Forum Romanum

Die Journalistin Irene Mayer (36) berichtet aus Rom - von Cappuccino, Kirche und Korruption.

mehr zur Autorin / zum Autor
« Mitten im Getümmel .:Start:. Aspirin für Blumen »

Italien weint!

Jawohl Italien weint. Dennoch lassen sich die Leute auch in der tiefsten Krise nicht in ihrem Urvertrauen erschüttern, dass es irgendwie immer weitergehen wird...

In letzten Tagen wurde mir oft die Frage gestellt: Sag, wie geht´s denn mit Italien weiter? Tja, das habe ich mich auch gefragt. Gründe sich ernsthaft Sorgen zu machen gibt es genug. Und doch scheint das derzeitige politische Chaos, in dem das Land wieder einmal steckt, das Ausland mehr zu beunruhigen, wie die Italiener selbst.

Gestern kam ein Kamerateam von Rai Tre in der Arbeit vorbei und wollte von ausländischen Journalisten wissen, was wir so über den Sturz Prodis und die aktuelle Situation denken. Sandro, der am Empfang arbeitet, bat mich folgendes Statement an seiner Stelle zu sagen: „Ein Teil des Landes weint heute, und zwar das Italien der ehrlichen Leute, die Steuerzahlungen nicht als Angriff verstehen. Jawohl, Italien weint!“ Das fiel mir nicht schwer das zusagen, weil ich das auch so sehe. Kleines Detail: Genau die Stelle wurde leider aus meinem Kommentar Stellungnahme herausgeschnitten.

Bei den Schreiduellen im Senat wurde auch ein Senator angespuckt. Nach Bekanntgabe von Prodis Sturz wurden Champagnerflaschen geköpft und wie bei Formel Eins-Siegen durch den Saal gespritzt. Einer stopfte sich eine Mortadella-Scheibe in den Mund, um Prodi zu verhöhnen (der wird wegen seiner Heimatstadt Bologna, wo diese Wurst herkommt, von Gegnern „Mortadella“ genannt). Beim Anblick der Szenen stellte sich ein Gefühl, das ich lange nicht mehr hatte: Ich schämte mich für sie und gleichzeitig tat es mir total leid für die vielen netten Leute im Land, in diesen total niveaulosen, korrupten Händen zu sein.

Davon, dass Italien gerade in einer der größten Regierungskrise steckt, ist ansonsten im Alltag wenig zu merken. Im Radio wird die Papstrede übertragen, Fußballspiele werden ausführlich diskutiert, die Situation im Nahen Osten ist Thema. An der Bar erfährt man, wo noch Schnäppchen im Ausverkauf zu bekommen sind. Italiener haben die Gewissheit: Auch die dunkelste Krise geht vorüber. Eine weitere Gewissheit ist jedoch ebenso sicher: Auf den Staat ist kein Verlass – daran sind Italiener von Kindesbeinen an gewöhnt. Bei einer durchschnittlichen Überlebensdauer einer Regierung von einem Jahr ist das Vertrauen der Bevölkerung in staatliche Institutionen aktuell wieder auf einen neuen Tiefstand gesunken. Allerdings ist die Kehrseite der Medaille nicht unwillkommen. Die instabile politische Situation kommt Steuerhinterziehern (ein Drittel der Bevölkerung) und Schattenwirtschaft entgegen – solange Regierungen schnell scheitern, kommt es nie zu einem harten Durchgreifen in der Steuerpolitik.

Italien steht im EU-Vergleich bei Steuerbetrug an der Spitze. Pro Jahr entgehen dem Fiskus rund 100 Milliarden Euro – sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wo der Staat versagt, springt die Familie ein. Generationsübergreifende Bande sorgen für Betreuung von der Wiege bis zur Bahre, die Angehörigen fungieren als Parallelsystem. 80 Prozent der Italiener verdanken ihren Job familiären Kontakten. Tanten und Onkel bringen Not leidenden Familienangehörigen Essen ins Krankenhaus und wechseln dort notfalls die schmutzigen Bettlaken. Den Termin beim Chefarzt arrangiert die befreundete Ärztin. Für die soziale Absicherung im Alter kümmert man sich rechtzeitig: 70 Prozent aller Italiener wohnen im Eigenheim. Viele versuchen sich selbständig zu machen und ihr eigenes Business aufzubauen. Eine weiterer Faktor, warum das Land nicht zu Fall kommt, ist der wirtschaftlich starke Norden. In den Regionen Venetien und Lombardei herrscht ein ausgeprägter Unternehmergeist. Flexible Klein- und Mittelbetriebe, meist in Familienhand, florieren.

Nicht zuletzt kommen den Italienern ihr Improvisationstalent und ihre Lebensfreude zugute, die sie schnell und kreativ auf Änderungen reagieren lassen. Und die Gewissheit: Alle Wege führen nach Rom. Egal ob die Regierung gerade stürzt, U-Bahn und Busse streiken oder die Hotelpreise überteuert sind – die jährlich fünf Millionen Touristen kommen trotzdem in die Hauptstadt. Nur stelle ich mir immer mehr die Frage, wie man auf Dauer in dem Land (über)leben will, wenn man nicht über dieses familiäre Netz hier verfügt.

TrackBack

TrackBack Adresse für diesen Eintrag:
http://www.typepad.com/services/trackback/6a00d834515c7969e200e54ff4b0dd8833

Folgende Weblogs beziehen sich auf Italien weint!:

Kommentare

Liebe Frau Irene!

Die derzeitige Situation in Italien und die Einstellung der Italiener zu ihren Politikern haben sie sehr treffend analysiert.
Vor einigen Jahren war ich in Italien zu Besuch bei meiner Tochter und deren Familie.

An einem Sonntag im Mai. es war der Muttertag, fanden Wahlen zum italienischen Parlament statt und gleichzeitig gab es ein Rennen zur Formel 1 Weltmeisterschaft, bei dem Ferrari große Siegeschancen hatte.
Beim Mittagessen mehrer befreundeter Familien in einem Restaurant wurde über die Wahl gar nicht gesprochen. Die Männer hatten nur ein Auge auf die Video-Wall wo das Autorennen live übertragen wurde.
Natürlich gewann Schumacher auf Ferrari und damit war der Sonntag vieler Italiener gerettet und nicht weil Berlusconi die Wahl gewann!

Liebe Irene,
in den letzten Tagen habe ich oft das Bedürfnis gespürt etwas zu den politischen Geschehnissen in unserem Wahl-Land zu schreiben. Mit Deinem Artikel sprichst du mir aus der Seele und hast mir somit diese Arbeit abgenommen. Ich werde ihn in meinem Blog zitieren.
Das Ausmaß von Korruption und Skrupellosigkeit in Italien ist für den Bürger in Deutschland und anderen nördlichen Ländern einfach unvorstellbar. Es gäbe noch viele Mißstände aufzulisten und es ist wirklich deprimierend, wenn man sie sich alle vor Augen führt. Auch die Regierung von Prodi hat leider versäumt, von Berlusconi zu seinen Gunsten geschaffene Gesetze wieder zurechtzurücken.
Hier mit der Gewissheit zu leben, dass in diesem Land nur vorwärts kommt, wer skrupellos ist und über die "richtigen" Beziehungen verfügt, ist nicht einfach.
Auch ich frage mich immer wieder, ob Luft, Licht und Liebe auf die Dauer ausreichen. Und damit wären wir mal wieder beim alten Thema ;-)

Liebe Irene,

dein Artikel beschreibt die Situation hier in Italien wirklich sehr treffend. Am Tag nach der Vertrauensfrage Prodis im Senat wurde mir von mehreren Bekannten und Freunden gesagt, dass sie sich für die Vorgänge während der Debatte und nach der Abstimmung schämten.
Aber das Leben geht weiter und genau dieses von dir beschriebene Improvisationstalent der Menschen macht das Land für mich lebens- und liebenswert. Sicher, manchmal ist es schon sehr nervend, wenn Post tagelang nicht ausgetragen wird, Züge regelmäßig verspätet ankommen, Busse mal wieder nicht fahren usw. Aber Missstände lassen sich halt doch leichter ertragen und auch beseitigen mit italienischer Gelassenheit!


Hallo,
auch ich lebe in Italien, und obwohl ich es am Anfang nicht fassen konnte, dass die Menschen hier politischen Geschehnissen so desinteressiert gegenüberstehen, hab ich mich inzwischen (nach 8 Jahren) so sehr daran gewöhnt, dass ich sie selbst gar nicht mehr wahrnehme.
Ich find auch, dass Sie das sehr treffend beschreiben, Politik, Wahlen... das ist alles hier nicht wichtig, sondern Familie, Freunde, ein Dach über dem Kopf und ein Teller Pasta. Der Rest erledigt sich von selbst. Mafia ist übrigens auch so ein Thema... die gibts, man weiß es, und ... ja (Schulterzucken, und es geht wieder um "calcio"...).
Berlusconi ist dramatisch, aber irgendwie repräsentiert er doch den "klassischen Italiener": etwas oberflächig, immer lächeln und fröhlich sein, ein bißchen singen, ein bißchen Witze erzählen, immer um den Brei herum reden und agieren, (nur) an sich selbst denken, selbstsicher und arrogant sein, "Spaß, Fussball, Mafia" usw. :)
So, ich möchte allerdings hervorheben, dass ich gerne hier lebe, 95% meiner Freunde hier Italiener sind und ich sogar mit einem Italiener verheiratet bin! Nicht dass man denke, ich wolle Italien schlecht machen... Ich finde es fast witzig, wie egal Politik und so komplizierte Dinge wie Mafia sein können und wie kreativ man sich selbst organisieren kann und dabei trotzdem ein führendes Industrieland bleibt.

Ragazze, ci sono anche Italiani molto diversi che non parlano solo di calcio e non leggono solo la gazzetta color carta igienica (in tutte le regioni). Mai sentito parlare di Beppe Grillo, della gente della Val di Susa contro la TAV, ecc.. Certo se la gente guarda solo i canali del Berlusca - quanto divertimento. E quanta scarsità sotto il punto di vista morale ed intellettuale. C'è un sacco di gente incazzata là fuori. E fra un po'...altro che paese leader. Ci metteranno fuori dall'Eurozone se andiamo avanti così. Ci vorrebbe più Perlasca e meno Berlusca.

http://www.youtube.com/watch?v=lNxGdQQay-g
comunque claudio lolli

saluti

Kommentare schreiben

Kalender
November 2009
Mo. Di. Mi. Do. Fr. Sa. So.
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30