Mein Leben mit MS

Vor einigen Jahren bekam Birgit Bauer die Diagnose Multiple Sklerose. Im Blog berichtet sie, wie die Krankheit ihren Alltag verändert.

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Risiken und Nebenwirkungen: Langsamkeit

Früher liebte ich die Überholspur im Leben. Alles hatte schnell zu passieren und ich wurde zum Trotzkopf, wenn dem nicht so war. Mich ärgerte es, wenn der Rest der Welt mal wieder mein Tempo nicht halten konnte und ich bockte. Kleinkindreaktion. Sage ich heute dazu, denn, manchmal schadet es gar nicht, sich der Langsamkeit hinzugeben und vielleicht einfach genauer hinzusehen ...

Man übersieht nämlich erstaunlich viel, wenn man nur darüberfliegt. Über das Leben an sich und das, was sich darin abspielt.

Als Fräulein Trulla hier mit Sack und Pack vor der Türe stand, trat sie auch auf meine innere Bremse. Und zwar voll. Zog mich mit einem gefährlichen Zug am Lenkrad meines Lebens von der Überholspur auf die Flurbereinigungsstrasse und parkte mich da. Quasi.

Mein erstes Gefühl war, dass ich etwas verpassen könnte. Das Leben verpassen. Ich! Geht nicht. Aber mein Motor war nicht dazu zu bewegen, anzuspringen. Die Zündung war lahmgelegt. Da stand ich also mit dem Gefühl, ausgegrenzt worden zu sein. Vom Leben selbst und ich haderte gewaltig. Ich schimpfte und spuckte und kam irgendwann dann doch zu der Einsicht, dass ich gar nichts tun konnte. Meine einzige Alternative war, mich der Langsamkeit anzunähern und zu sehen, was passierte.

Es war sehr spannend. Der erste Schritt war, mich einzurichten, es mir gemütlich zu machen. Sprich: Mir selbst Gutes zu tun und zu lernen, dass ich eigentlich ein ganz eigenes Tempo hatte, das mir langsam gefiel. Festzustellen, dass ich gar kein Raser bin, sondern jemand, der gerne genauer hinschaut und deshalb manchmal ein wenig langsamer ist, war stark. Ich hatte mir eigentlich immer ein Tempo aufzwingen lassen. Vom Leben und von der Gesellschaft, die immer laut, schnell und auf der Überholspur lebt.

Ein Umstand, den ich schade finde, man verpasst das, was am Rand und das doch so wichtig ist. Man fokussiert nur das Tempo und den Blick nach vorne und scheint mit Scheuklappen ausgestattet, was das Nebeneinander und die Aufmerksamkeit betrifft. Ich begann, Dinge noch genauer wahrzunehmen und stellte fest, dass ich das Tempo meiner Kindheit wiedergefunden hatte. Ich war nicht immer das schnellste Kind, weil ich mich umsah und genauer hinschauen wollte. Gut, manchmal träumte ich mich auch weg, aber eigentlich lebte ich als Kind in meinem Tempo. Nahm war. Schaute hin und bemerkte. Ich war wesentlich achtsamer und umsichtiger und ich hatte diesen kleinen Schatz, der manchen Erwachsenen in den Wahnsinn trieb, wieder. Und ich verstand endlich.

Diese Entschleunigung tat meiner Fantasie gut, meiner Kreativität und vor allem kam es der MS entgegen. Die Krankheit wird passiver und macht sich weniger bemerkbar. Ich bin in meinem Tempo wesentlich entspannter und beschwerdefreier.

Dazu kommt, dass die Welt auf einmal wesentlich spannender und bunter wird. Da ist Zeit, kleine Dinge wahrzunehmen und ins Auge zu fassen. Am prägnatesten fand ich es beim Lesen. Egal, ob Briefe, Emails, Bücher oder Berichte, ich nahm mehr wahr und las weniger quer. Das Blöde ist, dass es mir zunehmend auffällt, wer zu schnell lebt. Nämlich immer dann, wenn Informationen nicht mehr ankommen. :-)  Die Langsamkeit ermöglicht mir, mehr aufzunehmen und das kann gar nicht so verkehrt sein oder?

Was dazu kam, war der Umstand, dass ich produktiver wurde. Ideen und Konzepte schneller umsetze, als manch einer, der auf der Überholspur lebt. Ich muss nicht überall sein und ich muss nicht überall mitreden, aber da wo ich bin und wo ich mitrede, da bin ich ganz und sehr aufmerksam. Und das tut mir gut, weil auch meine Menschenkenntnis und mein Urteilsvermögen mit der Langsamkeit mehr als gewachsen ist.

Es schadet also überhaupt nicht, eine kurze Pause zu machen. Sich der Entschleunigung hinzugeben und zu bemerken, dass da doch immer noch mehr ist.  Mehrwert durch Langsamkeit. Hat was. Oder?

Herzliche Grüße

Birgit

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