Der Mitleidstsunami!
Da war er wieder, der Mitleidstsunami. Schwappte einfach so daher, überrollte mich mit seiner Flut und begrub meinen Geist für einige Sekunden unter seiner feuchtschleimigen Wucht. Und das nur, weil ich gestern ein wenig schlechter zu Fuß war als sonst und schlampig meinen linken Fuß schlurfen ließ.
Dieser Sturm, der da über mir brauste wollte gestillt werden, schrie nach Trost und verpackte ihn in Mitleid. Etwas, das schon lange nicht mehr passierte und mich, wie ich feststellte, nach wie vor auf die Palme bringt.
Vor Tsunamis rettet man sich, so erfuhr ich aus dem TV, indem man sich an Plätze begibt, die erhöht liegen. Gut, es kam in diesen Dokus nicht vor, dass man mit Kokosnüssen werfen soll, aber die Palme, auf die ich mich in diesem Moment wirklich begab, war hoch genug, um den Überblick zu kriegen und da hingen Kokosnüsse, die man entweder aufbewahren oder auch für Verteidigungszwecke nutzen konnte.
Ich hätte ja gedacht, ich könnte mittlerweile diese Fluten von Mitleid ab und stellte fest, dass ich es nicht ganz kann. Besonders, wenn sie eben betont feuchtschleimig sind und eigentlich Trost einfordern. Quasi den Rettungsring mit dem ich denjenigen dann an Land ziehe. Wie anstrengend! Etwas, das ich nicht leisten kann und eigentlich auch nicht leisten möchte.
Es ist ein Trost, den ich in diesen Momenten nicht zu geben bereit bin, besonders, wenn es nicht die erste, sondern die x-te Begegnung mit besagtem Menschen ist, dem die Fakten bekannt sind und dem auch klar ist, dass Mitleider und Problembackmischungsbäcker immer noch keinen Platz in meinem Leben kriegen.
Also saß ich auf meiner Palme, zauberte eine sanfte Brise, wirbelte ein wenig, rüstete mich mit Kokosnüssen, warf einige davon zur Probe in Form von "Ach komm, es gibt Schlimmeres" und "Hör auf jetzt, ich leb noch!" oder auch "Du kennst mich doch und weißt, dass ich das auf jeden Fall überleben werde!" und überlegte einen Moment, was ich tun sollte. Ausflippen? Dagegenschreien? Ärgerlich auf den Tisch hauen? Still einen Abgang machen? Laufen? Streusplitt auswerfen, damit ich nicht ausrutsche? Noch mehr Kokosnüsse abwerfen und noch deutlicher werden?
Es schwappte und wabberte und platschte und klatschte, während ich ruhig, freundlich und sogar annähernd diplomatisch ein Statement von mir gab:
"Schätzchen, ich bin nicht arm. Im Gegenteil. Ich werde geliebt, habe ein tolles Leben, Spaß und kann mir meine Zeit so einteilen, dass ich meine Kräfte nicht überfordere. Da sind viele Freunde, die mich so nehmen wie ich bin und nicht ausschließlich das "Elend der Krankheit" sehen, sondern den Menschen. Und damit solltest du auch endlich anfangen. Denn erst lebe ich, dann bin ich krank!"
Dann ging ich. Verabschiedete mich still von diesem Menschen, ließ ihn los und weiß heute, dass es richtig war, innerlich einen Haken an die Sache zu setzen.
Etwas, das gerade in meine Zeit passt. Ich räume immer noch auf, miste aus und betrachte alles ganz genau. Mittlerweile haben einige Kartons mit Krimskrams das Haus verlassen, Herzblatt ist verwundert und ich fühle mich mit jedem Stück, das ich abgebe, extrem erleichtert und besser. Mein persönlicher Raum wächst und neue Ideen haben Platz und Menschen ziehen ein, mit denen man Spaß haben kann, die wie eine sanfte Brise im Leben wehen, manchmal mit mir wirbeln und manchmal für einen Augenblick diesen windstillen Moment genießen, in denen einfach nur die Sonne scheint. Menschen, die auch erst leben und dann den Rest passieren lassen.
Lebendige Grüße
Birgit
lächel ... fein :) ... ich werfe schon seit vielen jahren (auch schon, als ich noch nichts von meiner suse wußte) menschen aus meinem leben, die mir nicht guttun. und immer wenn ich dies gemacht hab oder aber noch immer tue, werde ich komisch und fragend angeguckt. mein mann hat mittlerweile begriffen, das ich da sehr konsequent bin und er diese dann alleine am hals hat (und mir dann die ohren anschließend vollstöhnt ;) ) aber hier bin ich mionenmal so egoistisch wie ich nur sein kann. denn ich mag die menschen nicht, die mir kraft und energie und letztendlich auch lebensfreude klauen, nur weil sie nicht in der lage sind, überhaupt den tellerrand zu sehen -soifz-
ich drück dich lieb
bini.
Kommentiert von:bini. | Freitag, 5. März 2010, 17:39 Uhr
Stimmt schon. Was mich nur an mir selbst erstaunte war, dass ich mich immer noch beeindrucken lasse. Ich hatte eigentlich geglaubt, dass ich es hinter mir hätte. Aber die kommen so unvermittelt und vermitteln einem gleichzeitig das Gefühl, man müsse sie trösten und sie aus Jammertal ziehen. Und was mich wirklich nervt ist als "arm" bezeichnet zu werden. Da werde ich aggressiv. Manchmal. Manchmal auch nicht, weils einfach nicht lohnt!
Ich drück dich auch!
Birgit
Kommentiert von:Birgit | Samstag, 6. März 2010, 11:22 Uhr
oh ja, das mit dem trösten kenn ich ... damals als mein norbert die diagnose krebs bekam und ich die liebe verwandschaft zwangsweise informieren mußte, weil ich alleine zu einer beerdigung kam - ging nicht anders, weil er noch im kh mit seiner chemo damals kämpfte - ... boah neee, einen hab ich nur fragend angeguckt, geschluckt und ihn dann gefragt, was er wohlt meint, wie es uns ginge und das ich nicht die richtige bin, um ihn angesichts der nachricht zu trösten. DEN blick hättest du mal sehen sollen - der war echt genial und wenns nicht so tragisch gewesen wäre, hätte ich wohl mich auch echt kringelig gelacht ... ja, so sind sie die armen mitmenschen ... sie betrifft es nicht, aber sie leiden mionenfach bei solchen nachrichten und haben keine ahnung. obwohl einige auch einfach nur betroffen reagieren, weil sie gar nicht wissen, wie sie reagieren sollen ... nu ja ... energieklauer schmeiss ichaus meinem leben und ja, auch mich überrascht es noch so hin und wieder, wie sehr mich so ein zusammentreffen mitnimmt ... nu ja ... wir sind halt menschen und keine maschinen
arm sind wir nicht, ganz gewiss nicht -lächel- sowas sagen menschen, wenn sie uns eigentlich beneiden -nicht um die erkrankung- sondern um unsere gelassenheit und freude am leben :)
zurückdrück :)
Kommentiert von:bini. | Sonntag, 7. März 2010, 3:18 Uhr