
und da wären wir bei italien. hat sowas jemals richtig ernsthaft statt gefunden - hat man jemals die zeit des duce in frage gestellt, aufgebearbeitet? meines wissens nein. so lange die vergangenheit - die verantwortung der italiener die sehr wohl auf seiten von mussolini bzw. hitler-deutschland standen nicht aufgearbeitet ist, solange wird die gesellschaft ihre selbstverantworlichkeit nicht wahrnehmen wollen. auch italien wird eine katharsis (schmerzhafte erkenntnis der wahrheit) durchlaufen müssen. doch ich glaube, dazu ist die zivilgesellschaft zurzeit nicht stark genug - italien zerfällt in seine einzelteile, bewusst von berlusconi vorangetrieben. aber eben, berlusconi konnte nur so stark werden - weil der innere zusammenhalt nicht so stark war. ich lasse mich gerne belehren, aber so sehe ich das von aussen.
Kommentiert von:leona | Sonntag, 5. Oktober 2008, 1:47 Uhr
Vor einigen Jahren war ich in der Nähe des Garda-Sees bei meiner Tochter, die seit 1,5 Jahrzehnten dort verheiratet ist, zu Besuch. An einem Samstag machten wir mit bekannten einen Ausflug nach Gardone. Wir besichtigten dort den für die Öffentlichkeit zugänglichen Botanischen Garten, den ein Wiener Zahnarzt in 50 Jahren anlegen ließ und der jetzt dem österreichischen Universalkünstler Andre Heller gehört.
Zwischen dieser Sehenswürdigkeit und der Villa des Ex-Marinegenerals und Schriftstellers d'Annunzio, dessen Villa wir auch besichtigten, waren Souvenierläden mit allem möglichen Kitsch aufgebaut.
Was uns allerdings schockierte, war, daß da Wein mit Etikette und Bildnis von Adolf Hitler und Mussolini angeboten wurden. Das wäre wohl in Österreich undenkbar. Also von daher muß ich schon die Österreicher und auch deren Gesetze ein bißchen in Schutz nehmnen, obwohl das letzte Wahlergebnis nicht so sehr für meine Landsleute spricht.Inhaltlich bin ich aber mit den Ausführungen von Leona voll einverstanden.
Kommentiert von:erli | Donnerstag, 9. Oktober 2008, 18:23 Uhr
Ich bin nicht so sicher, dass in Italien weniger an Aufarbeitung stattgefunden hat als in Deutschland, die Geschichte war nur anders, und es gab die Chance, sich mit den Partisanen und anderen Formen des Widerstandes zu identifizieren. Als ich vor mehr als 20 Jahren nach Italien kam, war kein faschistischer Politiker hoffaehig, das heute die Neofaschisten mit Berlusca und den nicht weniger rassistischen Leghisten an der Macht sind, hat mehr mit der wirtschaftlichen situation zu tun, die eine generelle unsicherheit verbreitet. Andererseits ist das Fehlen des Sozialstaates hier ja keine Neuheit: in dem Mass in dem oeffentliche Unterstuetzung in Deutschland angeboten wird, hat es das hier nie gegeben.
Kommentiert von:meghi | Montag, 13. Oktober 2008, 15:53 Uhr
@meghi
Du nimmst mir das Wort aus dem Mund. In der Tat frage ich mich manchmal, wie es in Deutschland aussehen wuerde, wenn es diesen (mittlerweile vielleicht nicht mehr so) zahlungswilligen Staat nicht gaebe. Die Leute sind hier allein gelassen in ihrem Elend und ihrer Ignoranz und ganz auf die kleinen Alltagshelden angewiesen.
Kommentiert von:emasusa | Dienstag, 14. Oktober 2008, 21:26 Uhr
"...in dem Mass in dem oeffentliche Unterstuetzung in Deutschland angeboten wird, hat es das hier nie gegeben." Das stimmt so sehr! Mir wird das immer wieder bewusst, wenn ich (durchaus berechtigte) Beschwerden über Kindergartenplätze, Arbeitslosenunterstützung ecc in Deutschland höre/lese. Davon könnte man hier in Italien nur träumen, leider! Wenn es "la famiglia" und das eng geknüpfte soziale Netz hier nicht gäbe, wären ganz schön viele Menschen wirklich aufgeschmissen. Aber irgendwie kennt dann doch immer jemanden (...der Freund vom Cousin der Freundin des Nachbarn...) der genau das ist, was man gerade braucht oder irgendwie sonst helfen kann. Ich glaube aber auch, dass die meisten Italiener sich lieber und eher auf "den Freund vom Cousin der Freundin des Nachbarn" verlassen, als auf den Staat...
Kommentiert von:susanne | Montag, 3. November 2008, 15:23 Uhr
Man muss sich nur mal die derzeitige Situation in den Fußballstadion der Serie A anschauen. Da wird hemmungslos gegen alle gepfiffen, die nicht die eigene Hautfarbe haben. "Fans" pfeifen selbst Spieler des eigenen Teams wegen ihrer Hautfarbe aus. Aktuelles Beispiel ist der Spieler Balotelli von Inter Mailand, der aufgrund seiner Hautfarbe in jedem Stadion Italiens Beleidigungen und Schmährufe aushalten muss. Vor 2 Wochen haben ihm Ultras des eigenen Teams nach einem Heimpsiel sogar in der Tiefgarage aufgelauert. Was bei einem Derby der römischen Stadtclubs los ist, muss wohl nicht näher geschildert werden.
Kommentiert von:Peter | Dienstag, 11. Mai 2010, 9:32 Uhr
Da haben Sie eineige Gründe genannt, warum ich als Italiener immer weniger Lust habe nach Italien zu fahren.
Kommentiert von:italien guide | Samstag, 14. August 2010, 15:49 Uhr
Leider gibts ja diese Szenarien nicht nur in Italien, aber wasda momentan abgeht mit den ganzen Ausschreitungen, da hab ich auch keine Lust mehr nach Italien zu fahren, zumindest nicht zum Fußballspiel. In den Städten sonst kriegt man ja nicht viel davon mit.
Kommentiert von:Andi | Dienstag, 26. Oktober 2010, 16:28 Uhr