Mein Leben mit MS

Vor einigen Jahren bekam Birgit Bauer die Diagnose Multiple Sklerose. Im Blog berichtet sie, wie die Krankheit ihren Alltag verändert.

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Allerheiligen

Ich gebe zu, ich mag diese Tage nicht. In den Geschäften sieht man vorzugsweise Grabgestecke und in den Geschäfteln steigt der Umsatz für dunkle Jacken und Mäntel sprunghaft. Der Tag der Tage im Herbst naht. Allerheiligen.

Den Tag selbst gibt es seit 835. Am 1.11. selbigen Jahres wurde von Papst Gregor IV endgültig auf den 1. November festgelegt, um einen festen Tag im Kirchenkalender zu haben, an dem man aller Heiligen gedenken konnte. (Quelle Wikipedia)

Allerheiligen, ein Gedenktag. Ein Tag, den man zur inneren Einkehr nutzen könnte, denn es ist ein so genannter stiller Feiertag. Er ist leise, vielleicht ein Stück weit besinnlich und doch ...

... doch ist er so voll. Man stopft ihn voll. Mit dem neuesten Mantel, einem aufgemotztem Hut und dem Wettstreit darüber, welcher Gipsengel wohl mit dem Grabschmuck des Nachbarn konkurrieren könnte. Es werden Kleiderordnungen ausgegeben und alle Welt macht sich auf dem Weg, um an einem Grab zu stehen, das man wirklich nur an diesem einen Tag besucht, weil mans halt schon immer so gemacht hat.

Was an Gräbern passiert, ist aber alles andere, als stille Einkehr oder Gedenken. Fritzi würde lieber mit seinem neuen Gameboy daddeln, während Mama ihm die Nase putzt, Lisa smst heimlich ihrem Freund über die öde Veranstaltung und Tomi hört heimlich Musik. IPod lässt grüssen. Der kleine Leo scharrt mit den Füssen im Kies vor dem Grab und überlegt, ob er seinen neuen Galaxiekämpfer mal eben auf die Nachbarin loslässt, die gerade über die Familie von Grab 125, im rechten Planquadrat links lästert, weil sie nur ein kleines Blumengesteck hat. Dass sie Hartz IV Empfänger sind, ist ja ok, aber den Toten hätten sie wenigstens ordentliche Blumen spendieren können.

Allerheiligen ist in  meinen Augen kein Gedenken mehr. Es ist ein Wettstreit. Die Diszipline: der schönste Mantel, der skandalträchtigste Lippenstift, das kleines Blumengesteck, die schlechteste Frisur und der kleinste Menschenauflauf. Sehen und gesehen werden. Sahnetorten und aktive Gesprächsrunden nach dem Gräbergang sind der Startschuss für den Abschuss. Wenn alles durchgehechelt ist, gehen sie nach Hause. Vergraben sich wieder in ihren Leben und haben an eins nicht gedacht: Diejenigen, die dort auf dem Friedhof sind, die dort bleiben und derer gedacht werden sollte. Sie haben sich nicht liebevoll erinnert, sondern sich auf Äußerlichkeiten konzentriert. Waren bedacht, als die Besten dazustehen.

Traurig, wenn man solche Beweggründe hat, einen lieben Menschen, der bereits verstorben ist, zu besuchen. Und noch trauriger, wenn das Maß aller Dinge an Oberflächlichkeiten manifestiert wird, die man dann in moralischer Form vor versammelter Mannschaft offen anspricht, um so bereits für das nächste Jahr vorzubauen.

Ich werde heute meiner Lieben mit einer Kerze im Fenster gedenken, meinen verstorbenen Großmüttern und Tanten den Weg zu mir weisen. Ich werde einen ruhigen Spaziergang machen und mich mit Freude erinnern, was sie mir schenkten. Denn das ist eine Menge. Talente, Fähigkeiten und liebevolle Gedanken. Ich bin der Meinung, dass das intensiver und wertvoller ist, als mich bibbernd und unter Aufsicht der Jury um eine Grabstelle zu drapieren, die doch nur dafür genutzt wird, mich auf Herz und Aussehen zu prüfen und Vergleiche darüber anzustellen, wie ich mich verändert habe. Denn das kommt dazu: Man checkt immer, ob man MS in Form von Äußerlichkeiten sehen wird. Und das ist unangenehm.

Den Allerheiligenstrietzel backe ich auch. Süßer Hefeteig mit Zuckerguß. Ein Brauch, den es immer noch gibt. Der Strietzel wird vom Firmpaten ans Firmkind übergeben und der sehr lecker schmeckt.

Haben Sie einen ruhigen Allerheiligentag. Und denken Sie dran: Nicht das Aussehen zählt. Der Gedanke machts aus!

Stille und friedliche Allerheiligengrüße

Birgit

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Kommentare

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Huch! Ist das wirklich jetzt so kommerziell geworden? Bei Weihnachten z. B. kennt man das ja schon lange, aber.... Allerheiligen!?! Man kann auch alles verhuren, um einen Gewinn herauzuschlagen. Das ist eigentlich ein eigenes Trauerspiel, und passt somit wieder zum Feiertag.

Ich kann mich noch dunkel an die Allerheiligen meiner Kindheit in Deutschland erinnern. Meine Oma mochte den Feiertag nicht. Im Radio kam nur Kirchenmusik, im Fernsehen auch nix Gescheites. Fuer mich war es nur ein Tag ohne Schule, das war die Hauptsache.^^ Wir gingen auch immer auf den Friedhof, die Eltern meiner Oma (die ich nicht gekannt hatte) "besuchen". Das taten wir aber auch zu anderen Zeiten im Jahr. Und ja, man sah mehr Leute auf dem Friedhof als sonst, aber... so einen kommerziellen Affenzirkus wie du ihn beschreibst haette man sich nicht vorstellen koennen. Nein, die Menschen waren ziemlich still und wuerdevoll. Aber das war in den 60er und 70er Jahren. Und heute? Friedhof als Disneyland ist wohl die Devise heute. Die Menchheit hat offenbar vor nichts mehr Respekt. Nur noch vor Geld. Uebel.

Hi Hsm,

ich kenne den "dunklen" Allerheiligentag auch noch so. Für uns Kinder gabs immer den Allerseelenwecken und der war klasse. Klar war der Tag langweilig und zu still, aber trotzdem, man selbst wurde auch irgendwie ruhiger. Beschäftigte sich mehr auf ruhige Art und Weise.

Ich erinnere mich immer noch mit Grausen an den so genannten Mantelsonntag. Der war immer Ende Oktober, kurz vor Allerheiligen. Und die Umsätze in Sachen "Gräbergang", die waren immer ziemlich gut.

Schade, ich hätte einigen Menschen, die ich kenne und die Wert auf "ordnungsgemäßes" Erscheinen legen, den Hauch innere Einkehr gegönnt, den ich gestern hatte. Und er tat gut.

Liebe Grüße
Birgit

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