Fleisch essen Klima auf
Wenn es um die Wurst geht, also um unseren Fleischkonsum, sind wir skandalerprobt. Der letzte Schrei, inzwischen wieder verhallt, war Gammelfleisch, davor gingen Schweinepest, BSE und Rinderwahn durch die Presse. Dass wir zu viel Fleisch konsumieren, als gesund sein kann, wissen wir also. Und wir glauben, dass Skandal-Meldungen, die im Zusammenhang mit Fleisch stehen, sofort hohe Wellen schlagen. Also: Wussten Sie, dass die Fleischproduktion mehr fürs Klima schädliche Emissionen erzeugt, als der weltweite Autoverkehr? Wahrscheinlich nicht, denn das hat sich noch nicht so richtig herumgesprochen - aus gutem oder: schlechtem Grund ...
In meiner Inbox landen im Laufe eines Arbeitstages selten weniger als zehn Pressemeldungen. Manchmal frage ich mich, wie die Absender ausgerechnet auf mich als Empfänger gekommen sind. Zum Beispiel, wenn ich die Ankündigung für eine Buchneuerscheinung aus dem Esoterik-Bereich erhalte. Meistens lösche ich die Meldungen, ohne weiter darüber nachzudenken. Ab und zu kommt es jedoch vor, dass sie meine Aufmerksamkeit erregen. So ging es mir gestern nachmittag: Die Vegane Gesellschaft Österreich meldete, eine aktuelle Studie im Auftrag der UNO habe ergeben, dass Fleischkonsum hauptverantwortlich sei für den Klimawandel. Ich klickte auf den beigefügten Link, der zur englischen Originalmeldung führte, und stellte fest, dass die schon zwei Monate alt war.
Warum, fragte ich mich, hatte ich davon nicht schon eher gehört ? Immerhin, dass Kuhpupse=Stickoxid-Emissionen schlecht fürs Klima sind, weiß ich, das hatte ich vor Jahren schon mal gelesen. Dass sie inzwischen jedoch mehr Schäden anrichten als der globale Autoverkehr, ist für mich eine Neuigkeit, und zwar eine mit Skandal-Potenzial. Schlagzeilen bauen sich vor meinem inneren Auge auf: "Die Klima-Lüge: Fleisch essen schlimmer als Autofahren", "Rinder-Fürze schuld am Orkantief?"
Doch das Thema wurde Ende November nirgendwo aufgegriffen, als die Studie veröffentlicht wurde. Wer möchte schon, so könnte man sich in den Chefradaktionen der Massenmedien von Bild bis ZDF gedacht haben, in der Weihnachtszeit darüber aufgeklärt werden, wie sehr seine Lebensgewohnheiten zum Himmel stinken, und lesen, dass der leckere Big Mäc zur Erderwärmung beiträgt? Am Fleisch selbst ist ja nichts auszusetzen, anders als bei den Gift- oder Gammelskandalen.
Ich fand das trotzdem merkwürdig, und habe heute nachgeforscht, wo denn überhaupt etwas über die Studie zu lesen war: Die dpa-Meldung vom 30.11. findet man bei 3sat. Die taz berichtete am 5. Januar über die Studie. Richtig ausführlich und sehr anschaulich wurden die Studien-Ergebnisse in der Zeit vom 18. Januar vorgestellt. Aus dem Artikel lernt man zum Beispiel, dass ein Hamburger sechs Quadratmeter Urwald kostet. Und im Hamburger Abendblatt von heute findet sich eine kurze Veröffentlichung zum Thema - das war's dann auch.
Ich wundere mich jetzt nicht mehr darüber, dass die Dokumentation "Unser täglich Brot", die erst vor ein paar Tagen anlief und positive Kritiken erntete, in einer Millionenmetropole wie Hamburg nur im Nachmittagsprogramm gezeigt wird. Wie Nahrungsmittel wirklich hergestellt werden, scheint von minderem Interesse zu sein. Anscheinend glauben wir lieber an die Kühe auf der grünen Weide, die auf den Tetra-Packs abgebildet sind. Die verheerende Wirkung ihrer Fürze interessiert uns höchstens, wenn wir im Sommer über Land fahren und angewidert die Scheiben hochkurbeln, weil's draußen so stinkt.
Diese Studie belegt nur eine schon altbekannte Tatsache. Kühe stoßen vor allem kein Stickoxid aus, sodern Metan (CH4). --> allgemein ist es auch als Faulgas bekannt und ein Treibhausgas. es wird in den Mägen von Kühen durch dort ansässige Bakterien produziert.Übrigens nicht nur Kühe sind rege Metanproduzenten. Auch Reisfelder emitieren große Mengen von Metan und ebenfalls Stickoxide.
Kommentiert von:katrin | Samstag, 27. Januar 2007, 18:57 Uhr
Altbekannte Tatsache - ja, aber neu an der Studie ist, dass die Emissionen in ihrer "Treibhauseffekt-relevanten" Wirkung die des Autoverkehrs übersteigen. Trotzdem danke für die interessante Ergänzung.
Kommentiert von:Wiebke Peters | Montag, 29. Januar 2007, 9:40 Uhr
Auch wenn der Hinweis spät kommt: lieber alle Quellen genau nachprüfen! Ein Blick in den nationalen Inventarbericht 2006 (also der genauen Aufschlüsselung aller klimaschädlichen Gase) für Deutschland verrät, dass der Anteil des Autoverkehrs am CO2-Ausstoß über 15% beträgt, der Anteil des durch Rinder erzeugten Methans (also Verdauung und Gülle) keine 2% der Treibhausgasemission. Bei Autoverkehr ist der Trend zudem steigend, bei Methan hingegen fallend. Zudem wurden die Emissionen des Methans seit 1990 bereits halbiert!
Was also für Brasilien möglicherweise stimmen mag, muss noch lange nicht für Deutschland gelten! Sonst ersetzen wir ein Vorurteil nur durch ein anderes.
Kommentiert von:Atan | Mittwoch, 18. April 2007, 14:58 Uhr
Dies ist ein Hinweis zum Hinweis von meinem Vorschreiber: CO2 und Methan (CH4)lassen sich im Bezug auf die Klimaschädlichkeit nicht quantitativ miteinander vergleichen. Die Wirkung von Methan gilt als mindestens 20 Mal stärker als CO2, was die Bildung des Treibhauseffektes betrifft !
Und wie "wurden die Emissionen des Methans seit 1990 halbiert" (bei mindestens gleichbleibenden Fleischkonsum)? Rinder sind doch keine Maschinen, wo man den Gasausstoß einfach mal runterdrehen kann.
Kommentiert von:Susanne C. aus K. | Montag, 21. Mai 2007, 11:54 Uhr
@Susanne C.
Die Daten des Nationalen Inventars sind in CO2-Äquivalente umgerechnet, d.h. es geht nicht um 2% Methan zu 15% CO2, sondern um wirklich vergleichbare Werte. Einfach mal ins Inventar schauen, da erhält man die wirklichen Daten und nicht irgendwelche Medienschlagzeilen (dies hier ist ja ein Medienblog, deswegen fasziniert mich die Bereitwilligkeit mit der selbst hier auf Nachprüfung irgendwelcher angeblicher Fakten anhand allgemein zugänglicher Quellen verzichtet wird.)
Ansonsten ist die Abnahme sehr leicht erklärbar: Kühe sind nur eine unter verschiedenen wichtigen Methanquellen. So bewirkte allein die Sanierung offener Mülldeponien einen erheblichen Rückgang. Weitere Quellen werden noch erforscht, so gibt es eine aktuelle Diskussion darüber, welche Rolle Wälder als Methanproduzenten spielen.
Kommentiert von:Atan | Dienstag, 5. Juni 2007, 13:47 Uhr
Ich bezweifle, dass Österreich und Deutschland sich beruhigt zurücklehnen können in Bezug auf die Klimaschädlichkeit der Nutztierhaltung...
denn ein sehr großer Anteil der bei uns verwendeten Futtermittel stammt ja schließlich aus Ländern wie eben zB. Brasilien, wo für dessen Anbau täglich unglaublich große Flächen Regenwald gerodet werden, bzw. die "Nutztiere" teilweise auch direkt auf solchen Flächen gehalten werden. Während neben den Feldern Menschen verhungern wird das Getreide dann den Tieren verfüttert, die dann letztendlich auf unseren Tellern landen!
Da können wir wohl schlecht diesen Ländern die Schuld dafür geben - daran macht sich jeder mitschuldig, der Fleisch isst..
Kommentiert von:twiggyy | Donnerstag, 6. März 2008, 12:09 Uhr