Rascheln und Rauschen

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Arm trotz Arbeit - weiter so?

Anfang Januar stand ein Hamburger Zimmermädchen in den Schlagzeilen, weil es in einem Fünf-Sterne-Hotel für 2,46 Euro pro Stunde die Betten machte. Antonia H. hieß die Frau - und sie ist längst nicht die einzige in Deutschland, die zu solchen Bedingungen arbeitet. Trotzdem bekommt Franz Müntefering viel Widerspruch, seit er fordert, dass in Deutschland gesetzliche Mindestlöhne eingeführt werden. Selbst der Kommentator der gestrigen Tagesthemen nannte sie "unsozial". 

Sigmund Gottlieb vom Bayerischen Rundfunk sprach diesen >>Kommentar in den Tagesthemen, und wiederholte dabei die Argumentation von CDU-Generalsekretär Ronald Pofalla: Mindestlöhne würden den Beschäftigungsmotor wieder abwürgen, der doch gerade erst angesprungen sei. Sie bedeuteten "weniger Jobs, mehr Schwarzarbeit und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland."

Es sind vorwiegend Frauen, die mit Armutslöhnen abgespeist werden, und für drei Euro pro Stunde Daunenbetten aufschütteln, Haare färben und Teppiche in Vorstandsetagen saugen. Sie arbeiten in Dienstleistungsberufen, die sich nicht so einfach ins billige Ausland verlagern lassen. Schon deshalb scheint mir Pofallas/Gottliebs Argumentation widersinnig. Oder glauben die beiden Herren etwa, dass hierzulande bald keine Friseurinnen mehr arbeiten werden, weil die Salonbesitzer keinen Mindestlohn bezahlen können? Dass wir zum Haareschneiden nach Tschechien reisen müssen, oder alle langhaarig tragen? Glaubt jemand ernsthaft, dass die Betten im Kempinski dann nur noch für jeden dritten Gast frisch bezogen werden, weil die chinesischen Reinigungskräfte noch am Pekinger Flughafen festsitzen? Unsinn.

Vielleicht würden Mindestlöhne dafür sorgen, dass die Nacht im Hotelzimmer, die neuen Strähnchen und das Menü wieder etwas teurer werden, aber das ist der Preis für das bisschen soziale Gerechtigkeit, die Mindestlöhne mit sich bringen. Vor zehn Jahren gab es auch noch keinen Haarschnitt für fünf Euro - und Deutschland ist trotzdem nicht zugewachsen, höchstens mental.

Als ich Anfang der 90er Jahre in den USA für den dortigen Mindestlohn gejobbt habe, haben hier alle die Nase gerümpft: "Jaja, die Amis mit ihrem Turbokapitalismus, die beuten die Leute gnadenlos aus." Doch in den USA gab es damals immerhin schon einen gesetzlichen Mindestlohn von 4,75 Dollar, ein Lohn, von dem hiesige Reinigungskräfte und Frisöre nur träumen können. In den USA wurden bereits 1912 Mindestlöhne eingeführt, viele europäische Staaten haben nachgezogen. Deutschland hinkt mal wieder hinterher und schlägt sich trotzdem mit einer hohen Arbeitslosenquote herum - und mit immer mehr Arbeitsplätzen, die die Menschen, die für uns putzen, schneiden und schrubben, nicht ernähren können.

Wer vom aktuellen Lohndumping profitiert? Kunden und Arbeitgeber. Deshalb müssen Kunden wieder lernen, für Dienstleistungen angemessen zu bezahlen, nämlich so viel, dass derjenige, der die Arbeit ausführt, auch davon leben kann. Und die Chefs und Vorstände der Unternehmen müssen lernen, dass sie den Beschäftigungsmotor womöglich abwürgen, wenn sie sich weiter die Taschen vollstopfen: die Vorstandsgehälter sind 2006 um 16,9 Prozent gestiegen.

Doch ich fürchte, dass weder Kunden noch Arbeitgeber auf mich hören. Aber leider auch nicht auf Sie, Herr Gottlieb: "Wenn die spitzenverdienenden Chefs der Unternehmen beherzigen, dass sich gute Arbeit für alle lohnen muss, und nicht nur für sie, dann ist die Debatte über Mindestlöhne sowieso überflüssig," sagen Sie am Schluss Ihres Kommentars. Ich gebe Ihnen Recht, dann wird die Debatte überflüssig. Im Moment habe ich den Eindruck: Dieser Fall wird nie eintreten.

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Kommentare

Danke! Meinetwegen darf auch gern das Fleisch teurer werden - damit die Fleischer (und Fleischerinnen) einen Mindestlohn erhalten. Sie üben eine Dienstleistung aus, vor der die meisten von uns sich ekeln - und auf die die meisten von uns nicht verzichten wollten.

Wenn ich die Fleischpreise im Supermarkt sehe, dreht sich mir jedenfalls der Magen um. Und das nicht, weil ich ein Kostverächter wäre.

Ja, genau! Solange Manager sich Jahresgehälter von 15 Millionen Euro (!!!) gönnen und einen Dreck darum scheren, wie ihre Angestellten, die auch "gute", also job-gerechte Arbeit leisten, über die Runden kommen, solange wird die Debatte wohl weitergeführt.

Aber mit welchem Ergebnis? Ich mag nicht darüber nachdenken. Was hier in Deutschland auf dem Arbeitsmarkt (und nicht nur dort) so abläuft, dann kommt eine unglaubliche Wut in mir hoch. Von Ethik ist nichts weit und breit nichts mehr zu erkennen. In der Politik ebenso wenig. Lauter Ich-AG-ler: Hauptsache ICH. Das scheint das Motto der Zeit zu sein.

Geiz ist offensichtlich doch geil!

Ich möchte gar keine Debatten hören, wo es sich um Mindestlöhne nicht über 7,50€ dreht, weil es schlichtweg eine Frechheit ist in einem eigentlich reichen Land, denn selbst mit einem Mindestlohn von 7,50 kann man als Alleinverdiener nicht wirklich gut leben, zumindest nicht wenn Kinder da sind.
Und solange sich die Manager die Taschen voll machen, während das Volk immer mehr verarmt, empfinde ich solche Diskussionen von Seiten der Politiker schlichtweg als Hohn!

Liebe Frau Arndt, Ihr Kommentar reizt leider zu kritischen Ergänzungen. Der Einfachheit halber absatzweise: 1.Bereits im Februar 2006 gab es eine Großrazzia in Hamburger Hotels mit Hinweis auf Armuts-Stundenlöhne. Doch erst im Fall Antonia H. - laut einigen Zeitungsberichten offenbar Tochter einer verdi-Funktionärin - kam es zum Medienaufschrei. Zufall ?
2. Kommentare von Sigmund Gottlieb, dem Rechtsaußen des br, kann man doch nicht wirklich ernst nehmen.
3. Als einzige Hotelmarke nennen Sie Kempinski - Antonia H. aber arbeitete im Dorint Sofitel und war festangestellt bei einer Gebäudereinigungsfirma.
4. Kann die BRIGITTE nicht eine Aktion für mehr Sozialgerechtigkeit bei Löhnen anstoßen? Und etwa bei ihren Modestrecken darüber informieren, ob die gezeigten 200-Euro-Blusen von tarifbeschäftigen Näherinnen gefertigt wurden?
6. und 7. Kunden und Arbeitgeber "sollen lernen" - ist das nicht eine typische Kommentar-Schlussfolgerung? Besser wären doch konkrete Forderungen zu stellen - etwa: ausländische Unternehmen können in Deutschland keine Dienstleistungen anbieten, wenn sie nicht NACHWEISLICH "lebenswerte" Mindesttariflöhne zahlen. Dann hört nämlich das ständige Unterbieten heimischer Firmen durch Billiganbieter auf. Oder: Eltern/Privathaushalte und Kleinbetriebe, die SOZIALVERSICHERUNGSPFLICHTIGE Kräfte (Haushalt, Kinderbetreuung, Reinigung) zu Mindesttarifen beschäftigen, können das von der Steuer absetzen. Dann hört die Schwarzarbeit und die Notwendigkeit, sich zu Dumpinglöhnen zu verkaufen, auf.
Und die Damen und Herren Politiker und Behördenvertreter muss man in die Pflicht nehmen. 2 Beispiele, die man (in der "Zeit" und im Magazin "hinzundkunzt.de") beim Recherchieren über Dumpinglöhne findet und die einen ärgern MÜSSEN.
"Jetzt wurden die Pforten− und Empfangsdienste beim Deutschen Bundestag neu ausgeschrieben. In dem entsprechenden Formular hätte die Verwaltung ankreuzen können, dass sie den Auftrag nach dem
»wirtschaftlich günstigsten« Angebot vergibt. Dann wären die Qualität des Unternehmens und die Einhaltung von Standards für die Mitarbeiter in die Entscheidung eingeflossen. Stattdessen wird nun das Unternehmen gesucht, dasden »niedrigsten Preis« anbietet, egal, auf wessen Kosten. Und während sich die Abgeordneten im Plenarsaal über Niedriglöhne erhitzen, werden sie künftig wohl von ebensolchen Niedriglöhnern bewacht." -

"Wie es zugeht bei manchen Firmen aus der Reinigungsbranche, berichtet ein Insider, der ungenannt bleiben will. „Wenn jemand untertariflich zahlt, interessiert das niemanden“, sagt er. Komme es zur Betriebsprüfung, etwa durch die Landesversicherungsanstalt, sei die Rechnung für den Unternehmer einfach: „Wurden zum Beispiel 100.000 Euro Lohn zu wenig bezahlt, will die LVA die nicht bezahlten Sozialversicherungsbeiträge“ – also rund 42.000 Euro. Von den restlichen 58.000 Euro muss man höchstens die Hälfte an Steuern bezahlen. Bleiben immer noch fast 30.000 Euro über. Das Schockierende sei: „Diese Leute machen sich nicht mal strafbar! Der Staat bekommt sein Geld, und alle sind zufrieden."

Auch ein Armutszeugnis - im doppelten Sinn!

Niedriglöhne sind für die Firmen eine Art sich Subventionen zu verschaffen. Denn wer zahlt letzten Endes? Der Staat, wenn die Niedriglohnempfänger ihren Hungerlohn auf Hartz IV Niveau aufgestockt bekommen.
Eine weitere beliebte Methode: eine Stelle streichen und dann die Arbeit von einem Hartz IV Ein-Euro-Jobber machen lassen.
Es gibt hierzulande mittlerweile ganze Wirtschaftszweige die nur von der Verwaltung und Ausbeutung Arbeitsloser leben.

Da ein Unternehmer sowieso nur so viel Personal einstellt, wie er unbedingt braucht, glaube ich nicht, dass durch Mindestlöhne Stellen abgebaut werden. Die Niedriglöhne beziehen sich meist auf Dienstleister, z. B. Frisöre, Zimmermädchen und auf´s Sicherheitsgewerbe. Diese Stellen kann man auch nicht ins Ausland verlagern, da der Kund ja hier hier in Deutschland diese Dienstleistungen in Anspruch nehmen will.
Es wird höchste Zeit, dass der Mindestloh eingeführt wird; 7,50 € ist eigentlich noch zu wenig. Wer ordentliche Arbeit abliefert soll gefälligst auch ordentlich bezahlt werden!

Na also, da lassen doch die Herren die "Hosen" runter. Der "Aufschwung" baut auf den Mindestlöhnerinnen und Mindestlöhnern auf. Bekommen die mehr, bricht die Welt zusammen.

Mindestlöhne würden den Beschäftigungsmotor wieder abwürgen, der doch gerade erst angesprungen sei. Sie bedeuteten "weniger Jobs, mehr Schwarzarbeit und die Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland."

Alles Humbug. Die Arbeitsplätze der Mindest-Verdiener sind es gerade, die nicht auswandern. Und wenn die mehr Geld in der Tasche haben, dann können sie auch mehr ausgeben. Dann bleibt allerdings weniger Geld zum Kaufen von "Schrott" aus China etc.

Was bilden sich denn diese - bitte entschuldigt die krasse Ausdrucksweise - arroganten Säcke auf ihren gepolsterten Sitzen eigentlich ein?

Der Tariflohn für einen ausgebildeten Koch liegt in Sachsen und Bayern, wo anders gibts wohl keine Tarife, bei etwa 7 Euro 50. Vor dreißig Jahren habe ich schon 15 Mark verdient. Allerdings kostete da ein Wiener Schnitzel keine 30 Mark, wie ich letztlich in einem stinknormalen Restaurant sah. Der Gerechtigkeit halber - es war richtiger Weise aus Kalbfleisch. Aber "Wiener Art", aus Schweinefleisch ist ja auch nicht unter 16 Mark, 8 Euro zu bekommen, gelle?

Und: Die Rinderkraftbrühe für 3,80 Euro - aus, ja aus "Korro gekörnter Fleischbrühe" und die Markklößchen aus der Tüte. Das Rumpsteak und das Filet vakuumverpackt aus Botswana. Das in einem Schloßrestaurant mit tollem Ambiente.

Was da wohl die gutsituierten Damen und Herren der "materiellen Oberschicht" wohl sagen würden, wenn sie das wüßten. Wie sagte einer: "Die merkeln das nicht mal." Jau, so ist es.

Ich frage mich: wo bleibt denn das Geld?

Mit herzlichem Gruß und kühl-rauchendem Kopfe
Ihr Mit-Mensch
klaus w.
Dat KlaKoWa

"Verdirb Dir es mit Deinem Koch nicht."
(KlaKoWa)

Die Deutschen haben es sich schon längst mit ihren guten Köchen verdorben.

@Susanne Arndt:Kunden müssen nicht lernen,für Dienstleistungen "angemessen" zu bezahlen.
Das tun wir Kunden bereits und zwar in den allermeisten Fällen schon überteuert.

Die Unternehmen müssen von ihren völlig überzogenen, absurden und unmoralischen Gewinnspannen herunter, dann ist der Mindestlohn ganz einfach.

Ich hatte mich kürzlich für folgenden Job beworben:
"Darum suchen wir für unsere Marketingabteilung eine/n engagierten, tierlieben Mitarbeiter/in, der mithilft unsere Marketing Projekte ins rechte Licht zu rücken.
Internet, Monatsmails, Kataloge, Broschüren Etiketten - es warten viele Aufgaben auf eine/n kreativen Menschen.
Den Willen zum Mitgestalten, die Identifizierung mit uns und dem was wir tun, Leistungsbereitschaft auch über starre Arbeitszeiten hinaus, setzten wir voraus.
Grafische Kenntnisse in Adobe sind erforderlich, Grundlagen des Webdesigns wären von Vorteil.
Gerne berücksichtigen wir Berufseinsteiger oder Bewerber über 45."
Nach einer zweistündigen (Gratis-)Probearbeit wurde mir als Arbeitszeit genannt: von 8.00 bis 17.00 mit einer 15-minütigen Pause pro Tag, Überstunden können anfallen (niemand verläßt das Büro, bevor nicht alles aufgeräumt ist und unsere Haustiere versorgt sind) und "ab und zu" müssen Sie auch Samstags arbeiten. Das Gehalt? EURO 1300 brutto monatlich.
Kein weiterer Kommentar nötig...


Hoch lebe Österreich. Wir haben von den Sozialpartnern (Wirtschaftskammer und Gewerkschaft) ausgehandelte Kollektivvertragslöhne (=Mindestlöhne) die uns noch etwas gemütlicher überleben lassen. Und wenn die Österr. Wirtschaft trotz SPÖ-Kanzler weiter gut funktioniert, dann zahlen wir ab 2010 auch weniger Steuer.

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