Atomzug in Lüneburg
Als ich heute Morgen am Bahnhof in Lüneburg zu meinem Zug nach Hamburg ging,
fiel mein Blick auf die Anzeigentafel. Dort stand, dass der Zug nach Dannenberg
ausfällt und durch Busse ersetzt wird. Eine gute Nachricht, auch wenn mir die
Pendler leid taten…
Es ist mein erster Castortransport, den ich als Lüneburgerin miterlebe. Ich hatte mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, auf welchem Weg der Atommüll aus Frankreich in das Zwischenlager Gorleben gebracht wird und wusste nicht, dass er auch Lüneburg passieren würde. Doch die letzten Tage war das nahende Ereignis nicht mehr zu übersehen.
Gestern Morgen erregte ich auf dem Weg zum Bahnhof die Aufmerksamkeit eines Polizisten. Ich ging zu Fuß, er fuhr mit dem Auto an mir vorbei und drehte sich auffällig nach mir um. Ich wunderte mich: Warum guckt der so? Dann dämmerte es mir: Ich war auf dem Weg zum Sport-Kongress, hatte ein Kapuzenshirt an und weil meine Haare noch nass vom Duschen waren, hatte ich mir die Kapuze über den Kopf gezogen. Klar, er hielt mich für einen Atomkraftgegner, den er im Blick behalten wollte.
16.000 Polizisten waren bundesweit wegen des Castor-Transports im Einsatz. Viele von ihnen auch in Lüneburg. Seit Tagen zeigen sie Präsenz, vor allem entlang der Bahngleise. Gestern Abend kreisten stundenlang Hubschrauber über unserer Stadt.
Der Protest ging jedoch größtenteils an mir vorbei. Leider. Ich war weder Samstag noch Sonntag tagsüber in Lüneburg und hatte mich im Vorfeld auch nicht über die Aktionen informiert. Ich kam gestern Abend erst um 18.30 Uhr wieder am Bahnhof an. Bis auf einen Polizeiwagen war nichts Auffälliges zu sehen. Und so las ich erst heute Morgen in der Zeitung, dass der Castor knapp zwei Stunden nach meiner Ankunft, nämlich um 20.20 Uhr, am Lüneburger Bahnhof ankam. Rund 100 Demonstranten erwarteten den Zug mit Pfiffen - ich wäre gern dabei gewesen und ärgere mich, dass ich mich nicht besser informiert hatte.
Doch ansonsten kann man sich über mangelnden Protest nicht beklagen. Gestern haben in Gorleben 15.000 Menschen gegen Atomkraft demonstriert. Eine Gruppe junger Leute hatte es geschafft, den Transporter schon kurz hinter der deutsch-französischen Grenze fast 12 Stunden aufzuhalten. Sie hatten sich an die Gleise gekettet - aber wie. Ihre Arme waren in einem Betonblock fixiert, der im Gleisbett versteckt war. Es dauerte elfeinhalb Stunden, um die Fesseln zu lösen.
Beeindruckt hat mich auch die 71-jährige Frau, die den Demonstrationen nicht mehr gewachsen ist und sich deshalb mit einem Protestschild alleine an die Straße stellte - so lange ihre Kraft dafür reichte.
Beim nächsten Mal bin ich dabei, das habe ich mir fest vorgenommen. Und so lange protestiere ich auf andere Art: mit dem atomfreien Öko-Strom, der aus meiner Steckdose kommt.
Irgendwann
wird auch unsere Regierung verstehen, dass wir keinen Atomstrom wollen!
Monika, ich bin dabei! Nächstes Jahr stehen wir beide mit Protestschild an der Castorstrecke!
Ich kann gut nachfühlen, was du erzählst. Dass die Bedrohung erst so richtig real wird, wenn der Transport an der eigenen Haustür vorbeifährt. Umso großartiger finde ich es, dass nach wie vor so viele Leute gegen den Castortransport demonstrieren (jedenfalls, so lange sie es friedlich machen, für Krawallmacher habe ich wenig Verständnis). Denn bei sich stetig wiederholenden Ereignissen neigt der Mensch ja auch gern dazu abzustumpfen. Ich nehme mich da nicht aus.
Wie wichtig die Proteste sind, zeigen übrigens auch neueste Erkenntnisse von Greenpeace: Die Umweltaktivisten haben den Zug mit einer Wärmebildkamera fotografiert und stellten eine sehr viel höhere Wärmeentwicklung fest als in den vergangenen Jahren. Das liegt wohl daran, dass in den Atomkraftwerken immer öfter das hoch angereicherte Uran 235 verwendet werde, das die Leistung des Kraftwerks steigere, aber auch zu mehr Radioaktivität führe. Laut eines Greenpeace-Atomexperten ist die Fracht "radioaktiver als alle bisher nach Deutschland gebrachten Abfälle".
Die Wärmebilder könnt Ihr hier anschauen: http://www.greenpeace.de/themen/atomkraft/nachrichten/artikel/heisse_fracht_fuer_gorleben-1/
Kommentiert von:Michèle | Montag, 10. November 2008, 10:32 Uhr
Hallo Monika,
eigentlich sollten wir alle hingehen, denn es ist ein unmöglich wie dort mit radioaktiven Müll umgegangen wird. Erkundige Dich doch mal nach dem sog. Zwischenlager! Das ist eine grüne Halle, direkt an der Straße gelegen, kein Salzstock so wie immer gesagt wird.
Grüße Victoria
Kommentiert von:victoria | Montag, 10. November 2008, 11:21 Uhr
Liebe Victoria,
stimmt, da gibt es auch einen sehr interessanten Artikel darüber:
http://www.kulturelle-landpartie.de/index_II.php?gelinkt=3&type=.html
Fand ich auch schockierend, als ich das gelesen habe...
Viele Grüße
Monika
Kommentiert von:Monika | Montag, 10. November 2008, 11:30 Uhr
Ja, sehr interessant und sehr schockierend!
Und mittlerweile wird Strom aus Atomkraft ja schon als CO2-neutral, ergo umweltfreundlich, angepriesen.
Ich könnt' k....!
Kommentiert von:Ulrike | Montag, 10. November 2008, 12:56 Uhr
Ich hab erstmal lang recherchiert, bevor ich mich zu Wort meldete, will ja nichts Falsches veroeffentlichen. Aber hier in Frankreich hab ich offiziell davon nichts zu hoeren oder zu lesen bekommen, obwohl der Transport ja aus Frankreich kommt. Wenn man lange sucht, landet man auf privaten Internetseiten oder Seiten kleiner Gruppen, die sich "Dissidenten" oder aehnlich nennen, und dann erfaehrt man beispielsweise, dass der Zug Luenburg passiert hat und welche Aktionen es gab. Ansonsten ist Atommuell ausser Landes kein Thema.
La Hague ist zwar Thema, aber regional begrenzt, Greenpeace kuemmert sich, und da gibt es zum Beispiel die "mères en colère", also die wuetenden Muetter, aber das bleibt alles schoen regional begrenzt.
Aber, wie schon mal irgendwo hier gesagt, selbst beim ersten franzoesischen Umweltgipfel Grenelle, vor genau einem Jahr, war Ausstieg aus der Atomenergie nicht mal angedachtes Thema! In Frankreich gibt es fast ausschliesslich Atomenergie, es gibt keine Alternativen, die drei Windmuehlen, die irgendwo rumstehen, beliefern vielleicht eine Parkuhr mit Energie... dahinter steht eine gigantische Industrie, eine Lobby... und in der breiten Bevoelkerung gibt es kein Bewusstsein fuer einen Ausstieg. Hier glauben alle, dass es nur so geht. Atomenergie ist saubere Energie und Frankreich ist autonom. Hauptsache, das Licht geht an, wenn ich auf den Schalter druecke...
Kommentiert von:Christiane | Montag, 10. November 2008, 13:26 Uhr
Hallo Christiane,
super, dass du uns immer wieder die Situation in Frankreich aufzeigst. Finde ich total spannend. Ich hätte solche gewaltigen Unterschiede im Umgang mit dem Thema nicht erwartet. Wo wir Tschernobyl doch alle mitbekommen haben...
Liebe Grüße
Monika
Kommentiert von:Monika | Montag, 10. November 2008, 13:56 Uhr
Zum Thema eine kleine Geschichte: In der letzten Woche zappte ich abends im Fernsehprogramm und landete zunächst in einer Wissenschaftssendung in einem der dritten Programme. Da wurde eindeutig bewiesen, dass Gorleben alles andere als sicher ist. Anschließend wechselte ich dann in ein anderes drittes Programm zur Sendung des Kabarettisten Pelzig. Der hatte den CSU-Söder eingeladen und der Herr behauptete steif und fest, dass es nichts Sichereres als Gorleben gäbe. Sehr vertrauenserweckend, nicht wahr?
Kommentiert von:Eva 2 | Montag, 10. November 2008, 16:37 Uhr
Und die versammelten Besserwisser hier, die sich vor allem auf tendenziöse Informationen von Greenpeace beziehen, ohne auch wissenschaftliche Erkenntnisse von Physikern einzubeziehen, sind sicherlich Fans von Barack Obama, nicht wahr? Frankreich vs. Deutschland ist nicht halb so spannend, wie der Unterschied, den der Umgang mit Atomenergie in den USA macht. Barack Obama hat sich auch für den Bau mehrerer neuer Atomkraftwerke ausgesprochen, weil Atomstrom in den USA als absolut - und von vielen Seiten wissenschaftlich gestützt - alternativlose umweltschonende Variante gesehen wird. Nein, es sind dieses Mal nicht die Republikaner, nein, die Demokraten sehen es (auch) so... Ein Nachdenken wert?!
Kommentiert von:Lena | Montag, 10. November 2008, 21:42 Uhr
@Besserwisser-Lena: Alles kann man(n) eben nicht haben.
Fast jedes Land hat so seine Probleme mit der Energie. Österreich wird ja immer als die Insel der Seeligen hingestellt. Nur wir lieben Österreicher machen ganz einfach die Augen ganz fest zu und schon gibt es (fast) kein Problem mehr. Wir haben uns zwar gegen einen fertig gebauten Atomreaktor ausgesprochen (was ich super finde) - konsumieren aber recht fleissig den Automstrom aus den Nachbarländern. Im Protestieren gegen diese Atomreaktoren in den Nachbarländern sind war dann auch wieder ganz gut.
@Monika: Heute stand in einer Tageszeitung ein langer Artikel über den Mülltransport. Es wurde auch die erhöhte Strahlung erwähnt.
Kommentiert von:Trixi | Dienstag, 11. November 2008, 9:07 Uhr
Habt ihr eigentlich eine Ahnung was diese Proteste den Staat (also UNS) an Geld kosten?? Meiner Meinung nach absolut rausgeschmissenes Geld, da es ja nicht die Atomindustrie trifft sondern UNS! Viel wirkungsvoller ist es doch, seinen Energiebedarf über Ökostrom etc. zu decken...machen hier bestimmt auch schon einige...und das ist ja auch das einzige Mittel, das dann wirklich den Gegner trifft! Mensch, seit doch nicht blöd...;-)
LG Judith
Kommentiert von:Judith | Dienstag, 11. November 2008, 9:11 Uhr
@Judith
Kostet wahrscheinlich auch nicht mehr als die Banken zu retten, die sich gerade mal verzockt haben ;-)
Diese Proteste sind sicher nicht "zielführend" im eigentlichen Sinne, aber zumindest sorgen sie dafür, dass das Problem, nämlich die Entsorgung des Mülls, präsent bleibt. Und die Leute, die in unmittelbaren Nähe des Atommüllagers wohnen, kann ich erst recht verstehen.
Allen, die absolut Pro-AKW sind, sei doch empfohlen, einfach in der Nähe eines AKW oder eines Mülllagers zu wohnen, weil das ja alles absolut harmlos, sicher und sauber ist. Komischerweise wollen das auch die vehementesten Befürworter dann doch lieber nicht. Und komischerweise wollen die die Betreiber ihren eigenen Müll nicht bei sich lagern, sondern lieber gaaanz weit weg.
Kommentiert von:Ulrike | Dienstag, 11. November 2008, 9:27 Uhr
Ich kann Euch (fast) allen nur zustimmen. Vor allem Ulrike. Ja, die Befürworter wollen auch nicht neben dem AKW oder dem Zwischenlager wohnen. Komisch.
Die Kosten, die durch die Proteste entstehen, sollen ja den Demonstranten in Rechnung gestellt werden:
http://www1.ndr.de/nachrichten/dossiers/atomkraft/gorleben134.html
So hätte es jedenfalls der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) gern. Das wäre ja noch schöner! Der will wohl das Grundgesetz demontieren. Denn das würde ja bedeuten, dass man seine Meinung nur noch frei äußern darf, wenn man für die Kosten bezahlen kann.
Ich habe übrigens neulich eine interessante Doku über französische Atomwaffentests auf Polynesien gesehen. Bis 1996 haben alle französischen Präsidenten Testserien auf den Atollen Mururoa und Fangataufa durchgeführt, um die Force de Frappe zu vervollständigen. Die Bewohner der Inselgruppen wurden den Strahlenrisiken und dem nuklearen Fallout ausgeliefert - alles, um Frankreich im Kreise der Supermächte zu etablieren. Die französische Regierung war von Anfang an über die Strahlenrisiken auf dem Mururoa-Atoll genau informiert. Trotzdem weigerte sie sich, die Bevölkerung der betroffenen Inseln zu evakuieren. Schlimm, wie arrogant sich die frz. Regierung benommen hat...
Falls der mal wieder läuft, schaut ihn Euch an.
http://www.arte.tv/de/Das-Zeitalter-der-Bombe/2130864.html
Kommentiert von:raubtigger | Freitag, 14. November 2008, 12:41 Uhr