Alice wirbt für "Bild" oder: Von der Heldin zur Hure
Ich weiß, das liest sich hart. Aber es beschreibt meine Empfindungen ziemlich genau. Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Alice Schwarzer macht jetzt Werbung für "Bild". Ein Plakat mit ihrem Konterfei hängt an Deutschlands Bushaltestellen, Text: "Jede Wahrheit braucht eine Mutige, die sie ausspricht." Mutig, das ist Frau Schwarzer wohl. Aber für mich jetzt leider auch: eine mutwillige Zerstörerin des eigenen Ansehens...
Wie kann sich eine Feministin (das schreibt sich bereits schwer) ihres Ranges mit einem Blatt ins Bett legen, das die Ziele, für die sie sich mit vielerlei Mittelchen und Wegen einsetzt, mit Füßen tritt? Einem Blatt, das sich gern über Frisuren von Politikerinnen auslässt, oder sie zurück an den Herd ruft...
Auf ihrer Website erklärt Alice Schwarzer, warum sie sich zu dieser Kampagne bereit erklärt hat: "Ganz einfach, weil ich finde, dass es nicht schaden kann, wenn in so einer Runde - von Gandhi bis Willy Brandt - auch mal eine Frau auftaucht. Und eine sehr lebendige noch dazu."
Diese Begründung hat mir den Atem verschlagen. Erstens, weil die von "Bild" verwendeten Männer nicht sehr lebendig, sondern überaus tot sind und sich nicht gegen ihre Vereinnahmung wehren konnten. Besonders pikant ist die Verwendung des Brandt-Motivs, das den damaligen Bundeskanzler beim Kniefall in Warschau zeigt. Den Kniefall hatte die "Bild" einst scharf als Verrat an Gott attackiert, wie man bei Bildblog nachlesen kann - jetzt wird das Motiv zu Werbezwecken eingesetzt. Wahrheit, Integrität, Mut? Von wegen. Eine überaus verlogen arrangierte Reihe, in die Frau Schwarzer sich da einreiht.
Zweitens, weil diese Begründung für mich eine Ekel erregende Selbstzufriedenheit atmet. Ich lese daraus nämlich: "Hey Leute, habt euch nicht so, vergesst doch mal einfach diesen ganzen Ideologiequatsch. Seht mich an, wie ich mich in eine Reihe großartiger Männer einreiche, einfach so, ganz frech, und denen da draußen mal zeige, ..." Ja, was nur? Etwa, dass "Bild" und "Wahrheit" Blutsgewister sind? Von wegen, "es kann nicht schaden", Frau Schwarzer!
Dass ihr "Bild"ungseinsatz Irritationen auslösen würde, konnte Alice Schwarzer sich natürlich vorher ausrechnen, und schickt ihrer Online-Erklärung noch folgendes hinterher: "Übrigens: Das Honorar geht direkt an drei Projekte, die muslimischen Mädchen in Not helfen." (Allein schon dieses anbiedernd-aufmüpfige "übrigens"!) Die Spende hilft hoffentlich den Mädchen, aber dem Ansehen von Frau Schwarzer wohl kaum. Sabine Vogel beispielsweise rechnet in der heutigen Ausgabe der Berliner Zeitung hart mit der Feministin ab. Die Journalistin zitiert genüsslich viele Peinlichkeiten und Entgleisungen, und findet, Alice Schwarzer habe mit der "Bild" endlich eine passende Heimat gefunden. Am Ende ihres Artikels schreibt sie: "Wer sich über Schwarzers opportunistische Biegsamkeit aufregt, hat weder die Aufweichung der traditionellen Ideologiefronten verstanden, noch wie Werbung funktioniert."
Das mag sein. Trotzdem, ich bin entsetzt und enttäuscht. Vielleicht fehlt mir einfach die nötige Portion Zynismus? Ich wünschte mir, Alice Schwarzer hätte ihren Weg nicht gar so erbarmungslos fortgesetzt, wie mit dieser Aktion.
Danke für diesen wunderbaren Beitrag, liebe Wiebke. Und: sei froh, dass du nicht zynisch bist. Zyniker haben wir genug in diesem Land. Menschen mit klaren Verstand und warmem Herzen dagegen sehr wenige.
Ich freue mich schon auf deine nächste Sichtweise!
Lieber Gruß von Renate
Kommentiert von:Renate | Freitag, 13. Juli 2007, 13:19 Uhr
Mein erster Gedanke war, als ich die Plakate sah - der arme Willi Brandt, der kann sich nicht mehr dagegen wehren, so vereinnahmt zu werden. Um so erstaunter war ich, auf dem nächsten Plakat Frau Schwarzer zu sehen. Ihre Glaubwürdigkeit hat damit noch ein paar Kratzer mehr abbekommen. Unter mutigem Feminismus verstehe ich etwas anderes.
Kommentiert von:Ganni | Freitag, 13. Juli 2007, 14:27 Uhr
Wer oder welche Werbung macht, sagt damit aus, dass er oder sie die Marke gut findet und läuft dabei auch Gefahr ihre oder seine Glaubwürdigkeit zu ruinieren, wenn die Marke nicht mit der Grundaussage der werbenden Person übereinstimmt. Auch Jean Pütz, der Hobbytheker, ist dafür ein Beispiel. Erzählte er eben noch, wie wir Milchprodukte selber machen können, preist er jetzt das Fertigprodukt einer Firma an, die obendrein ein Paradebeispiel für verantwortungslose Unternehmenspolitik ist. Frau Schwarzer ist eine ungleich mächtigere Person als Jean Pütz, daher muss sie umso mehr aufpassen, was sie sagt und tut, und dass Sagen und Tun dasselbe bleibt. Hätte Frau Schwarzer auf ihrer Webseite wirklich die Wahrheit gesagt, nämlich, dass die Bildzeitung zur Volksverdummung beiträgt, hätte ich sie bewundert für diesen brillanten Schachzug.
Wahrscheinlich wird die Sache folgenlos bleiben, denn die Bevölkerung wird immer unpolitischer. Den Meisten ist das schlichtweg egal oder sie würden es genauso machen. Werteverfall drückt sich darin aus. Anstand Fehlanzeige. Geldgier und Konsum allenthalben.
Der Artikel der Berliner Zeitung allerdings schüttet das Kind mit dem Bade aus (Sollen da alte Rechnungen beglichen werden?). An diesem Beispiel wird deutlich, wie wenig verstanden wird, was es bedeutet, für Frauen Partei zu ergreifen (das nennen sie auch "Feminismus"). Völlig zurecht weist Frau Schwarzer daraufhin, dass Toleranz seine Grenzen hat. Nämlich dann, wenn die Hälfte der Bevölkerung unter einen Sack gesteckt und entrechtet wird, wenn Genitalverstümmelung, Vergewaltigung, Ehrenmorde etc. mit den Argument gerechtfertigt werden sollen, dass die Religion es so will oder dies kulturbedingte Bräuche sind. Das Kopftuch ist natürlich nicht mit dem Judenstern vergleichbar, da hat Frau Schwarzer auch ziemlich daneben gehauen, aber es ist der sichtbare Ausdruck für Unterdrückung bzw. Selbstunterdrückung der Frauen. Weltweite Aufklärung tut Not, welche Mittel das Patriarchat bereithält, wie Frauengehirne gewaschen und wie mit Religion männliche Ansprüche legitimiert werden. Das gilt aber mehr oder weniger ebenfalls auch für das Christentum, Judentum und alle andere Religionen, die einen Gott und seine Propheten als Männer vorstellen.
Dass frustrierte Hausfrauen, dem Artikel zufolge, zu Frau Schwarzers Anhängerinnen gehören, ist eine Halblüge (um nicht zu sagen Halbwahrheit). Frustriert sind viele Hausfrauen, nicht weil sie im Haushalt arbeiten, sondern, weil ihre Arbeit weder bezahlt noch gewürdigt wird. Diese Hausfrauen werden vielmehr von Frau Schwarzer enttäuscht, als dass sie zu deren Anhängerinnen würden, denn Frau Schwarzer vertritt in erste Linie kinderlose Karrierefrauen, wenn sie z.B. die Abschaffung der Witwenrente fordert. Frauen wollen frei und ohne finanziellen oder moralischen Druck zwischen Lebensentwürfen wählen können. Das bedeutet wahre Frauenbefreiung, und nur das wird auch den Kindern gerecht. Der Gebärstreik ist nichts anderes als die konsequente Übernahme der Verantwortung für die eigene Absicherung plus der Verantwortung für die nie geborenen Kinder.
Ich wünsche mir für Frau Schwarzer, dass sie endlich Klarheit und Logik in ihre Ideen bringt und ihr Handeln darauf abstimmt. Sonst läuft sie in Gefahr alle gegen sich aufzubringen, für die sie behauptet sich einzusetzen.
Liebe Renate, Zyniker sind so, weil sie resigniert haben. Weil sie erfolglos mit klaren Verstand und warmem Herzen gekämpft haben für die gute Sache und sogar angefeindet wurden, genau von denen für die sie gekämpft haben. Frauen übrigens sind es, die am unsachlichsten über Feministinnen herziehen. Frauen, die sich gut eingerichtet haben im Patriarchat, entweder einen reichen Mann geheiratet haben, oder selbst so "tough" sind, dass sie meinen, es auch ohne Frauenbewegung geschafft zu haben.
Liebe Grüße
Kommentiert von:Gabi | Freitag, 13. Juli 2007, 17:39 Uhr
Vielen Dank für diesen Artikel und die bisherigen Kommentare - besonders denjenigen von Gabi!
Ich fuhr erst vor einer Stunde an einem Plakat mit Frau Schwarzer vorbei und habe mich gründlich geärgert! Mein Respekt für sie ist momentan gleich Null. Ich kann nur sagen: Pfui Teufel, Frau Schwarzer! Sie haben damit ihre eigene Arbeit und die anderer mit Füßen getreten.
Kommentiert von:Katharina Wörner | Freitag, 13. Juli 2007, 19:06 Uhr
Nun ja. Frau Schwarzer braucht Geld, und Bild zahlt. Da es kaum noch Frauen gibt, die sich von Frau Schwarzer den Unsinn einer angeblichen Benachteiligung der Frau einreden lassen, muss sie eben anders sehen, dass sie an ihre Geld kommt.
Ich muss allerdings gestehen, dass ich - schon aus ästhetischen Gründen - lieber Kate Moss, Haeidi Klum oder Claudie Schiffer als Werbeikonen für Bild an den Wänden gesehen hätte als nun ausgerechnet Alice Schwarzer.
Kommentiert von:Dr. Klaus Schlupp | Samstag, 14. Juli 2007, 7:35 Uhr
Schade, dass ausgerechnet Frauen wieder so undifferenziert und gehässig auf Frau Schwarzer losgehen. Wer ihre Bücher gelesen hat, ihr Leben seit Jahrzehnten mitverfolgt hat, der muss doch wissen, dass es eine intelligente Frau ist, die sehr wohl sehr viel für Frauen erreicht hat, auch für Frauen mit Kindern. Kaum greift eine Frau Iris Radisch in ihrem Buch dieses Argument auf, schon plärren eine Menge Frauen unreflektiert ins gleiche Horn. Bei vielen habe ich das Gefühl sie beschäftigen sich kaum mit den Werken von Frau Schwarzer und beziehen ihr Wissen aus der Bildzeitung. Jeder kennt doch die Meinung von Frau Schwarzer zur Bildzeitung. Als ich ihre Stellungnahme gelesen habe, hat sich meine Verwunderung über ihre Bild-Kampagne wieder gelegt. Solange wir Frauen uns belauern und nur auf Fehler bei den anderen Frauen hoffen und darauf warten, solange werden wir keine wirkliche Gleichberechtigung erreichen, sondern uns nach wie vor nur lächerlich machen. Bei manchen Artikeln und Kommentaren über diese Sache (nicht nur auf dieser Seite) habe ich den Eindruck, dass viele nur darauf gewartet haben, um endlich gegen Frau Schwarzer wettern zu können. Schade, denn mit solch einem Verhalten kann es nie zu Frauenbünden kommen und genau das wäre der nächste wichtige Schritt.
Kommentiert von:Lesende | Samstag, 14. Juli 2007, 10:24 Uhr
Hat schon mal jemand eine Meinung von einem wirklichen Bildzeitungsleser dazu gehört? Ich frage mich, ob die nicht noch mehr befremdet sind.
Kommentiert von:Etcetera | Samstag, 14. Juli 2007, 21:02 Uhr
Hat schon mal jemand eine Meinung von einem wirklichen Bildzeitungsleser dazu gehört? Ich frage mich, ob die nicht noch mehr befremdet sind.
Kommentiert von:Etcetera | Samstag, 14. Juli 2007, 21:37 Uhr
Ich kann dem Blogkommentar nur zustimmen. Mir wird nicht klar, warum jemand für so ein Blatt wie Bild Werbung machen und das dann auch noch als Revolute verkaufen sollte.
Kommentiert von:Ute | Sonntag, 15. Juli 2007, 2:27 Uhr
Alice Schwarzer als Hure zu bezeichnen, nur weil sie Werbung fuer die Bild-Zeitung macht, finde ich ziemlich daneben!!!!!
Und diese Beleidigung kommt auch noch von einer Frau! Es lebe der Zickenkrieg!!!!
Soweit ich weiss, hat die Brigitte auch schon Artikel ueber essgestoerte Frauen veroeffentlicht und trotzdem werden weiterhin Modephotos von ziemlich mageren "Frauen" gezeigt. Soviel zur Doppelmoral!!!!!
Kommentiert von:lisa | Montag, 16. Juli 2007, 16:00 Uhr
Kommentare wie der von Herrn Dr. Schlupp sollten eigentlich allen hier so erbosten Frauen klarmachen, wie unverzichtbar auch 2007 noch alte Kämpfernaturen wie Frau Schwarzer sind. Stattdessen wird ihr von der eigenen Gattung der Krieg erklärt, als hätte sie alle Frauen zurück an den Herd beordert. Verstehe das wer will.
Kommentiert von:Leandra | Dienstag, 11. September 2007, 13:06 Uhr